„Eigentlich ging es bei mir meist aufwärts“

Brasilien hat die Armut halbiert: Statt wie 2003 noch fast die Hälfte der Bevölkerung ist heute noch ein Fünftel der Brasilianer arm. Was es bedeutet, aus der Armut aufzusteigen, das zeigt Marlene Oliveira dos Santos.


Wenn Marlene Oliveira dos Santos gefragt wird, wie viele Geschwister sie hat, dann kann sie die Frage nicht direkt beantworten. Sie zählt an den Fingern ab: Sie ist mit heute 28 Jahren die Jüngste von fünf Schwestern und zwei Brüdern. Ein Kind starb bei der Geburt, zwei andere Geschwister noch im Babyalter. Elf Kinder hat ihre Mutter in 16 Jahren zur Welt gebracht. Mütter seien damals immer schwanger gewesen, erinnert sie sich an ihre Kindheit auf dem Land. Lani, wie sie genannt wird, hat aber noch Halbgeschwister, weil der Vater die Familie verlassen hat, als sie sechs Jahre alt war, und weitere vier Kinder mit einer anderen Frau hat.

Sie selbst wuchs mit Mutter und den Geschwistern auf dem Land nahe dem Städtchen Amargosa auf. Das ist im Bundesstaat Bahia, hundert Kilometer vom Atlantik entfernt. Die meisten Bewohner von dort kommen in ihrem Leben nie an die Küste. So abgeschieden ist der Landstrich bis heute mit seinen Zuckerrohrfeldern, Rinderweiden und Kaffeeplantagen. Dazwischen holen Holzfäller illegal Bäume aus dem Regenwald. Ihr Haus war eine Lehm-Strohhütte, ohne Wasser und Strom. Um die herum pflanzten sie Bohnen, Mais, Erdnüsse und Süßkartoffeln. Sie sollte schon als kleines Kind Brennholz sammeln. Doch sie hatte Angst vor Schlangen im Unterholz und drückte sich oft. Das Essen reichte nie. Tagelang gab es nur Reis zu essen mit etwas Maniokmehl – keine Bohnen. Manchmal teilten sie sich zu fünft ein Ei. Spielzeug hatten sie nicht. Ihre Puppen waren struppige Maiskolben. „Wir waren arm, aber nicht unglücklich“, sagt sie. Die Familie lebte vom Besenbinden. Die größeren Geschwister schnitten die Palmwedel und trockneten sie in der Sonne. Die kleineren Kinder flochten die Bündel zu Hause an die Stiele. Mit der Mutter fuhren sie in die Marktdörfer der Umgebung. Die beiden kleinen Mädchen ließ die Mutter bei einem Marktstand, wo sie auch manchmal schliefen. Die Mutter ging von Haus zu Haus, um die Besen zu verkaufen oder gegen Essen zu tauschen. Der Vater sammelte Kräuter und Blätter im Wald für Rezepte der Volksheilkunst.

Sie hatte Glück. Ganz in der Nähe öffnete eine Schule. Sie konnte bald lesen und schreiben. Ihre älteste Schwester – 43 Jahre alt - kann das bis heute nicht. Auch die Eltern sind Analphabeten. Als Zehnjährige pflückte Lani Kaffeebohnen, die Hände werden schwielig vom Rupfen der Kirschen. Sie schwor sich: „Ich will nie mehr auf dem Land leben.“ Als ihre älteste Schwester in der nahen Kleinstadt schwanger wurde, zog sie dorthin. Sie passte auf das Kind auf und besuchte weiter die Schule. „Zum ersten Mal gab es genug zu essen, und ich konnte mir Kleider kaufen.“



Zu diesem Zeitpunkt begann sich das Leben vieler ärmerer Brasilianer zu verbessern. Unter dem Präsidenten Luíz Inácio Lula da Silva führt die Regierung erstmals eine landesweite Sozialhilfe ein, die an Mütter ausbezahlt wird. Lula, der im Nordosten Brasiliens in extremer Armut aufgewachsen ist, erhöhte den Mindestlohn stärker als die Inflation. Seitdem bekommen Landarbeiter eine Rente, auch wenn sie, wie die meisten von ihnen, noch nie einbezahlt haben. Der gleichzeitig einsetzende Wirtschaftsboom führte ab 2003 dazu, dass 30 Millionen Brasilianer aus der Armut in die Mittelschicht aufgestiegen sind – nach den Maßstäben eines Schwellenlandes, nicht eines europäischen Industrielandes. Ab 250 Euro Monatseinkommen zählt man in Brasilien zur „Mittelschicht“. Vor allem der Konsum definiert die Zugehörigkeit: Dazu zählt, wer eine Wohnung hat, seine Kinder in die private Schule, zum Arzt oder in die Uni schicken kann, wer über ein Handy, die üblichen Elektro-Haushaltsgeräte, einen Facebook-Account, ein Motorrad oder gar ein Auto verfügt.

Davon war Lani damals aber noch weit entfernt. Sie steckte ihr Geld in Kleider – und die Frisur. Sie ähnelt der Jazzsängerin und Pianistin Nina Simone. Wie diese liebt sie es, farbige Turbane oder Tücher im Haar zu tragen, grellen Lippenstift aufzulegen. Selbst wenn sie nur in den Supermarkt geht, macht sie sich zurecht, als ginge sie zu einer Party. Am meisten Geld gibt sie für ihr Haar aus. Alle paar Wochen wechselt sie ihre Frisur: Mal lässt sie die Haare glätten, mal trägt sie Afro, dann färbt sie, lässt sich Kunsthaar anflechten, legt die Haare mit Gel an den Kopf, kurz darauf sind die Locken mit Weichmacher aufgeflauscht.

Als sie mit 14 Jahren begann, auszugehen, war der Schwager eifersüchtig und verbot ihr das. Lani zog aus. Sie war dickköpfig, sagt sie. Mit einer Cousine nahm sie eine Arbeit als Haushaltshilfe in der nahen Hauptstadt Salvador do Bahia an. Sie bekam Kost und Logis abgezogen vom Lohn. Knapp 80 Euro blieben ihr im Monat übrig. Im Hotel ihrer Chefin half sie am Wochenende aus. Mittagessen gab es erst um 16 Uhr – wenn die Gäste gegessen hatten.

Dann geschah eine Tragödie. Bei einer Rückfahrt übers Land fuhr die übermüdete Chefin in ein anderes Auto und starb bei dem Unfall. Lani saß im Fonds und kam mit ein paar Schrammen davon. Danach arbeitete sie an einer Tankstelle und einem Schnellrestaurant an der Fernstraße als Kellnerin.

Nebenbei schloss sie die Schule mit der Hochschulreife ab. Das gelingt nur der Hälfte der brasilianischen Schüler. Lani blieb nicht einmal sitzen wie die meisten brasilianischen Jugendlichen. In Physik und Mathe war sie die Beste in der Klasse. Aber sie kam gar nicht darauf, zu studieren. „Ich musste ja Geld verdienen.“  Von den Stipendien, welche die Regierung damals großzügig verteilte, hat sie nie gehört.

Heute putzt, wäscht, kocht und bügelt sie in Haushalten der Drei-Millionen-Einwohnermetropole Salvador für den Mindestlohn von rund 250 Euro. Mit der Krise in Brasilien seit drei Jahren verlieren viele der Aufsteiger wieder ihre Jobs. Lani macht sich keine Sorgen. Sie finde immer wieder eine Stelle. Sie war noch nie arbeitslos. 

Zwei Jahre hat sie mit einem Mann zusammen gelebt. In Brasilien gilt man dann als „verheiratet“. Aber sie waren beide eifersüchtig, stritten sich häufig. Der Mann zerriss ihre Röcke, weil die ihm zu kurz waren. „Ich dachte, ich müsste einen Mann haben, um ein Haus zu bekommen und dann ein Kind“, sagt sie. „In dieser Reihenfolge.“



Sie begann zu sparen und kaufte ein Grundstück in der Peripherie. Fünf mal 12 Meter. Zwei Jahre baute sie an ihrem Haus. Ihre wechselnden Freunde legten den Estrich, kachelten die Küche und das Bad. In Salvador kaufte sie Kühlschrank, Herd, Bett und Sofa und lässt sie in ihr 150 Kilometer entferntes Haus bringen. Jetzt fehle nur noch der Fernseher. Den Schlüssel zum Haus nimmt sie mit, lässt niemand ins Haus, wenn sie weg ist. Alle in der Familie bewundern sie heute, wie sie es allein geschafft hat. Ihre 64-jährige Mutter war kürzlich zu Besuch und habe gesagt, dass sie glücklich sterben könne, weil ihre Kleinste nun ein eigenes Haus besitze. Einen festen Freund oder Verlobten hat sie nicht. Sie gilt als kompliziert. Kinder hätte sie gerne, aber die Männer wollten nur ihren Spaß haben, keine Verantwortung übernehmen. „Ich denke, es ist besser, ohne Mann zu sein.“

Heute bereut sie es, nicht früher mit dem Sparen angefangen zu haben. Auf die Frage über ihr nächstes Ziel, fällt ihr spontan nichts ein. Sie würde gerne einen Krankenschwester-Kurs machen. Oder ein Auto kaufen. Oder noch ein Haus bauen? Sie sei stolz darauf, was sie erreicht habe. Im Nachhinein könne sie sagen, dass es ihr jedes Jahr ein bisschen besser gegangen sei.