Wer ist jetzt eigentlich EM-Favorit?

Maximilian Lotz
·Lesedauer: 4 Min.

Die Suche nach dem heißesten EM-Favoriten beginnt der Einfachheit halber beim Titelverteidiger.

Wem jetzt spontan entfallen war, dass Portugal vor vier Jahren bei der EURO in Frankreich triumphierte, muss sich für diese Wissenslücke nicht schämen. Schließlich holten Cristiano Ronaldo und Co. durchaus überraschend 2016 den Titel.

Aber wie sieht es im kommenden Jahr aus, wenn die aufgrund der Corona-Pandemie verschobene Endrunde am 11. Juni in Rom angepfiffen wird? Wer darf sich ein gutes halbes Jahr vor der EM die größten Titelhoffnungen machen?

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Portugals "Rückfall in die Vergangenheit"

Bleiben wir zunächst in Portugal. Mit dem Gewinn der Erstauflage der Nations League heimste die Selecao von Fernando Santos im vergangenen Jahr gleich den nächsten Titel ein. Die Chance zur Titelverteidigung verspielten die Portugiesen allerdings am Wochenende mit einer 0:1-Niederlage gegen Weltmeister Frankreich.

Und prompt hagelte es Kritik. "Au revoir", titelte das Sportblatt A Bola und schrieb wegen der allzu defensiven Taktik von einem "Rückfall in die Vergangenheit".

Die Offensivstars um Ronaldo, Joao Félix, Bernardo Silva und Bruno Fernandes richtig zum Glänzen zu bringen, dürfte Santos' größte Aufgabe bis zur EM werden.

Frankreich blamiert sich gegen EM-Neuling Finnland

Auch beim anderen deutschen Vorrundengegner Frankreich ist trotz des Erfolgs in Portugal und der Qualifikation für das Final Four der Nations League nicht alles in Butter.

Vergangene Woche blamierte sich der Weltmeister gegen EM-Neuling Finnland mit 0:2. Zwar schonte Trainer Didier Deschamps einige Stars, aber die Startelf war mit Paul Pogba und Olivier Giroud trotzdem noch namhaft besetzt.

"Paul Pogba ist nicht in der besten Verfassung, das wusste ich aber schon vorher. Das Spiel gegen Finnland sollte ihm, genau wie Olivier Giroud ein wenig Rhythmus geben", sagte Deschamps nach dem Spiel - und stellte ernüchtert fest: "Wenn man das Ergebnis sieht, kann man sich nur schwer an etwas Positives erinnern."

Spanien schwelgt in Erinnerungen an goldene Ära

In Spanien erinnert man sich dieser Tage an die glorreiche Vergangenheit. "Los Secretos De La Roja. Campeones Del Mundo", lautet der Titel eines neuen Dokumentarfilms, der die Geheimnisse des spanischen WM-Triumphs 2010 ergründet und den die aktuelle "Furia Roja" als Motivationsspritze vor dem Duell mit Deutschland (Nations League: Spanien - Deutschland, ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) gemeinsam anschaute.

Die stark verjüngte Seleccion ist von der Dominanz und dem Glanz der so erfolgreichen Ära, die nach dem Gewinn des dritten EM-Titels 2012 zwei Jahre später mit dem Vorrunden-Aus bei der WM in Brasilien krachend endete, weit entfernt. Bei den letzten beiden großen Turnieren war jeweils im Achtelfinale Schluss.

Sergio Ramos, eines der letzten Überbleibsel der goldenen Zeit, machte sich zuletzt mit zwei verschossenen Elfmetern beim 1:1 in der Schweiz zum Gespött der internationalen Presse. Und Trainer Luis Enrique steht nach drei sieglosen Spielen nun gegen das DFB-Team unter Druck. "Heute nicht versagen!", forderte die Marca unmissverständlich. Die AS titelte alternativlos: "Gewinnen oder gewinnen."

Zarte Euphorie weicht in Italien der Lethargie

Von Sieg zu Sieg eilten in der EM-Qualifikation Italien und Belgien. Beide Teams zählen damit bei der Endrunde auch zum Favoritenkreis.

Die Squadra Azzurra verfiel nach der verpassten WM-Qualifikation 2018 in eine Lethargie und vollzog einen radikalen Umbruch. Coach Roberto Mancini hat aber zuletzt wieder eine gewisse Euphorie entfacht und führt mit seinem Team in der Nations League die Gruppe 1 vor den Niederlanden an.

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Ob das schon reicht, um im kommenden Jahr ernsthaft um den Titel mitspielen zu können, wird sich zeigen.

Belgien mehr als nur der ewige Geheimfavorit

Hoch gehandelt wird auch der Weltranglistenerste Belgien, der zuletzt den aufstrebenden Engländern souverän mit 2:0 in der Nations League die Grenzen aufzeigte. Nach dem dritten Platz bei der WM 2018 sind die als ewiger Geheimfavorit verschrienen Belgier eigentlich schon viel mehr als das. Nun müssen Kevin De Bruyne und Co. bei der EM den hohen Erwartungen eben auch gerecht werden.

Es mutet ob der holprigen Vorstellungen seit dem WM-Debakel von 2018 fast ein wenig paradox an, dass angesichts der Probleme bei anderen Mitfavoriten auch der deutschen Mannschaft immer bessere Chancen zuzurechnen sind.

Das sieht auch Oliver Bierhoff so. "Warum nicht? Wir haben das Zeug dazu, wie viele andere Mannschaften aber auch. Wenn alle Spieler gesund sind, werden wir mit einem guten Kader in das Turnier gehen", sagte der DFB-Direktor im SPORT1-Interview und fügte an: "Griechenland, Dänemark oder Portugal wurden als Underdogs Europameister. Es gibt immer Überraschungsmannschaften bei der EM. Daher ist alles möglich. Diesen Glauben müssen wir haben."