Eine Doku über Franz Beckenbauer ganz ohne Franz Beckenbauer

Die Autoren der Dokumentation fragen sich: Gibt es ihn noch – den Kaiserweg für Franz Beckenbauer?

Franz Beckenbauer war “der Kaiser” von Deutschland. Kaum jemand hatte so hohe Sympathiewerte wie der Mann, der Deutschland als Spieler und Trainer zum Fußballweltmeister machte. Bis im Jahr 2015 sein Ruf extrem beschädigt wurde. Seitdem steht er unter Verdacht, die WM 2006 für 6,7 Millionen gekauft zu haben. Die ARD zeigte am Dienstagabend eine Beckenbauer-Doku mit dem Titel: “Franz Beckenbauer – Der Fall des Kaisers”. Eine Bestandsaufnahme, mehr nicht.

Vielleicht waren die Erwartungen zu hoch. Immerhin ist es die ARD, das Erste Deutsche Fernsehen. Es ist eine Dokumentation von zwei langjährig berufstätigen Journalisten. Sie haben sich dieses Thema gewählt. Man denkt: sicher nicht ohne Grund! Und doch muss man nach 45 Minuten “Franz Beckenbauer – Der Fall des Kaisers” feststellen, dass die Autoren Sven Kaulbars und Ole Zeisler nichts Neues zu erzählen hatten, äußerst redundant in Inhalt und Wortwahl sind und sich damit nicht weit vom Boulevard-Journalismus entfernt haben.

Aber fangen wir von vorne an. Zwölf Minuten dauert es, bis der Zuschauer erfährt, was die Problemstellung der Doku eigentlich ist. Zwölf Minuten tappt der Zuschauer im Dunkeln, bekommt aufgezeigt, dass das Wissen über Franz Beckenbauers Taten Allgemeinwissen geworden sein muss, sonst würde es hier nicht so lange vorausgesetzt. Nach zwölf Minuten erfährt der bis dahin ziemlich dumm zusehende Zuschauer dann endlich: Es geht um 6,7 Millionen Euro. Die soll Franz Beckenbauer in seiner Funktion als Vorsitzender des Bewerbungskomitees an Katar gezahlt haben, um die Weltmeisterschaft – schließlich erfolgreich – nach Deutschland zu holen.

6,7 Millionen Euro soll Franz Beckenbauer für die WM in Deutschland 2006 gezahlt haben.

Die Spiegel-Redakteure Rafael Buschmann und Gunther Latsch haben das für ihren Spiegel-Artikel “Das zerstörte Sommermärchen” im Jahr 2015 recherchiert und aufgeschrieben. Zwei Mal erwähnt der Sprecher der Dokumentation, dass die beiden im zehnten Stock des Spiegel-Gebäudes sitzen. Eine unwesentliche Information. “Dass am Ende unserer Recherche jemand wie Franz Beckenbauer so in den Mittelpunkt rückt, war uns vorher nicht klar”, sagt Buschmann. Und Gunther Latsch ergänzt: “Ich habe immer noch sehr Respekt vor dem Fußballer und Trainer Beckenbauer.”

Und das ist auch ein Problem der Doku oder vielleicht kann man das auch nicht der Doku anlasten, sondern den Gesprächspartnern. Vergeblich haben sich die Autoren Kaulbars und Zeisler bemüht, Menschen zu finden, die sich strikt gegen das aussprechen, was Franz Beckenbauer im Verdacht steht, getan zu haben.

Da wäre zum Beispiel Alfons Schubeck. Der Starkoch aus München wirbt in seinem Lokal mit einem Pappaufsteller von Franz Beckenbauer. Der langjährige Beckenbauers sagt: “Was dieser Mann für Deutschland getan hat, kann man gar nicht in Worte fassen!” Oder Lothar Matthäus, ein Fußballer, der Beckenbauer viel in seiner Karriere zu verdanken hat. Auch er sagt nur: “Das klingt vielleicht jetzt lustig, aber im Ausland sagen sie: Es hat noch nie jemand so billig eine Weltmeisterschaft bekommen, warum ärgert ihr eure Helden?” Ja Lothar, das klingt lustig. Denn wenn ein System wie die Fifa korrupt ist, warum kann ein einflussreicher Beckenbauer – damals Vizepräsident des DFB, ein einflussreiches Land wie Deutschland – mit Top-Vereinen wie dem FC Bayern München, nicht wenigstens versuchen, dieses System nicht mitzutragen?

“Selbst bei der WM war Kaiserwetter”, sagt Lothar Matthäus. Ja auch dafür ist Beckenbauer verantwortlich.

Auch Fußballkommentator Marcel Reif wird befragt. Er bleibt im Interview, was er ist: Kommentator. Das Thema sei kein Kneifzangenthema, aber eben schwierig, sagt er. Dass Lothar Matthäus sich nicht negativ über Franz Beckenbauer äußert, sei verständlich, sagt er. Und so weiter. Dass das Thema echt schwierig ist, finden die Autoren selbst auch. Mehrfach erwähnen sie, das Thema sei “komplex, kompliziert und schwierig”. Wieder fragt man sich, warum sie es sich gewählt haben, wenn es doch so kompliziert ist und sie dieser Komplexität nicht Herr werden können.

Mehrmals fahren Kaulbars und Zeisler nach Salzburg. In der Wahlheimat von Beckenbauer besuchen sie sein Haus, treffen jedoch niemanden an. Da greifen sie zu einer Methode, die böse Zungen als boulevardesk beschreiben würden: Sie befragen die Passanten. Ja am Samstag habe sie den Herrn Beckenbauer noch gesehen, sagt eine ältere Dame mit Hund. “Wie geht´s ihm?”, fragt einer der Autoren. “Ja wie soll’s ihm gehen. Sie wissen, dass er eine Herz-OP gehabt hat?” Ja, das wissen die Autoren schon, aber hätten sie es nicht gewusst, jetzt hätten sie es erfahren.

Und so bleibt die Dokumentation an der Oberfläche. Man erfährt nichts Neues über den Fall Franz Beckenbauer. Was man erfährt ist: Der Kaiser hat über die Jahre treue Freunde gesammelt, die nicht schlecht über ihn reden werden. Viele von ihnen lehnen Interviewanfragen ab, so zum Beispiel Uli Hoeneß. Die, die über ihn reden, wie sein Ex-Mitspieler Paul Breitner sagen zum Schluss: “Sie können schreiben und zeigen was sie wollen, aber ich werde nicht ein Haar an Franz Beckenbauer krümmen.”

Foto: Screenshot / ARD