Dürfen wir vorstellen? Rain Dove: Die Feuerwehrfrau, die jetzt Model ist und sich als geschlechtslos bezeichnet

Rain Dove rutschte ins Model-Business, nachdem sie fälschlicherweise für einen Mann gehalten wurde. [Bild: Rain Dove]

Rain Dove ist kein normales Model. Es ist ein klischeehafter Satz, um solch einen Artikel zu beginnen, aber wenn man mit der 27-Jährigen spricht, die für ihre geschlechtsneutralen Auftritte bekannt ist, wird klar, dass sie sich nicht davon abhalten lässt, ihre Meinung zu sagen, nur weil sie jetzt im Rampenlicht steht.

Rain wuchs in einer kleinen Gemeinde in Vermont auf und war sich nicht bewusst, dass sie anders aussah als die anderen Mädchen. Spott wie „Transe Danny“ (Danielle ist ihr zweiter Vorname) überhörte sie einfach.

Erst als sie Feuerwehrfrau wurde – aus reinem Zufall, wie sie betont –, erkannte sie, dass die Leute sie für einen Mann hielten. Rain Dove ist 1,89 m groß und hat einen muskulösen Körper, der der gesellschaftlichen Auffassung entgegensteht, wie eine Frau aussehen sollte.

Ihre Andersartigkeit ermöglichte es ihr jedoch, in der harten Modelwelt Fuß zu fassen und sie hat die Chance, sowohl mit Männer- als auch mit Frauenmode zu arbeiten.

In einer Zeit, in der der Begriff „geschlechtslos“ immer bekannter (denken Sie nur die androgyne Boyband aus China), aber nicht unbedingt besser akzeptiert wird, ist Rains Rolle wichtiger als je zuvor.

Wir haben Rain, die fest an Vielfalt und Gleichheit für alle glaubt, (und ihren niedlichen Hund Gus Gus) getroffen, um herauszufinden, wie sie in die Modebranche rutschte, was die Vorteile sind, wenn man als beide Geschlechter arbeiten kann und wie hoch der Druck ist, den man als Vorbild für eine Gesellschaft aushalten muss, die nicht binär geprägt ist.

Rain ist zu einem Vorbild der geschlechtslosen Community geworden. [Bild: Rain Dove]

Ich wuchs in einer von Landwirtschaft geprägten Gemeinde in Vermont auf, wo die Leute sehr hart arbeiteten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wie viel du zum Leben beitragen konntest war wichtiger als die Kleidung, die du anhattest. Es gab zwar eine klare Trennung zwischen Sex und Gender, aber die Erwartungen waren anders. Es ging nicht darum, hübsch auszusehen, es ging darum, was man beitragen konnte.

Ich war kein Opfer, aber ich war anders. Es war nicht leicht, aber ich ging auch nicht nach Hause und weinte jeden Tag. Ich wusste einfach, dass ich irgendwie anders war. Etwas, das nicht üblich war. Ich war groß und muskulös und trug keine der beliebten Sachen. Das war eine sehr seltsame Phase.

Das erste Mal, dass mich jemand für einen Mann hielt, war bei der Feuerwehr. Nach einem Liebeskummer reiste ich quer durchs Land nach Colorado, wo ich, wie ich dachte, einen Kurs zur Bestandserhaltung der Natur machen würde. Dieser stellte sich allerdings als Kurs zur Brandbekämpfung in der Wildnis heraus. Es war mitten im Winter, deshalb trug ich dicke Kleidung und eine Mütze. Und die Feuerwehrmänner baten mich, mit ihnen zusammen die Frauen zu bewerten. Ich erkannte schnell, dass ich nicht die hässliche Frau in einem Raum voller Männer sein wollte, also spielte ich mit und war die folgenden elf Monate lang ein Mann.

Nie zuvor hatte ich bemerkt, wie maskulin ich aussehe. Niemand hatte mich je „er“ genannt. Aber ich hatte das Gefühl, das große Los gezogen zu haben. Ich musste nicht mehr das hässliche Mädchen sein, stattdessen könnte ich ein recht ansehnlich aussehender heterosexueller weißer Cisgender-Mann sein.

Modeln klang wie die schlechteste Option. Ich studierte Gentechnik, als ich mit einem Freund eine Wette einging, der damals ein Model für DKNY war. Natürlich verlor ich die Wette und musste zu einem Casting für Calvin Klein gehen. Ich erinnere mich daran, wie ich herumtrödelte und hoffte, das Casting zu verpassen. Ich sah erbärmlich aus und war voller Dreck (weil ich damals als Landschaftsgärtner arbeitete) als ich dort ankam.

Calvin Klein sagte mir, ich solle am nächsten Tag wiederkommen. Also kam ich wieder und fand heraus, dass es ein Casting für Männer-Unterwäsche war. Da realisierte ich, dass sie dachten, ich sei ein Mann. Aber ich machte einfach mit und lief oben ohne über den Laufsteg. Der Designer sah es und bedeckte mich mit einem Hemd und sagte mir, ich solle niemandem sagen, dass ich eine Frau sei.

Als Model und Aktivistin postet sie regelmäßig Fotos von sich selbst, auf denen sowohl ihre männliche als auch weibliche Seite zu sehen sind. [Bild: Rain Dove]

Man denkt, dass das Leben als weißer Mann perfekt ist. Im Laufe meiner Karriere habe ich gelernt, dass weiße Männer zwar sehr viele Privilegien und sehr viel Macht (vor allem in den USA) haben, aber dies ist auch verbunden mit sehr viel Druck, Verantwortung und Unterdrückung. Egal ob ich als Mann oder Frau angesehen werde, es gibt immer etwas, das als nicht gut genug erachtet wird.

Ich zeige mich in der Art und Weise, die am nützlichsten ist. Wenn in einer Situation ein Mann besser behandelt wird als eine Frau, dann nehme ich diese Geschlechtsidentität an. Die Idee, die ich entwickelt habe, heißt Gender-Kapitalismus. Menschen sollten danach beurteilt werden, wer sie sind und nicht danach, was auf ihrer Geburtsurkunde steht oder zwischen ihren Beinen hängt.

Ich fühle mich wohler, wenn ich als Mann modele, weil ich nicht kritisiert werde. Männern wird gesagt, sie verdienen in der Modebranche sehr viel weniger, deshalb setzen sie nicht alle ihre Hoffnungen auf diese Karte. Sie sind sehr unterstützend. Frauen dagegen konkurrieren viel mehr miteinander. Sie nehmen immer an, ich sei Trans und sagen: „Wie haben sie nur Kleidung in deiner Größe gemacht?“

Gewicht ist ein extrem wichtiges Thema bei weiblichen Models. Wenn ich für Männermode arbeite, nehme ich ein paar Größen zu. Manchmal ist es reines Fett, keine Muskeln. Ich liebe es zu essen, aber ich bekomme dafür viel Kritik. Vor Kurzem wurde ein Foto von mir veröffentlicht, auf dem ich in Unterwäsche dasitze. Und viele Leute machten Kommentare wie: „Das ist so eklig. Warum zieht er seinen Bauch nicht ein?“ Und dann war ich überall auf den Instagram-Accounts, die sich für ein positives Körperbild einsetzen. Es sind ein paar Zentimeter Bauchspeck, Leute.

Aber ich fühle mich als Frau stärker. Es ist für mich sehr viel gewagter, mich als Frau zu kleiden. Aber deshalb muss ich es tun. Wenn ich die Straße in einem Kleid entlanglaufe, weiß ich, dass ich mein Leben riskiere. Die Leute drohen damit, mir Schaden zuzufügen. Viele Menschen, die nicht den klassischen Gender-Vorstellungen entsprechen, sagen, sie hätten keine Angst. Mir ist eigentlich egal, was die Öffentlichkeit denkt, aber ich habe auch jedes Mal Angst, wenn ich auf die Straße gehe.

Rain gibt zu, dass sie Angst hat, wenn sie in der Öffentlichkeit ein Kleid trägt. [Bild: Rain Dove]

Auf mir lastet sehr viel Druck. Ich wuchs in einer Gemeinde mit traditionellen Geschlechterbildern auf, die nicht wirklich über die Rechte von Schwulen und Lesben redete. Vermont hat nicht viele Farbige oder irgendeine andere Vielfalt. Ich hätte nie gedacht, dass es bei meiner Model-Karriere um Geschlechterrollen gehen würde, aber als ich immer erfolgreicher wurde, erkannte ich, dass ich schlecht gerüstet war. Ich habe Transmenschen, Menschen mit Brustkrebs und andere Menschen, die nicht den traditionellen Geschlechterrollen entsprechen, beleidigt. Ich verstand nicht, warum die Leute nicht meine guten Absichten erkannten.

„Lehren statt hassen“ – das ist mein Motto. Der Grund, warum es so viel Widerstand gegen Vielfalt und gegen Minderheiten gibt, ist, weil die Menschen Angst davor haben, Fehler zu machen und Fragen zu stellen. Sie haben das Gefühl, sie werden bestraft, wenn sie das falsche Label benutzen. Es ist zu beängstigend für sie.

Auch ich lerne noch dazu. Ich rede von einer Welt, in der wir nicht mehr die Pronomen „sie“ und „er“ verwenden, aber auch ich verwende sie noch. Es ist schwer, die Sprache zu verändern. Wenn man viel im Rampenlicht steht, muss man sich auch entblößen. Ich gebe mein Bestes, aber ich mache immer wieder Fehler. Und das ist eine ziemlich große Sache.

Ich lösche keine Hater. Ich tausche mich mit ihnen aus. Ich möchte Leute einladen, die meinen Weg nachvollziehen können. Aber die Menschen, die ich gerne anziehen möchte, sind die Leute, ich mich für das, was ich bin, umbringen wollen. Das sind die Menschen, für die wir unsere Herzen öffnen müssen, denn sie sind das wahre Problem.

Hier ist eine Botschaft an junge Leute. Du lebst in einer Welt, in der alles von anderen Menschen gesteuert wird: deinen Eltern, deinen Lehrern, dem Gesetz. Sie sagen dir, was du tun sollst, was du tragen sollst und wie du dich verhalten sollst. Und viele Menschen setzen dich online unter Druck mit „sei einfach du selbst“. Aber manchmal ist es nicht sicher, man selbst zu sein. Also tut man, was man tun muss, um zu überleben. Fühl dich nicht schuldig, wenn du mit dem Strom schwimmst, um deine Jugendzeit zu überstehen.

Ich wollte nie, dass Mode ein Teil meines Lebens wird, aber sie wird immer da sein. Kleidung ist solch ein faszinierender Teil unseres sozialen Konstrukts. Sie ist das erste Stück Kunst, mit dem wir uns jeden Tag ausdrücken. Aber ich will jetzt schauspielern. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir mehr nicht-binäre Leute haben, die etwas repräsentieren, bei dem es nicht um ihre Geschlechterrolle geht. Man wird noch viel von mir hören.

Lauren Sharkey

Yahoo Style UK

Hier schreitet Rain Dove über den Catwalk bei der New York Fashion Week

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