Ein Leben nach dem Lockdown: Wie lange wird es dauern, bis sich wieder alles normal anfühlt?

Hannah Klaiber
·Freie Journalistin
·Lesedauer: 5 Min.

Vor einem Jahr ging Deutschland in den ersten harten Lockdown – und bis heute hat sich die Welt für uns alle verändert. Und während wir einerseits hoffen, unser gewohntes Leben so schnell wie möglich zurückzubekommen, können sich andererseits Ängste und Sorgen entwickeln. Wie wir damit umgehen können? Diese Tipps geben Psychologen.

Es sind Anlässe und Events wie diese, die größte Vorfreude, doch auch Sorgen und Ängste auslösen können. (Bild: Getty Images)
Es sind Anlässe und Events wie diese, die größte Vorfreude, doch auch Sorgen und Ängste auslösen können. (Bild: Getty Images)

Wenn uns die Pandemie eines ganz deutlich vor Augen geführt hat, dann die Tatsache, dass wir uns an verschiedene Umstände wahnsinnig schnell gewöhnen können. Der Griff zur FFP2-Maske fühlt sich für viele von uns heute schon so normal an, dass der Gedanke daran, sie irgendwann nicht mehr tragen zu müssen genauso erleichternd wie beunruhigend sein kann. Festivals? Kinobesuche? Ein feucht-fröhlicher Abend unter Freunden? Alles Anlässe, die ein wohliges Kribbeln und die größte Vorfreude auslösen – und dennoch quält uns hin und wieder die Frage: Wie lange wird es dauern, bis sich nach dem Lockdown all das, was vor Corona völlig normal war, nicht mehr komisch oder verboten anfühlen wird?

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"Wenn wir uns angesichts der Aussicht auf ein Ende des Lockdowns ängstlich oder nervös fühlen, ist es hilfreich, die Gründe dafür zu ermitteln", so die Psychologin Dr. Meg Arroll zur britischen Cosmopolitan. Inzwischen hätten wir uns an diese alternative Art des Pandemielebens gewöhnt. "Übergänge verursachen häufig psychisch wachsende Schmerzen und wir versuchen, auf bekannte Gewohnheiten zurückzugreifen, um ein Gefühl der Sicherheit zu schaffen."

Statt aufs große Festival vielleicht lieber erst mal mit der BFF ins Café! (Bild: Getty Images)
Statt aufs große Festival vielleicht lieber erst mal mit der BFF ins Café! (Bild: Getty Images)

Eine Übergangsphase ist wichtig

Im Grunde müssen wir uns von den Verboten und Regeln, welche die Corona-Pandemie mit sich bringen, genauso entwöhnen, wie von allen anderen Gewohnheiten. "Wir wissen, dass es im Schnitt 66 Tage dauert, bis wir eine alte Gewohnheit durch eine neue ersetzen können", so Dr. Meg Arroll im Interview mit Cosmopolitan. Allerdings schwanke diese Zeitspanne sehr stark: Während es manchen Menschen schon in 18 Tagen gelinge, gewohnte Muster zu durchbrechen, benötigten andere 254 Tage. Wichtig sei es für alle, dass der Übergang vom Lockdown zur Selbstbestimmung, wie wir sie zuvor gewohnt waren, schrittweise verlaufe.

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Konkret bedeutet das: Wer sich beispielsweise mit dem Gedanken an große Menschenmengen nach Ende des Lockdowns noch schwertut, sollte sich zuerst in kleineren Kreisen treffen und die sozialen Kontakte und Aktivitäten nach und nach wieder aufbauen. Wichtig ist es, in der Übergangsphase ein ganz eigenes Tempo zu entwickeln, stets darauf zu achten, wie es sich anfühlt und gegebenenfalls einen Gang zurückzuschalten. "Bei sozialer Angst kann zudem eine kognitive Verhaltenstherapie ebenso helfen wie progressive Entspannungsübungen", so Dr. Meg Arroll.

"Denken Sie immer nur an heute und an den nächsten Tag"

Dass die Corona-Regeln für viele Menschen ein harter Einschnitt waren, es aber in unserer Natur liegt, sich anzupassen, das sieht auch der Hypnotherapeut und Angstexperte Adam Cox so. "Die Sorge vor dem Unbekannten kann dazu führen, die Zukunft überzudramatisieren", so Cox im Interview mit der Vogue. In Extremfällen könne Agoraphobie die Folge sein – also ein Zustand, in dem jeder Gang nach draußen vermieden und der Lockdown gewissermaßen zur normalen Lebensweise werde. Die Frage danach, was wir konkret gegen Angstzustände unternehmen können, beantwortet der Experte gegenüber der Vogue so: "Denken Sie immer nur an heute und an den nächsten Tag und nicht daran, wie die nächsten Monate aussehen werden. Dann fühlen Sie sich nicht so überwältigt. Akzeptieren Sie, dass es Dinge gibt, die Sie nicht selbst in der Hand haben, andere aber schon." Sinnvoll sei es, sich auf positive Bewältigungsstrategien wie Sport, Mediation, Spaziergänge und Zeit an der frischen Luft zu konzentrieren. Und auch Cox rät: "Achten Sie auch auf Ihren inneren Dialog; sind Ihre Gedanken hilfreich oder verstärken sie das Gefühl der Angst?"

Vor dem Office erst mal ein Stündchen in den Wald? Werde dir darüber bewusst, welche Gewohnheiten du auch nach dem Lockdown beibehalten möchtest. (Bild: Getty Images)
Vor dem Office erst mal ein Stündchen in den Wald? Werde dir darüber bewusst, welche Gewohnheiten du auch nach dem Lockdown beibehalten möchtest. (Bild: Getty Images)

Wir dürfen uns eingestehen, dass der Lockdown auch positive Seiten hat

"Ich muss mich nicht schlecht fühlen, wenn ich zuhause bin, mehr schlafe, lese und mich vorrangig um Inneres und nicht um Äußeres kümmere", heißt es auf der E-Mental Health-Plattform Hellobetter.de, für die ausgebildete Psychologinnen und Psychotherapeuten arbeiten. In dem Leitfaden "Angst vor Ende des Lockdowns? So wappnen wir uns vor Freizeitstress" geht es auch darum, anzuerkennen und sich darüber bewusst zu werden, was uns der Lockdown gelehrt hat – und zwar auch im positiven Sinne. "Indem wir uns diese Erkenntnisse weiterhin bewusst machen und neue gute Gewohnheiten aufrechterhalten, können wir uns davor wappnen, in der Normalität ins Schwimmen zu geraten." Um weniger Unbehagen oder Angst vor dem Ende des Lockdowns zu empfinden, könne es schon helfen, sich ganz konkret vorzunehmen, welche Gewohnheiten man beibehalten möchte. "Nimm dir zum Beispiel weiterhin 10 Minuten Zeit, um morgens zu meditieren, auch wenn es wieder ins Büro geht."

Psychologische Hilfe während der Corona-Krise

Auf psychologische-coronahilfe.de gibt es umfangreiche Informations- und Beratungsangebote für alle Menschen, die durch die Corona-Krise belastet sind und nach Unterstützung suchen. Die Website ist eine Initiative der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und des Verbunds universitärer Ausbildungsgänge für Psychotherapie.

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