„Bei elektrischen Antrieben gibt es mehr Marketing als Markt“

Französische Behörden ermitteln wegen des Dieselskandals gegen den Auto-Konzern PSA. Doch Deutschland-Chef Albéric Chopelin gibt sich im Interview gelassen – und verrät seine Pläne für den zugekauften Opel-Konzern.


Der französische PSA-Konzern ist mit seinen Marken Peugeot und DS 2017 nicht auf der IAA vertreten. Seine Interviews gibt Albéric Chopelin, Deutschland-Chef des französischen Konzerns, auf dem vergleichsweise bescheidenen 900-Quadratmeter-Stand von Citroën. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er, wie er künftig mit der neuen Konzernschwester Opel zusammenarbeiten will und warum er weiter am Diesel festhält.


Mit Peugeot und Citroen hat PSA in Deutschland dieses Jahr massiv bei den Verkäufen zugelegt. Brauchen Sie Opel überhaupt?

Natürlich. Opel ist und bleibt in Deutschland eine besondere Marke. Und für uns ist es eine besondere Aufgabe, diese neue Marke nun in unseren Konzern zu integrieren. Für mich als Verantwortlicher für die anderen drei Konzernmarken sind gute Zahlen natürlich trotzdem wichtig, weil sie uns viel Legitimität geben. Wir als PSA Deutschland arbeiten sehr fokussiert mit unseren drei Marken. Und es ist schön zu sehen, dass auch diese Marken stark wachsen und zwar ganz gesund. Das bedeutet nicht nur beim Volumen, sondern auch bei der Rentabilität.

Wie definieren Sie Ihre eigene Rolle in der Zusammenarbeit mit Opel?

Opel arbeitet in Deutschland strukturell klar getrennt von unseren angestammten Marken Peugeot, Citroen und DS. Aber es gibt theoretisch natürlich viel Potential für eine engere Zusammenarbeit. Da werden wir aber langsam vorgehen. Wir haben mit den ersten Gesprächen mit den Kollegen in Rüsselsheim begonnen, um uns kennenzulernen. Und wir werden Schritt für Schritt überlegen, wo sich eine Kooperation lohnt. Dafür nehmen wir uns aber genügend Zeit.


Wie wird die Opel-Übernahme von ihren Händlern aufgenommen?

Wichtig für unsere Händler ist erst einmal, dass sich die Ertragssituation verbessert. Das haben wir in den vergangenen Jahren geschafft. Welche neuen Möglichkeiten sich durch unsere neue Marke Opel im Handel ergeben, werden wir sehen. Dazu ist es noch zu früh.

Der deutsche Markt war für PSA traditionell nicht einfach. In welchen Segmenten sehen sie die größten Potentiale für Ihre Marken?

Mit zwei Prozent Marktanteil haben wir fast in allen Segmenten Wachstumspotential. Bei leichten Nutzfahrzeugen sind wir heute schon unglaublich gut aufgestellt – da sind wir Marktführer in Europa. Im Wachstumssegment SUV haben wir stark zugelegt. Aber es gibt auch viel Raum für Verbesserungen, beispielsweise bei unseren Kleinwagen Citroën C1 C3 und C3 Aircross oder dem Peugeot 108 208 und 2008. Diese Modelle sind heute viel besser. Wir müssen alle Chancen in unserer Modellpalette nutzen.


Ihre Premiummarke DS verkauft in Deutschland nur wenige tausend Autos und sogar noch deutlich weniger als im Vorjahr. Warum mögen die Deutschen DS nicht?

Da möchte ich energisch widersprechen. Ich denke schon, dass auch die Deutschen DS mögen. Sie kennen die Marke bislang nur noch nicht gut genug. Wir müssen mehr Aufmerksamkeit für die Marke schaffen. Der Absatz in Deutschland war für uns keine Überraschung. DS ist ein langfristiges Projekt, das wir Stück für Stück aufbauen. Dazu sprechen wir bereits mit den Händlern, wie wir die Marke präsenter machen können. Und wir können in den nächsten Monaten auch neue Produkte liefern, mit denen das gelingen wird. Bislang gab es Präsentationen, in Zukunft wird es auch Autos wie den DS7 Crossback geben, mit denen wir den Kunden überzeugen können. Wenn das Auto fliegt, dann fliegt auch DS.

Wohin?

Auch da haben wir klare Ziele. 10.000 Fahrzeuge sollten wir mit DS in Deutschland mittelfristig schon verkaufen. Dabei werden fünf neue Modelle in den nächsten Jahren helfen. Aber auch wie schon unser CEO Carlos Tavares weissagt, braucht es Zeit, eine solche Marke nachhaltig aufzubauen. Insbesondere, wenn man den Absatz nicht künstlich durch Rabatte pushen will.


„Wir spielen nicht mit den Regeln“

Vergangene Woche kursierten Meldungen in französischen Zeitungen, dass in Frankreich gegen PSA wegen Betrugs beim Diesel ermittelt wird. Wie sauber sind die Dieselfahrzeuge von PSA wirklich?

Die Meldungen waren auch für uns eine Überraschung, aber auch eine Gelegenheit, zu bestätigen: Wir spielen nicht mit den Regeln. Wir handeln gesetzeskonform. Wir waren der erste Hersteller, der durch alle Baureihen auf saubere Harnstoffkatalysatoren gesetzt hat. Unsere Diesel wurden von einem unabhängigen Institut unter realen Fahrbedingungen getestet. Die Ergebnisse veröffentlichen wir. Das ist die Transparenz, die nötig ist. Es war darum richtig, den Berichten frühzeitig energisch entgegenzutreten und auch unsere Händler zu informieren.


Trotzdem ist der Absatz von Dieselfahrzeugen massiv gesunken. Nehmen die Kunden ihnen diese Transparenz ab?

Es wird derzeit viel Verbrauchervertrauen zerstört, indem alle Hersteller über einen Kamm geschoren werden. Nehmen Sie alleine die Kritik des ADAC an den Dieselfahrzeugen der Importeure. Es wird zu wenig differenziert, sondern viel zu oft pauschal Kritik geübt. Dass die Kunden dadurch verunsichert werden, kann niemanden überraschen.

Andere Hersteller verabschieden sich schleichend vom Diesel. Ist das für PSA eine Option?

Nein. Wir verkaufen nach wie vor viele Dieselautos. Und gerade bei Firmenfahrzeugen wird der Diesel weiterhin nachgefragt. Es ist wichtig, mit den Kunden zu erklären, was er wirklich braucht. Dafür trainieren wir unsere Verkäufer. Bei Kleinwagen spielt der Diesel kaum eine Rolle. Aber für manche Kunde ist der Diesel der günstigste und effizienteste Antrieb – gerade im Nutzfahrzeugbereich. Wir wären schlechte Berater, wenn wir den Diesel nun verdammen würden.

Trotzdem rechnen viele damit, dass die Elektromobilität künftig eine größere Rolle spielen wird. Warum vollzieht sich dieser Wandel in Frankreich schneller als in Deutschland?

Das hängt meiner Ansicht nach stark vom staatlichen Willen ab, die Elektromobilität zu fördern. In manchen Ländern – auch in Frankreich – gibt es hohe Prämien für den Kauf eines Elektroautos. In Deutschland ist der reine staatliche Zuschuss mit 2000 Euro sehr gering. Darum ist auch der Absatz niedrig. Bislang gibt es bei elektrischen Antrieben mehr Marketing als Markt.


Ist es wirklich nur eine Preisfrage?

Nein, es geht natürlich auch um die Produkte und die Infrastruktur. All das werden Hersteller und Politik in den kommenden Jahren ernsthafter angehen müssen. Gerade junge Menschen haben großes Interesse an Elektroautos, können sich die Modelle oft aber noch nicht leisten. Aber das wird sich ändern.

Wie überzeugen Sie ihre Händler davon, den Wandel voranzutreiben?

Wir sind da ganz klar in einer Übergangsphase. Elektrische Fahrzeuge haben bei uns vier Prozent Marktanteil. Bis 2023 wollen werden wir in der Lage sei, wir 80 Prozent unserer Fahrzeuge auch mit elektrischen Antrieben anbieten. Wir planen vier neue Elektroautos, sieben Plug-in-Hybride. Es reicht aber nicht, auf diese Modelle zu warten. Wir wollen Stück für Stück mehr Elektroautos verkaufen.

Ihre optimistischen Wachstumszahlen werden Sie dieses Jahr voraussichtlich erreichen. Geht es im kommenden Jahr so weiter?

Die Idee ist, mehr Kontinuität als in der Vergangenheit an den Tag zu legen. Das Wachstum muss weiter gesund bleiben, und auch im nächsten Jahr mit hohem Tempo stattfinden. Ich bin da sehr optimistisch.