Ein Klassenunterschied

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Der FC Bayern München zieht in der Bundesliga an der Spitze wieder seine eigenen Kreise. Im direkten Duell mit Borussia Dortmund wurde die Unterschiede zwischen beiden Teams deutlich. Dem BVB fehlt es vor allem an der Qualität. 

Der FC Bayern holte den siebten Sieg im siebten Spiel unter Trainer Heynckes

Jupp Heynckes hatte am Ende seines Interviews mit Sky noch eine kleine Drohung für die Konkurrenz parat. “Wenn wir wieder die verletzten Spieler am Bord haben, werden wir noch besseren und hoffentlich auch erfolgreichen Fußball spielen”, sagte der Trainer des FC Bayern nach dem 3:1-Sieg in Dortmund.

Nun ist es nicht so, dass die Bayern unter Heynckes die Liga in Stücke reißen; es gab in den letzten Jahren schon dominantere Zeiten. Aber seitdem der 72-Jährige wieder mitmischt, sind die Münchner dem Rest der Liga doch wieder ein kleines Stück enteilt. Elf Punkte hat der FC Bayern Borussia Dortmund an den letzten vier Spieltagen abgenommen, der erste Verfolger RB Leipzig hat auch schon vier Zähler Rückstand. Bayern München und Jupp Heynckes – das funktioniert auch nach viereinhalb Jahren Pause.

Heilende Wirkung mit einfach Mitteln

Der Coach hat eine völlig verunsicherte Mannschaft mit einfachen Mitteln wieder auf Kurs gebracht. Er hat die Spieler mit seiner ruhigen, sachlichen Art stark geredet. Er hat Führungsspieler wie Robben oder Müller für unverzichtbar erklärt und sie mit allen Freiheiten ausgestattet. Er hat mit Javi Martinez seinen Schlüsselspieler aus dem Triplejahr 2013 wieder dort hingestellt, wo er am besten ist: ins zentral defensive Mittelfeld. Und er fördert die Hochtalentierten, die unter seinen Vorgängern Guardiola und Ancelotti zwischen Platz, Bank und Tribüne hin- und herpendelten. Kingsley Coman hat unter Heynckes sämtliche Ketten abgelegt.

Sieben Spiele, sieben Siege, einer davon nach Elfmeterschießen. Heynckes’ Bilanz ist makellos, was angesichts der Gegner (zweimal Leipzig und Dortmund) nicht unbedingt zu erwarten war. Die Bayern haben sich mehrfach erfolgreich durchgebissen (Leipzig im Pokal, Hamburg, Glasgow), aber auch überzeugende Siege eingefahren (Leipzig in der Liga und Dortmund).

Dortmund hat zu wenig Qualität

Es ist gerade mal fünf Wochen her, da war der BVB drauf und dran, die Bayern abzuhängen. Fünf Punkte Vorsprung nach sieben Spieltagen, herausgearbeitet durch eine starke Defensive (kein Gegentor in den ersten fünf Spielen) und einer wie geschmiert funktioniere Offensive, was insbesondere beim atemberaubenden 6:1 gegen Borussia Mönchengladbach zu beobachten war. Die beiden Pleiten in der Champions League gegen Tottenham und Real Madrid wurden einem Schuss Übermut zugeschrieben.

Doch beim BVB stimmt weit mehr nicht, als nur der Hang zur Naivität gegen europäische Topteams. Nimmt man Christian Pulisic einmal aus, erreicht kein Dortmunder Spieler Normalform – und das schon seit Wochen. Die Fehlerkette zieht sich vom Torhüter bis zum Angriff, gegen die Bayern war es Yarmolenko, der zwei Großchancen ausließ. Die Abwehr ist ein Torso; für diese These braucht es keine Top-Qualität der Bayern. Auch Frankfurt, Hannover und Nikosia nutzten die Fehler der BVB-Defensive gnadenlos aus und mussten sich dabei nicht sonderlich anstrengen.

Es liegt nicht am angeblich so riskanten Spielsystem von Peter Bosz, sondern an der ungewöhnlich lang andauernden Formschwäche vieler Spieler und letztlich an der fehlenden Qualität. Roman Bürki, Marc Bartra, Ömer Toprak, Jeremy Toljan – der BVB schleppt vor allem in der Defensive zu viel Durchschnitt mit.

Es droht doch wieder Langeweile an der Spitze

Auch wenn sich die Dortmunder gegen den FC Bayern eine Reihe von guten Tormöglichkeiten erarbeitet haben, waren sie letztlich chancenlos. “Bayern war heute, vor allem in der ersten Halbzeit, die klar überlegene Mannschaft. Wir sind nur hinterhergelaufen, waren immer zu spät. Wir hatten uns vorgenommen, sehr kompakt zu spielen, aber das hat nicht geklappt”, sagte Trainer Bosz.

Die Bayern waren abgezockter im Abschluss und machten defensiv weniger Fehler. Der Klassenunterschied wurde zudem in der Spielweise deutlich. Während die Bayern bei eigenem Ballbesitz ein starkes Pass- und Positionsspiel aufzogen, hatte der BVB große Probleme mit dem Ball, wenn sich nicht gerade eine Umschaltsituation ergab durch einen Ballgewinn im Zentrum. “Wir haben in der ersten Halbzeit zu hektisch agiert. Es ist uns nicht gelungen, die Bayern unter Druck zu setzen”, sagte Kapitän Marcel Schmelzer.

Der BVB kann mit den Bayern keineswegs mithalten, wenn es darum geht, einen kompakt stehenden Gegner mit längeren Ballstafetten mürbe zu spielen und sich so peu a peu dem gegnerischen Tor anzunähern und Chancen zu kreieren. Genau das ist den Münchnern ab der 10. Minute nahezu perfekt gelungen.

Mats Hummels sagte nach dem Spiel, dass er kein Problem damit hätte, “wenn die Meisterschaft jetzt langweilig wird”. Spätestens nach dem souveränen Sieg in Dortmund ist davon auszugehen.