Edinson Cavani: Ein Matador, der Demut kennt

Edinson Cavani: Ein Matador, der Demut kennt

Uruguay bangt vor dem Viertelfinale um den Einsatz von Edinson Cavani. Der Angreifer steht oft im Schatten seiner berühmteren Nebenleute - zu unrecht.  

Moskau (SID) Die Sache mit den Wildschweinen hätte Edinson Cavani besser sein lassen. Wildschweine sind in Uruguay eine Plage, die Jagd auf sie nicht verboten - und dass Cavani sich daran beteiligte und zudem ein Video davon verbreitete, hätte wohl niemanden aufgeregt. Dumm ist nur, dass auf dem Filmchen neben zwei weiteren Personen und einem erlegten Tier auch ein Helikopter zu sehen ist. Die Jagd vom Helikopter ist verpönt, weil nicht waidgerecht. Ein Shitstorm brach los.
Die Aufregung, die Cavani da vor der WM hervorrief, hat sich mittlerweile gelegt. Er ist ja in erster Linie Torjäger - und als solcher trifft er gemeinsam mit dem rustikalen Luis Suarez gerade ziemlich oft. Zusammen haben sie fünf Treffer erzielt auf dem Weg von Uruguay ins Viertelfinale der WM. Allerdings, für das Spiel gegen Frankreich am Freitag (16.00 Uhr MESZ/ZDF) in Nischni Nowgorod droht Cavani auszufallen - ein Bluterguss in der Wade zwang ihn am Mittwoch zu einer Trainingspause, am Donnerstag absolvierte er zumindest eine individuelle Einheit am Ball mit einem Spezialtrainer. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Ausfall wäre für Uruguay womöglich verheerend.
Cavani hat in bislang 105 Länderspielen 45 Tore erzielt, doch sein wahrer Wert für die Mannschaft, für die er gerade spielt, ist nicht leicht zu erkennen. Was auch daran liegt, dass er oft im Schatten von Mitspielern steht, die weitaus mehr Strahlkraft besitzen. Bei Paris St. Germain, wohin er vor fünf Jahren für 64 Millionen Euro vom SSC Neapel kam, war das erst Zlatan Ibrahimovic. Jetzt sind es die sündhaft teuren Neymar - und Kylian Mbappe. Und der "Beißer" Suarez in der Nationalmannschaft.
Mit egoistischen, erst recht egozentrischen Mitspielern hat Cavani ganz offensichtlich ein Problem. Als ihm Neymar gleich nach seinem Wechsel zu Paris St. Germain die Rolle als Schütze von Elfmetern streitig machen wollte, wehrte sich Cavani - und die Anhänger im Prinzenpark halten zu ihm. Auch, weil er Sätze sagt wie nach dem 2:1 gegen Portugal im Achtelfinale, in dem er zwei Mal traf, doch danach glaubhaft betonte: "Das Schönste ist es, die Freude in den Augen der Teamkollegen zu sehen."
So, wie Cavani spricht, spielt er auch. Hingebungsvoll. Tore sind für ihn in erster Linie der Ertrag aus der Arbeit seiner Mitspieler, er vollendet, was sie aufgebaut haben. Cavani und Suarez sind Angreifer, aber sie sind auch zähe, unnachgiebige Abwehrspieler in vorderster Reihe. In Neapel haben sie Cavani einst "El Matador" getauft. Weil er so kaltblütig zustößt wie ein Torero. Und weil er die Drecksarbeit, für die er sich auch nie zu schade war, mit einer gewissen Eleganz verrichtet.
Cavani stammt aus Salto, 100.000 Einwohner. Wie Suarez übrigens. Wenn er heute auf den Platz gehe und die Augen schließe, schrieb Cavani in einem einfühlsamen Brief an sein erst neun Jahre altes Ich in Players' Tribune, dann spüre er immer noch dasselbe wie als Kind beim Kicken barfuß im Schlamm. "Du wirst", berichtet der 31-jährige Cavani dem Jungen, der erst noch er werden wird, "dieses Gefühl immer mit dir tragen, weil du Südamerikaner bist. Aus Uruguay. Aus Salto. Du lebst den Fußball auf andere Art."
Im März 2017, damals noch ohne Neymar, verlor Paris St. Germain im Achtelfinale der Champions League mit 1:6 beim FC Barcelona - nach einem 4:0 im Hinspiel. Hinterher schrieb Cavani ein Wort an die Wand der Kabine im Trainingszentrum: Demut. "Mit Demut läuft man nicht Gefahr, sich zu verlieren", sagt er. Die Sache mit den Wildschweinen hätte er deshalb lieber sein lassen.