Die dunkle Seite der Sharing Economy: Der Carsharing-Asi

Man öffnet das Carsharing-Auto – und der Müll des Vormieters fällt einem entgegen. Was tun, wenn beim gemeinsamen Wirtschaften rücksichtslose Egoisten mitmachen?


Am Anfang war alles noch anders. Als ich vor rund anderthalb Jahrzehnten meine erste Mitgliedschaft bei einem Carsharing-Anbieter antreten wollte, musste ich zu einem Treffen der neuen Mitglieder in den Verwaltungsräumen eines Parkhauses in Köln antanzen. Da wurden wir dann auf das Prinzip eingeschworen: Umwelt schützen, Geld sparen, Parkraum schonen und gemeinsam mit den anderen Nutzern an einem Strang ziehen.

Carsharing - das war damals noch Ausdruck einer Weltanschauung. Und lockte eine Klientel, die wahrscheinlich lieber für den Rest ihres Lebens ihren Führerschein abgegeben hätte, als bei einem Tankfüllstand von einem Viertel einmal das Nachtanken zu vergessen (was schließlich dem armen Nachmieter Verdruss bereitet hätte).

Und wenn man sein Auto mal ein paar Minuten zu spät an der fest definierten Station abgegeben hatte, weil man in den Stau geraten war, und der Nachmieter scharrte schon mit den Hufen, dann war eine Strafzahlung fällig, die dem Wartenden zugute kam. Solche Systeme gibt es noch; sie gehören heute aber zum alten Eisen und haben am ehesten noch in mittelgroßen Großstädten eine Bedeutung. Nennen wir sie die guten alten Pioniere. Dieser Pionier-Geist hat die Mitglieder zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt. Gegenseitige Rücksichtnahme inklusive.




Damals lag in jedem Auto sogar noch ein Päckchen Kaugummi. Als nette Geste für alle. Gibt es sowas noch?

Eigentlich ist es ja gut, dass das Carsharing den Nimbus des hochwichtigen Öko-Eliten-Projekts in den größten deutschen Großstädten längst abgestreift hat. Maximale Flexibilität zugunsten der Massentauglichkeit. Man ist Carsharer nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil man als wirtschaftlich vernünftig denkender Mensch keinen Bock hat auf die laufenden Kosten eines eigenen Autos plus Sprit, die Parkgebühren und die zeitraubenden Waschanlagen- und Werkstattbesuche mit den überraschend anfallenden Kosten („Ououou, das sollten Sie dringend mal machen lassen.“).

Stattdessen fährt man gemütlich mit dem am Straßenrand aufgegabelten DriveNow-Cabrio von A nach B, aber später von B nach A vielleicht mit einem Smart von Car2Go, der U-Bahn, dem Taxi oder einem Emmy-Elektroroller, den man sich per App geschnappt hat. Man kann jederzeit aus dem Vollen schöpfen und neu entscheiden. Selbst die Frage „wer fährt, wer trinkt?“ hat sich erledigt, weil ja kein eigenes Auto mehr zurück nach Hause gefahren werden muss. Dank der Sharing Economy.




Aber diese Locker-Flockigkeit hat auch ihre Nachteile: Die Mieter werden auch locker-flockig. Oder besser: gleichgültig.

Gefühlt jedes dritte Auto ist mittlerweile zugemüllt oder zugedreckt. Da stehen im günstigen Fall in beiden Getränkehaltern halb ausgetrunkene Pappbecher oder jemand hat das Mentos-Papier in den Fußraum geworfen oder im Hochsommer eine Bananenschale fein säuberlich zusammengewickelt hinter dem Schaltknauf versteckt.

Nicht selten schleppen Leute Dreck in derartigen Mengen mit den Schuhen rein, dass ich unwillkürlich vor meinem geistigen Auge habe, wie sie sich vorher mit dem Buttermesser den Morast in die Solenprofile gestrichen haben. Denn anders können diese Mengen eigentlich gar nicht transportiert worden sein.



Carsharing: Von Hunden, Matsch und Drogenresten


Jüngst saß ich in einem Auto von DriveNow, dessen Rückbank übersät war von schmuddeligen Tatzenspuren eines augenscheinlich kleinen Hundes.

Ich habe in Autos gesessen, die waren mit Matsch zum Beispiel bis hoch ans Handschuhfach eingesaut, als hätten die Vormieter mit dem Auto ein Hängebauchschwein entführt. Da muss man dann erstmal die Fußmatten ausklopfen, wenn kein anderes Auto in der Nähe ist.

Einige Autos riechen so, als wäre beim Vormieter seit Tagen nur eine Katzenwäsche drin gewesen. Klar, mit solch einem ganz besonderen Körpergeruch traut man sich natürlich nicht mehr in Bus und Bahn.

Und dann diese egozentrischen Nikotin-Junkies, die gegen alle Regeln im Auto rauchen und dann noch nicht mal beschämt von ihrer eigenen unbändigen Drogensucht versuchen, die Spuren beseitigen, sondern noch voller Stolz auf ihre Rebellion gegen die AGB den randvollen Aschenbecher offen stehen lassen. Die leere Schachtel in der Mittelkonsole. Was solche Typen wohl sonst so machen im Leben? Heimlich Tiere quälen?



Diese Schläge gegen die Mitmenschlichkeit sind letztendlich Verstöße gegen den Mietvertrag und kosten dann etwa laut Service-Preisliste von DriveNow mindestens 50 Euro. Dem Nachmieter hilft das allerdings wenig. Er muss dann die Hotline anrufen, um die Sauerei zu melden. Das kostet Mietzeit, die man Minute für Minute mitbezahlt. Aber tut er es nicht, beschwert sich womöglich der nächste Mieter und die ganze Siffe wird einem am Ende noch selber angekreidet. Petzen, um sich selbst zu schützen.

Auch Mitarbeiter an den Hotlines bestätigen: Mitunter wird es wirklich schlimmer mit der Sauerei an Bord. Gerade beim Rauchen. Beschwerden häufen sich. Eine Entschädigung für die Nachmieter bieten die Carsharing-Anbieter aber nur sporadisch. Car2Go zeigt sich meiner Erfahrung nach großzügiger und schenkt einem für entgangenes Fahrvergnügen unumwunden rund 15 Fahrminuten. Bei DriveNow bleibt es meist bei einem netten Dankeschön. Nachdem man dann selber die Fahrt absolviert hat und dafür bezahlen muss, wird das Auto dann aus der Ferne für eine Reinigung stillgelegt. Toll! Zu spät.



Vielleicht liegt es ja tatsächlich an der Unbekümmertheit, mit der man die Autos mit zwei, drei Smartphone-Klicks ausleihen kann, dass auch viele Mieter unbekümmert mit den Autos umgehen.

Vielleicht ist es aber auch das Bedürfnis nach „eigenem Auto“, das dazu führt, dass viele Mieter sich aufführen wie Sau. Eben wie zu Hause. Einen richtigen BWM fahren wollen, aber im Kopf eben nur Kettcar. Und ausbaden müssen es die Anderen.

Insofern ist dieser Solidaritäts-Gedanke aus alten Carsharing-Zeiten etwas, was die Anbieter wieder kultivieren sollten. Die Gebühr für die Grundreinigung sollte keine Gebühr für einen „Service“ sein, sondern eine knallharte Strafzahlung zur Entschädigung der Anderen.

Sagen wir mal: Die Hälfte der Strafe steht dem Nachmieter zu. Von satten 100 Euro oder mehr für eine Grundreinigung. Man muss sich seine Überheblichkeit dann eben leisten können. Und wer sich davon immer noch nicht beeindrucken lässt, fliegt nach dem dritten Mal raus aus dem System. Eine Sharing Economy ist eben auch eine Sharing Community. Wer Zusammenhalt nicht gelernt hat, muss halt zu Fuß gehen.