Einwanderung in Italien: Vorurteile und ihr Wahrheitsgehalt

Wie wichtig ist das Thema Einwanderung für den italienischen Wahlkampf? Könnte die Berichterstattung in den Medien den Ausgang der Wahl beeinflussen? Euronews war in der Region Veneto im Nordosten des Landes, wo es ehrgeizige Integrationsprogramme gibt. Allerdings werden dort auch viele Ausländer mit wachsender Fremdenfeindlichkeit konfrontiert.

Der frühere Bürgermeister von Treviso, Giancarlo Gentilini, ließ Bänke aus den Straßen entfernen, damit sich dort keine Einwanderer versammeln. Gentilini begründet, “wir brauchen Ordnung und Disziplin. Zuerst sind wir dran, dann die anderen. Die Straßen und Häuser hier sind voller Migranten. Überall gibt es Kriminalität, Gewalt und sexuelle Übergriffe.”

Italiens Einwanderer, Italiens Abeitskräfte

Viele Menschen in der Region Veneto teilen seine Meinung. Marzio Barbagli, Soziologe an der Universität Bologna, hat die Vorwürfe auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Er widerspricht, “nein, die Kriminalitätszahlen sind nicht angestiegen.

Oft werden die Einwanderer Tod geschwiegen. Monatelang hat man nichts für sie getan. Während der dreijährigen Renzi-Regierung hat sich niemand gekümmert, solange bis Innenminister Marco Minniti ins Amt kam.”

Michele Carlino, euronews: “Wie wichtig ist das Thema für die italienischen Wähler abgesehen von der alarmierenden Wahlkampf-Rhetorik?”

Barbagli: “Nicht so wichtig, wie es die Parteien annehmen. Es gibt nur wenige Menschen, die bereits wissen, wem sie ihre Stimme geben wollen. Übertreibungen sind nötig, um bei den Anhängern für Aufregung zu sorgen. Das schafft einen Enthusiasmus, der sonst im politikverdrossenen Italien nicht mehr existiert.”

Ein Paradox: Obwohl die Fremdenfeindlichkeit in Treviso steigt, braucht die Stadt Einwanderer: vor allem im Baugewerbe und im Tourismus. Dort ist man auf diese Arbeitskräfte angewiesen.

Wie im Restaurant Alfredo von Nicola Filippini. Er erklärt: “Die Wirtschaftkraft würde sonst zurückgehen. Nicht nur, weil Italiener bestimmte Arbeiten nicht mehr machen wollen. Sondern auch wegen der Fähigkeiten, die die Migranten mitbringen. Wir haben eine Köchin aus Togo. Dank ihr konnten wir unsere Tageskarte erweitern und unsere Gerichte verbessern.”

Erste Anlaufstellen

Es gibt nur wenige Aufnahmezentren in Treviso, die angesichts ständig wachsender Asylbewerberzahlen überfordert sind. Freiwillige Helfer sind oft der einzige Kontakt, den die Tausenden afrikanischen Flüchtlinge haben, die über Lampedusa nach Treviso kommen. Vereine organisieren Italienischkurse sowie Kunst -und Musik-Workshops, um ihnen die soziale Eingliederung in die Gesellschaft zu erleichtern.

Auch Yannick Noah Cimbalanga engagiert sich. Der gebürtige Togolese hat Ähnliches durchgemacht. “Damit Integration stattfinden kann, müssen die Menschen ihre Vorurteile hinter sich lassen und sich weiterentwickeln, doch das macht Angst. Als ich ein Jugendlicher war, war Italien noch anders. Doch jetzt, als Erwachsener, finde ich, dass das Land sich stark verändert hat. Da es in Italien angesichts stagnierender Wirtschaft mehr und mehr Arme gibt, die auf keinen grünen Zweig kommen, werden Immigranten zum Problem.”

Der junge Akademiker hat bereits seit einiger Zeit einen italienischen Pass. Trotz der vielen Jahre in Italien fühlt er sich noch nicht voll integriert. “Für meine Kinder wünsche ich mir ein Italien, in dem sie sich nicht anders fühlen müssen,” hofft er.