Duell der Legenden: Ist Jones der größere Boxer als Tyson?

Manuel Habermeier
·Lesedauer: 5 Min.

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Wenn am 28. November im Staples Center in Los Angeles Roy Jones Jr. (51) und Mike Tyson (54) in den Ring steigen, fühlen sich Fans weltweit um 30 Jahre zurückversetzt.

Damals beherrschten Jones und Tyson die Boxwelt und ein Duell der beiden wäre der Fight des Jahrzehnts geworden. Jones holte 47 seiner 66 Siege per K.o. Dazu wurde der russisch-US-amerikanische Boxer in fünf unterschiedlichen Gewichtsklassen Weltmeister. Allein in den 50 Kämpfen von 1989 bis 2003 feierte er 49 Siege bei lediglich einer Niederlage.

Diese kam durch eine Disqualifikation im Kampf gegen Montell Griffin zustande. In der letzten Runde des als "Schlacht der Unbesiegten" titulierten Kampfes landete der damals 28-Jährige eine Rechts-Links-Kombination, die Griffin auf die Bretter schickte. Noch während Jones in seiner Ecke feierte, wurde er vom Ringrichter wegen eines unerlaubten Schlages disqualifiziert.

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Als WBC-Weltmeister im Halbschwergewicht mit den Titeln im Mittel- und Supermittelgewicht erlitt Jones, der zu diesem Zeitpunkt bei zwei von drei Kampfrichtern vorne lag, seine erste Profi-Niederlage und verlor seinen WBC-Titel.

Der junge Tyson überrascht die Welt

Ebenfalls in diesem Zeitraum machte Tyson auf sich aufmerksam. 20 Jahre und 144 Tage war er alt, als er die Welt am 22. November 1986 das Fürchten lehrte. Nur zwei Runden brauchte der Junge aus Brooklyn, der noch nie verloren und 25 seiner 27 Gegner k.o. geschlagen hatte, bis er auch WBC-Weltmeister Trevor Berbick die Lichter ausknipste.

Wie entfesselt ging Tyson auf den letzten Gegner von Muhammad Ali los und krönte sich im Eiltempo zum jüngsten Schwergewichts-Champion der Geschichte. Am Ende, nach dem letzten Treffer eines albtraumhaften Schlaghagels, taumelte Berbick völlig orientierungslos durch den Ring. Und die Legende Mike Tyson war geboren.

Durch Siege gegen James Smith und Tony Tucker fügte "Iron Mike" 1987 noch die Titel der WBA und IBF hinzu. Mit 21 Jahren ist er der erste "Undisputed Heavyweight Champion", also der Titelträger der drei großen Box-Verbände.

Sein kometenhafter Aufstieg und seine Dominanz im Ring brachten ihm Vergleiche mit Box-Legenden wie Muhammad Ali ein.

Wechsel zu Don King: Tysons Abstieg beginnt

Doch bald begann auch der Abstieg des Wunderkinds. Am Valentinstag 1989 erklärten er und seine damalige Frau Robin Givens die Scheidung - nach einer öffentlichen Schlammschlacht. Nur kurz darauf wechselte Tyson zu Manager Don King, der gezielt sein Image als Bad Boy aufbaute.

In der Folge machte er mit sexueller Belästigung, Körperverletzung, Schlägereien und Übergewicht auf sich aufmerksam, seine Leistungen im Ring nahmen ständig ab. Am 11. Februar 1990 ging er völlig überraschend gegen James Douglas in der zehnten Runde zu Boden. Der 23-Jährige verlor seinen WBC-Titel und viel Respekt.

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Aber es kam noch schlimmer: 1992 wurde er schuldig gesprochen, eine Kandidatin der Miss-Black-America-Wahl vergewaltigt zu haben und zu sechs Jahren Haft verurteilt. Zwar gelang es ihm, 1996 gegen Frank Bruno den WBC-Titel zurückzuholen, aber in den folgenden Kämpfen gegen Evander Holyfield wurde er nicht nur sportlich geschlagen, er biss seinem Konkurrenten im Rückkampf auch noch einen Teil des Ohres ab, weswegen er erneut gesperrt wurde und für fünf Monate ins Gefängnis musste.

Jones jr. mit "seinem härtesten Schlag"

Trotz aller Skandale ist die überragende Schlagkraft Tysons immer noch in bester Erinnerung. Allerdings muss sich Roy Jones Jr. in dieser Kategorie nicht vor seinem Kontrahenten verstecken. Nach 16 Siegen - natürlich alle durch K.o. - in seinen ersten 16 Profikämpfen bot er der Boxwelt gegen Art Serwano einen der spektakulärsten Knock-outs der Geschichte.

Im April 1992 schickte er seinen Kontrahenten mit einem Jab und einer folgenden Rechten an die Schläfe auf die Bretter - nach gerade einmal 100 Sekunden Kampfzeit. Jones selbst bezeichnete diesen K.o. als den "härtesten Schlag meiner Karriere". Sein Gegner aus Uganda brauchte mehrere Minuten, bis er wieder zu Bewusstsein kam und den Ring verlassen konnte.

In den folgenden Jahren eilte er von Titel zu Titel und wurde 1997 zum #1 Pound-for-Pound Boxer of All-Time gewählt. Experten feierten Jones für seine Dynamik und Technik. In einen Ranking der Boxer mit den schnellsten Händen setzte der Bleacher Report Jones auf Rang eins - noch vor dem zweitplatzierten Mike Tyson.

Jones verpasst passenden Abgang

Dass es Jones nicht bis in die höchsten Weihen des Box-Olymps geschafft hat, liegt für viele Fans darin begründet, dass Jones den richtigen Zeitpunkt für sein Karriereende verpasst hat.

Vor allem der Wechsel ins Schwergewicht soll paradoxerweise für seinen Niedergang gesorgt haben, auch wenn er als einziger Mittelgewichtsboxer einen Titel im Schwergewicht erringen konnte.

Nach seinem Triumph gegen John Ruiz - von vielen als schwächster Weltmeister der vergangenen 50 Jahre bezeichnet - wollte Jones seine Karriere nach einem Kampf gegen Tyson beenden. Da es zu diesem Aufeinandertreffen allerdings nie kommen sollte, verpasste "Captain Left Hook" eine Möglichkeit nach der anderen, seine Karriere würdig zu beenden.

Kampf gegen Tyson als würdiger Abschluss?

Bei seiner Rückkehr ins Halbmittelgewicht holte er sich gegen Anotnio Tarver nochmal die Gürtel der WBC, WBA und IBO. Im Rückkampf verlor er jedoch völlig überraschend durch K.o. und sollte danach nie wieder wirklich auf die Beine kommen. Bis 2018 stand er weiter im Ring, um den Fans zu beweisen, dass er immer noch der alte Roy Jones Jr. sei.

Vielleicht gelingt ihm dies nun in dem Kampf, dem er der meisten Zeit seiner Karriere vergeblich hinterhergejagt ist. Wenn er endlich gegen Mike Tyson im Ring steht, kann er vielleicht noch einmal "Superman RJ" sein und der Welt beweisen, wer er einst zumindest war: der beste Pound-for-Pound-Boxer der Geschichte.