Durchs Veedel: Schauspielerin Samy Orfgen bringt Farbe ins Mauritiusviertel

Zusammen mit der Kölner Schauspielerin schauen wir uns das Mauritiusviertel an.

Sie bringt Farbe ins Mauritiusviertel. Samy Orfgen liebt rot. Die Ohrringe: rot. Die Uhr: rot. Die Schuhe, das Armband, der herzförmige Anhänger an der Halskette: rot. Und, na klar, auch die Haare sind rot gefärbt. Den Ton hat die Schauspielerin gemeinsam mit Burkhard DuMont ausbaldovert, dem Friseur ihres Vertrauens.

Sein Ladenlokal am Mauritiussteinweg 74 ist unscheinbar, eine große Fensterfront, eine kleine Sitzecke, kein Schnickschnack. Wer genau hinschaut, entdeckt immerhin den Schriftzug, den der Wahlkölner, Künstler und Lucas-Cranach-Preisträger Vladimir Kuzmin für DuMont entwarf.

Der Raum strahlt eine Schlichtheit aus, wie sie typisch ist für Menschen, die niemandem mehr etwas beweisen müssen. Samy Orfgen ohnehin nicht, sie ist sowieso überzeugt von DuMont, schon weil er den perfekten Rot-Ton für sie gefunden hat.

16 Jahre bei den „Anrheinern“

Diese neue Haarfarbe sei einer der positiven Punkte gewesen, als ihr Engagement bei den „Anrheinern“ endete. 16 Jahre lang hatte Samy Orfgen die Wirtin Lisa Habbig gespielt, bis der WDR 2011 die Serie einstellte. Und Lisa war braunhaarig, also musste Samy das auch sein. Ob sie die Sendung vermisst? „Manchmal“, gesteht die 66-Jährige. „Wenn ich mir ab und zu anschaue, was sonst so im Fernsehen läuft, denke ich mir: Das haben wir besser gemacht.“

Trübsal bläst Samy Orfgen deshalb nicht, vielleicht könnte sie das auch gar nicht. Sie strahlt so viel Wärme aus, so viel Fröhlichkeit. „Ein Herzensmensch ist sie“, findet Sandra Gaude. Die Fußpflegerin und Nageldesignerin kümmert sich bei Nail & Foot an der Thieboldsgasse 142 alle drei Wochen um die Nägel der Urkölnerin. Eine „ganz liebe Kundin“ sei sie, „offen, geduldig. Eben ein totaler Herzensmensch.“

Der auch dem Punk zuhört, der beim Stopp im Thiebolds-Eck ein paar Häuser weiter an den Tisch tritt und um eine Zigarette bittet. Sie hält ihm die Schachtel hin und horcht nach: „Brauchst du auch Feuer?“ Er lehnt dankend ab, zieht weiter. Samy Orfgen lehnt sich zurück, raucht gemütlich selbst eine, genießt ein Kölsch dazu. „Guck mal, wie schön die Krone ist“, lobt sie den Schaum auf dem Obergärigen. Darauf achtet sie, „das liegt mir im Blut“.

Tochter eines Gastwirts

Samy Orfgen ist als Gastwirtstochter aufgewachsen. Der Vater betrieb die Gaststätte Orfgen, zunächst an der Luxemburger Straße, wo Tochter Samy auch geboren ist: „Gegenüber vom Blue Shell“, beschreibt sie, „da steht heute nur noch ein Trafohaus.“ Später zog die Wirtschaft und mit ihr die Familie Orfgen um an den Barbarossaplatz. Da war Samy 13.

Elf Jahre später folgte die erste eigene Wohnung an der Lindenstraße, Neustadt-Süd.

Wie sie schließlich aufs Mauritiusviertel kam? „Da bin ich sehr kölsch“, bekennt sie und lacht, so dass man die Grübchen in ihren Wangen deutlich sieht: „Es heißt doch, der Kölner verlässt nie sein Veedel. Mir geht’s ähnlich: Das Beste hier ist, dass das Mauritiusviertel so nah dran ist, wo ich vorher gelebt habe. Ich besuche den gleichen Supermarkt, den gleichen Schuster. Und: Ich bin mit dem Fahrrad ratzfatz überall – am Neumarkt, an der Zülpicher Straße, am Barbarossaplatz.“ Die zentrale Lage, die schätzt sie.

Aber sie lässt sich auch gern überraschen von ihrem Stadtteil. Für den Spaziergang mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat sie gegoogelt: Konrad Adenauer ist an der Balduinstraße 6 zur Welt gekommen. „Das wusste ich vorher gar nicht, das habe ich erst herausgefunden, als ich mich auf den Bummel vorbereitet habe“, gesteht sie. Und schaut sich mit Interesse das grauweiße Haus an, auf dem die Plakette prangt: „Konrad Adenauer wurde hier geboren am 5. Januar 1876.“ Ein Relief hängt darüber und zeigt den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Bei Oskar, dem freundlichen Polizisten

Aber schon der Weg zum Adenauer-Geburtsort lässt Samy Orfgen vor Freude in die Hände klatschen. An der Rubensstraße 15-25 entdeckt sie den Oskar-Spielplatz. Eine grüne Oase in der Mehrfamilienhäuser-Schlucht: Die hohen Bäume spenden Schatten, der Blick auf die Türme der Mauritiuskirche hat Postkarten-Niveau. „Mit Oskar bin ich aufgewachsen“, freut sich Samy. Sie meint Otto Schwalges Bildergeschichten von Oskar, dem freundlichen Polizisten, die von 1954 bis 2012 im „Kölner Stadt-Anzeiger“ erschienen sind. Und denen der Spielplatz mit entsprechenden Graffiti an der Hauswand gewidmet ist.

Denn in der Polizeiwache, die zu der Zeit zwei Grundstücke weiter beheimatet war, hatte der Karikaturist das lebende Vorbild für Oskar  getroffen, als er dort einen Schaden  an seinem neuen Wagen melden wollte, den ein unvorsichtiger Autofahrer verursacht hatte. „Toll“, schwärmt Samy Orfgen, „das ist meine Kindheit, ist das schön!“

Während dieser Kindheit, da liebäugelte sie noch damit, einmal Sängerin zu werden. Das heißt: Gitte zu werden. „Gitte Haenning war unübertroffen für mich. Auf jeder Feier habe ich den Erwachsenen »Ich will ’nen Cowboy als Mann» vorgesungen.“

Erstes Engagement in der „Filmdose“

Aber dann machte sie mit bei der Laienbühne „Theater Cordial“. Dort entdeckte Regisseur Walter Bockmayer das Talent, es folgte ein Engagement an der „Filmdose“, und Samy Orfgen wurde „Die Geierwally“. „Ohne die Geierwally“, meint die Schauspielerin, „wäre meine ganze Karriere nicht so gekommen.“ Sie wäre  nie ein Publikumsliebling am Millowitsch-Theater geworden, zu dem sie von daheim im Mauritiusviertel natürlich mit dem Fahrrad fuhr.

Willy Millowitsch nennt sie ihren künstlerischen Vater. „Dem Chef habe ich viel zu verdanken, der hat mir hinter der Bühne oft Tipps gegeben.“ Zum Beispiel dazu, wie wichtig Pausen sind, um eine Pointe zu setzen. „Der hat sein Metier verstanden.“ Nach den „Anrheinern“ hat Samy Orfgen noch einmal zwei Saisons am Millowitsch-Theater an der Aachener Straße gespielt. „Dann hab’ ich mir überlegt: Samy, du bist jetzt in einem Alter, in dem andere in Rente gehen. Tu dir auch mal was Ruhe an“, sagt sie, als sie in Richtung St. Pantaleon spaziert.

Mediterane Atmosphäre

Nun spricht sie zum Beispiel Hörspiele ein, führt schon mal  Nachbars Hund Gassi im Pantaleonspark. Sie genießt die mediterrane Atmosphäre unter den rund 20 Jahre alten Olivenbäumen im Innenhof der Wolkenburg  oder feiert entspannt die Deepejasser Kirmes mit, das alljährliche, dreitägige Veedelsfest auf dem Mauritiuskirchplatz. „Das ist bei uns das Ereignis des Jahres“, betont Samy.

„So, jetzt hier lang“, lockt sie ein Stückchen die Straße Am Weidenbach hinunter, stadtauswärts bis zur Kreuzung mit der Trierer Straße. „Ist das nicht herrlich?“, fragt sie und deutet auf die Kneipe gegenüber, das Trierer Eck, das Haus ist eingehüllt  in eine riesige Deutschland-Flagge. Darauf eingestickt: die WM-Torschützen der Nationalelf. 1954: Helmut Rahn. 1974: Gerd Müller. 1990: Andi Brehme. 2014: Mario Götze. „Hier gucke ich Fußball“, verrät Samy Orfgen. „Was hatten wir 2014 für einen Spaß bei der WM! Erst haben wir gezittert, dann haben wir gefeiert ohne Ende. Och, und guck mal!“

Sie hat einen der Doppelstockbusse entdeckt, die bei ihren Stadtrundfahrten  offensichtlich am Trierer Eck vorbei kommen. Was Samy zum Lachen bringt; und zum Strahlen. Kein Wunder: Der Bus ist rot. Samy-Rot. Und das bringt noch mehr Farbe ins Veedel....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta