„Es ist einfach pervers“

Vor dem Duisburger Werk des Industriekonzerns Thyssen-Krupp stemmen sich Teile der Belegschaft gegen die geplante Fusion mit Tata. Die Arbeitnehmer fühlen sich betrogen – und kündigen einen harten Kampf an.


Die Stimmung vor Werkstor 1 in Duisburg-Bruckhausen ist am Mittwochmorgen ausgelassen. Ein tragbarer Lautsprecher spielt Radiomusik, jemand hat ein Zelt aufgebaut, Dutzende Stahlarbeiter von Thyssen-Krupp sind vom Werksgelände gekommen und wollen protestieren. Einige holen sich gleich eine heiße Bratwurst vom Grill. „Die sind aus Rindfleisch, nimm ruhig“, versichert der Grillmeister einem türkischen Kollegen. Erst reicht er ihm lächelnd ein Würstchen im Brötchen, dann klingt seine Stimme ernst. „Wer weiß, vielleicht gibt’s für uns ja bald nur noch Schwarzbrot.“

Wenige Stunden zuvor hat Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger bekanntgegeben, dass der Konzern mit dem indischen Konkurrenten Tata eine Absichtserklärung über eine Fusion beider Stahlsparten unterzeichnet hat. Seit Monaten verhandeln beide Parteien, das Gemeinschaftsunternehmen soll der zweitgrößte Stahlkonzern Europas nach Marktführer Accelor Mittal werden: 15 Milliarden Euro Umsatz, eine Produktion von gut 21 Millionen Tonnen Flachstahl pro Jahr und fast 50.000 Mitarbeiter brächte das Joint Venture auf die Waage. Nach der Ankündigung stieg die Thyssen-Krupp-Aktie zeitweise um 2,4 Prozent.


Doch so sehr sich die Aktionäre über Hiesingers Ankündigung freuen: Die Belegschaft wehrt sich heftig. Für Freitag hat die IG Metall eine große Demonstration gegen die Fusion in Bochum angekündigt. Dort erwartet werden dann auch die Größen der Bundespolitik: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Schon zwei Tage vorher gehen einige Mitarbeiter auf die Barrikaden.

Beim Ad-hoc-Protest in Duisburg schaut am Mittwoch nur der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link (SPD) vorbei. Wie viele der anwesenden Arbeiter hat auch er vom fortgeschrittenen Stand der Gespräche zwischen Thyssen-Krupp und Tata erst aus der Zeitung erfahren. „Das ärgert mich, das ist ganz schlechter Stil“, wirft Link dem Management vor. Die Arbeiter, von denen die meisten rote IG-Metall-Aufkleber auf ihren weißen Helmen haben, nicken. Sie fühlen sich von ihrem Vorstand betrogen.


Markus Stockert, der für Thyssen-Krupp in Duisburg arbeitet und dem Betriebsrat angehört, sagt: „Es ist einfach pervers, wie der Vorstand den Deal von langer Hand geplant hat und uns trotzdem im Dunkeln ließ.“ Er fürchtet, dass viele Arbeitsplätze wegfallen könnten – womöglich mehr, als der Vorstand in seiner ersten Mitteilung an die Belegschaft zugeben will. Etwa 4000 Arbeitsplätze sollen der Fusion demnach zum Opfer fallen, je 2000 bei Thyssen-Krupp und bei Tata, heißt es in der Hochglanzbroschüre, die am frühen Morgen in allen Konzernstandorten verteilt wurde.


„Die Broschüren müssen lange vorbereitet worden sein“


Erst im März habe Vorstandschef Hiesinger angekündigt, 15 Prozent der Stellen streichen zu wollen, klagt Stockert. „Ob die neuen Streichungen dort inbegriffen sind oder noch dazukommen, wissen wir nicht.“ Es ist diese Unsicherheit, die viele der anwesenden Mitarbeiter wütend macht. Sie haben den Eindruck, dass der Mutterkonzern mit dem Teilverkauf der Stahlsparte bloß Schulden finanzieren will – davon zeugt ein Plakat, das der Betriebsrat vor dem Eingang aufgehängt hat.

Am Wochenende ist eine Sitzung des Aufsichtsrats geplant, der dem Deal noch zustimmen muss. Dabei sein wird auch Tekin Nasikkol, der für die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp sitzt und vor gut 30 Jahren seine Ausbildung bei der damaligen Thyssen Stahl AG begann. Beim Spontanprotest vor Tor 1 stimmt er seine Kollegen für die Großdemonstration am Freitag ein: „Wir müssen jetzt alle unsere Möglichkeiten nutzen.“

Er glaubt nicht, dass die Absichtserklärung erst kürzlich beschlossen wurde. „Diese aufwendigen Hochglanzbroschüren, die heute an die Belegschaft verteilt wurden, müssen lange vorher vorbereitet worden sein.“ Schon seit anderthalb Jahren gebe es die Gerüchte über eine Fusion mit Tata, aber nie habe der Vorstand ein Gespräch mit den Mitarbeitern gesucht. „Im Gegenteil, der Vorstand hat alles zurückgehalten.“ Seine ablehnende Haltung zur Fusion habe sich auch nach der Absichtserklärung nicht geändert, sagt Nasikkol.


Mit seiner Vermutung ist der Betriebsrat nicht alleine. Auch viele der Protestierenden werfen dem Management vor, den Deal schon längst unter Dach und Fach gehabt, aber vor der Belegschaft verheimlicht zu haben. „Es gibt im Internet ja auch schon Videos, die für den Zusammenschluss werben“, sagt eine Mitarbeiterin, die ebenfalls dem Betriebsrat angehört. Das könne man nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vorbereiten. „So kann man mit uns nicht umspringen“, pflichtet ihr ein Kollege bei.

Glaubt man den Metallern, sind die Aktion vor dem Duisburger Werk und die Demonstration in Bochum erst der Anfang. Anfang 2018 will der Thyssen-Krupp-Vorstand die Fusion mit Tata endgültig unterzeichnen, der angekündigte Abbau von 4000 Stellen soll dann am Ende des Jahres erfolgen. Vorher dürften noch viele Rindswürstchen über den Grill vor Tor 1 wandern. Betriebsratsmitglied Markus Stockert sagt: „Ohne Mampf kein Kampf.“