Ein Mensch aus New York: Ist das der Sinn des Lebens?

Willy Flemmer
·Freier Autor für Yahoo
·Lesedauer: 4 Min.

Ein Mann liebt Frau und Kinder. Auch um seine Mitmenschen kümmert er sich aufopferungsvoll. Er selbst gibt sich mit dem Allernotwendigsten zufrieden. Dafür wird er von seinem Sohn im Internet gefeiert.

Symbolbild: Getty Images
Symbolbild: Getty Images

Was ist der Sinn des Lebens? Was treibt uns Menschen an? Auf welches Ziel steuern wir unser zeitlich begrenztes Erdendasein zu? Auf diese Fragen wird jeder Mensch eine andere Antwort geben. Ein Mann in den USA hat sie für sich früh beantwortet. Er lebte vor allem für seine Familie und seine Mitmenschen. Dafür hat ihm eines seiner Kinder im Internet nun ein Denkmal gesetzt.

"Ich habe den Mann niemals ein Buch lesen sehen", so beginnt die Liebeserklärung an den Vater durch eines seiner vier Kinder. Der Text ist auf dem Facebook-Profil von "Humans of New York" erschienen, wo einem "weltweiten Publikum täglich Einblicke in das Leben Fremder auf den Straßen von New York City" gewährt würden, wie der Gründer des Profils schreibt.

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Verfasst hat das Schreiben vermutlich der älteste Sohn des Mannes. Denn dem Facebook-Eintrag ist neben mehreren Familienbildern auch ein Foto beigefügt, auf dem ein Mann um die 40 Jahre abgebildet ist. Er sitzt in einem Lebensmittelgeschäft und blickt lächelnd in die Kamera. Es ist naheliegend, dass es sich um den Autor des Textes handelt.

Sonderlich belesen mag der Vater zwar nie gewesen sein, dafür hat er ein "Händchen für Zahlen", schreibt der Sohn weiter. Dieses Talent öffnet dem Mann, "dessen Eltern nie Geld hatten", die erste Tür ins Berufsleben. Er bekommt eine Anstellung in einem Lebensmittelmarkt, wo er bald – eben wegen seines Faibles für Zahlen – zum Manager befördert wird.

Arbeit und Familie unter einem Hut

Das Geschäft wird für den Mann "ein großer Teil seines Leben". Er arbeitet hart, sechs Tage in der Woche. Bald hat er genug Geld zusammengespart, dass er den Laden von seinen Chefs abkaufen kann. Die Arbeit ist für ihn wichtig, "zu einer Besessenheit" wird sie aber nicht. Der "süße Mittelpunkt" seines Lebens bleibt die Familie, so der Sohn.

Seine Frau lernt der Mann im Lebensmittelgeschäft kennen, wo auch er arbeitet. In sie ist er "wahnsinnig verliebt". Die beiden heiraten, bald wird das erste Kind, der Autor des Textes, geboren. Auch die Kinder liebt er innig. Der Sohn formuliert die Vater-Kinder-Beziehung so: "Seine Vorstellung von einer guten Zeit war es, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen."

Doch nicht nur Frau und Kinder sind dem Mann wichtig, auch um seine Mitarbeiter kümmert er sich aufopferungsvoll. "Früher dachte ich, dass Papa nur ein 'Familienmensch' sei. Aber als ich älter wurde, erkannte ich, dass seine 'Familie' sich auch auf die Menschen erstreckte, die für ihn arbeiteten." Manchmal sei er sogar "zu großzügig", fügt der Sohn hinzu. Er sei schon "ausgebrannt" gewesen, doch das sei ihm egal. "Für andere Menschen setzt er einfach alles auf eine Karte."

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Brief von Mutter Teresa

Von der Großzügigkeit profitieren auch Menschen, die der Mann nicht kennt, denen er aber in ihrer Not immer wieder Lebensmittel spendet. Diese Hilfsbereitschaft spricht sich herum. Auch Mutter Teresa fällt sie auf, die ihm sogar einen Brief schreibt. Ein Foto von dem auf den 22. Mai 1989 datierten Schreiben hat der Sohn ebenfalls veröffentlicht. Darin bedankt sich die Ordensschwester für die "Liebe, die er Gottes armen Menschen schenkt".

Zu den Armen dürfte sich heute auch der Mann selbst zählen. Das Lebensmittelgeschäft besitzt er schon lange nicht mehr, er übereignet es seinen vier Kindern, kurz nachdem er es gekauft hat. Seine Anwälte und Buchhalter hätten ihm die Entscheidung ausreden wollen, meint der Sohn, doch vergeblich. Er hätte ihnen nur geantwortet: "Ich war arm, als ich mit dieser Sache anfing, und so will ich auch weiter leben."

Bescheiden sein und sich mit dem Allernotwendigsten begnügen, für die Familie da sein, sich um die Mitmenschen, vor allem die Bedürftigen kümmern – ist das also der Sinn des Lebens, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen? Für diesen einen Menschen, den "Human of New York" ist es das offenbar. Wir anderen mögen es mit dem Thema halten, wie wir wollen.

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