Einzelfall-Studie: Eine Frau mit HIV hatte 7 Monate lang Covid-19 — das Virus mutierte 32 Mal in ihr

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Eine 36-jährige Frau, die sich bereits in einem fortgeschrittenen HIV-Stadium befindet, erkrankte zusätzlich an Covid-19. Insgesamt trug die Frau das Coronavirus 216 Tage, also sieben Monate in sich, wie eine neue Einzelfall-Studie ergab. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Studie stellten dabei fest, dass sich in ihrem Körper während der Erkrankung 32 Mutationen entwickelten.

Der Fallbericht der 36-Jährigen wurde am Donnerstag als Preprint auf dem Dokumentenserver für wissenschaftliche Fachpublikationen, medRxiv, veröffentlicht. Bislang wurde dieser noch nicht von anderen Experten außer den Autoren begutachtet. Die betroffene Frau wurde in der Einzelfallstudie nicht namentlich bekannt. Über sie ist lediglich bekannt, dass sie 36 Jahre alt ist und in Südafrika lebt.

Von den 32 Mutationen des Coronavirus, die in dem Körper der Erkrankten festgestellt werden konnten, wurden insgesamt 13 Mutationen am Spike-Protein erkannt. Das Spike-Protein ist die nach außen ragende Hülle des Virus. Es ist für die Bindung an eine Wirtszelle nötig. Mutationen am Spike-Protein können sich bilden, damit das Virus eine verbesserte Möglichkeit hat, sich zu verbreiten. Neben den 13 Mutationen am Spike-Protein wurden zusätzliche 19 gefunden, die das Verhalten des Virus verändern könnten.

Bislang sei nicht klar, ob die Mutationen, die die Erkrankte in sich trug, an andere weitergegeben wurden, berichtete die "Los Angeles Times". Einige der Mutationen wurden als besorgniserregend eingestuft. Dazu zählt unter anderem die E.484K-Mutation. Diese Mutation ist Teil der Alpha-Variante, die ursprünglich als B.1.1.7 betitelt und erstmals in Großbritannien festgestellt wurde. Eine weitere besorgniserregende Mutation ist die N510Y-Mutation. Diese ist Teil der Beta-Variante, die zuvor als in Südafrika erstmalig festgestellte B.1.351-Variante bekannt war.

Könnten weitere solcher Fälle festgehalten werden, würde dies neue Ansätze zu Annahmen über die Bildung von Genvarianten liefern – etwa, dass HIV möglicherweise zur Mutationsbildung beiträgt. Das könnte daran liegen, dass mit HIV vorerkrankte Personen ein bereits geschwächtes Immunsystem haben und das Virus länger in sich tragen könnten, sagte Tulio de Oliveira in einem Gespräch mit der "LA Times". Oliveira ist Genetiker an der Universität von KwaZulu-Natal in Durban und Autor der Einzelfall-Studie.

Forschende gehen aber davon aus, dass der Verlauf dieses Einzelfalls eher Ausnahme als Regel ist. Für eine verlängerte Infektion, wie die der 36-Jährigen, sei eine enorme Immunschwäche Bedingung, betonte Juan Ambrosini, Professor für Infektionskrankheiten an der Universität von Barcelona. In der Tat war die Frau in der Fallstudie stark immunsupprimiert. Je nach Stadium der Menschen, die mit dem HI-Virus leben, kann die Immunschwäche stärker oder schwächer vorangeschritten sein.

Trotzdem sind die Ergebnisse dieser Einzelfall-Studie wichtig für die Kontrolle und Bekämpfung von Covid-19. Es sei wichtig, sich der Gefahr für die vorerkrankten HIV-Patientinnen und Patienten bewusst zu sein, erklärte Ambrosini.

Immungeschwächte Patienten könnten Coronavirus länger tragen als andere

Gegenüber der LA Times mahnte Oliveira davor, dass dieser Fall leicht hätte unbemerkt bleiben können. Denn nachdem die Frau im Krankenhaus wegen ihrer ersten Symptome behandelt wurde, zeigte sie nur leichte Symptome von Covid-19. Diese schienen nicht weiter besorgniserregend zu sein. Auf den Fall der 36-Jährigen sind die Wissenschaftler nur gestoßen, weil die Erkrankte auch an einer separaten Studie teilnahm. Für diese wurden 300 Menschen mit HIV hinsichtlich ihrer Immunantwort auf Covid-19 untersucht.

Im Zuge dessen fanden die Forscher auch heraus, dass vier andere Menschen mit HIV ebenfalls das Coronavirus länger als einen Monat in sich trugen. Bislang war nur ein weiterer Fall einer Person mit HIV, die das Coronavirus über einen längeren Zeitraum in sich trug, bekannt gewesen. Auch bei anderen Patienten, die geschwächte Immunsysteme hatten, konnte das Coronavirus über längere Zeiträume im Körper festgestellt werden, so. Ambrosini. Dazu gehörten ihm zufolge einige Fälle von Menschen mit einer Nierentransplantation, bei denen fast ein Jahr lang das Virus im Körper nachgewiesen werden konnte.

Der neue Befund der 36-Jährigen könnte besonders für Afrika von Bedeutung sein. Laut dem gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen für HIV leben auf dem Kontinent im Jahr 2020 etwa 26 Millionen Menschen mit HIV. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte am Freitag davor, dass ein starker Anstieg der Covid-19-Fälle dort zu einer kontingent-weiten neuen Welle von Covid-19 führen könnte.

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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