Früherer Krankenpfleger Niels H. soll mindestens 90 Morde begangen haben

Der frühere Krankenpfleger Niels H. hat nach neuen Erkenntnissen insgesamt mindestens 90 Morde an schwer kranken Klinikpatienten begangen. Davon gehen die Ermittler der Sonderkommission Kardio aus Staatsanwaltschaft und Polizei in Oldenburg aus

Die beispiellose Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. hat noch deutlich größere Ausmaße als bislang bekannt: Nach jüngsten Erkenntnissen soll H. über Jahre hinweg mindestens 90 Patienten an zwei niedersächsischen Kliniken getötet haben, wie die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag in Oldenburg nach fast dreijährigen Nachforschungen mitteilten. Die Ermittlungen sind aber noch nicht beendet.

Nach Hinweisen auf zahlreiche weitere Taten des bereits wegen sechs Mordtaten verurteilten H. analysierte eine Sonderkommission in einer beispiellosen Ermittlungsaktion hunderte Sterbefälle und exhumierte mehr als 130 verstorbene Patienten. Nach aktuellem Stand ließen sich H. 84 weitere Mordtaten derart sicher nachweisen, dass eine Anklage wahrscheinlich sei, sagte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme.

Die wirkliche Dimension des Verbrechens dürfte aber wohl "um ein Vielfaches schlimmer sein", ergänzte er. In vielen Fällen sei aufgrund der seit den Taten bereits vergangenen Zeit und dem Umstand, dass Verstorbene feuerbestattet wurden, kein Nachweis mehr möglich. Die Ermittlungsergebnisse "sprengen jegliche Vorstellungskraft" und machten ihn "fassungslos".

Die Taten beging H. nach derzeitigem Stand zwischen 2000 und 2005 an zwei Krankenhäusern in Delmenhorst und Oldenburg, wo er zwischen 1999 und 2005 auf Intensivstationen arbeitete. Dort verabreichte er Patienten verschiedene Medikamente, die zu Herz-Kreislauf-Stillständen führten, um sie zu reanimieren. Viele von ihnen starben. Seine genauen Motive sind unklar.

H. arbeitete zunächst in Oldenburg, bevor er dann 2002 an eine Klinik in Delmenhorst wechselte. An beiden Arbeitsstätten fiel die hohe Sterblichkeitsrate während seiner Dienstzeiten auf, die Verantwortlichen schritten aber nicht ein oder alarmierten die Behörden. Erst 2005 wurde H. entlassen und festgenommen.

Die Aufklärung der gesamten Mordserie verlief schleppend, die Dimensionen kamen stückweise und nur mit großer Verzögerung ans Licht. Vom Landgericht Oldenburg wurde H. inzwischen in zwei separaten Prozessen wegen sechs Mordtaten zu lebenslanger Haft verurteilt. Während des zweiten Prozesses 2015 gestand er überraschend von sich aus rund 30 Taten. Danach wurde die Soko Kardio gegründet, um das Geschehen systematisch zu untersuchen.

Aufgrund der neuen Erkenntnisse muss H. nun mit einer weiteren Anklage wegen 84 zusätzlicher Mordtaten rechnen. Sie gehe davon aus, dass diese etwa Ende 2017 oder Anfang 2018 bei Gericht eingereicht werde, sagte die zuständige Leitende Staatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. Sie sei mit zeitlichen Aussagen in dem Verfahren aber vorsichtig. Es habe schon öfter neue Wendungen gegeben.

So hatte H. nach Angaben der Ermittler erst vor kurzem etwa die Verwendung von zwei weiteren Medikamenten eingeräumt, so dass weitere aufwändige Untersuchungen von Krankenakten und Proben der exhumierten verstorbenen Patienten anstehen. "Und das dauert." Für 41 Sterbefälle liegen die toxikologischen Untersuchungsergebnisse bislang noch nicht vollständig vor.

Scharfe Kritik äußerten die Ermittler erneut am Verhalten der Kollegen und Vorgesetzten von H., die trotz sehr frühzeitiger Auffälligkeiten und Verdachtsmomente nicht etwa die Polizei alarmierten. "Viele der entsetzlichen Taten hätten verhindert werden können", sagte Kühme. Mehrere ehemalige Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst wurden bereits angeklagt, Anklagen gegen frühere Verantwortliche aus Oldenburg sollen noch folgen.

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte ein "großes Versagen" im Umfeld. "Sowohl Kolleginnen und Kollegen, Arbeitgeber als auch Polizei und Justiz haben zu lange weggeschaut", erklärte Vorstand Eugen Brysch. Trotz des Falls seien die Kontrollmechanismen in vielen Krankenhäuser nicht verschärft worden. So fehle "für die meisten Kliniken weiterhin ein anonymes Meldesystem".

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) reagierte bestürzt. Es sei aber noch viel "mühsame kriminalistische Detailarbeit nötig, bevor klarer wird, ob sich solche schrecklichen Tötungsdelikte wirkungsvoller verhindern lassen", sagte er der "Nordwest-Zeitung" laut einer Vorabmeldung.