Ende der Dominanz? Die Konkurrenz bohrt in Hamiltons Wunde

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Ende der Dominanz? Die Konkurrenz bohrt in Hamiltons Wunde
Ende der Dominanz? Die Konkurrenz bohrt in Hamiltons Wunde

Mercedes-Teamchef Toto Wolff konnte nicht anders, als sich die Haare zu raufen.

Ein Journalist wollte ganz genau wissen, was am Wochenende des Großen Preises von Monaco schief gegangen ist. Lange blieb der Österreicher ruhig und erklärte geduldig alle Hintergründe. Dann musste Wolff unweigerlich lachen, obwohl er nach eigenen Angaben am liebsten das Gegenteil getan hätte.

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"Ich würde gerade gerne heulen", hatte er vorher schon bei Sky verraten. "Aber das wäre nicht produktiv. Das war ein Wochenende zum Vergessen. Wir müssen jetzt die Köpfe zusammenstecken und analysieren, was los war."

Die nackten Fakten: Platz sieben für Lewis Hamilton nach einem zu frühen Boxenstopp, Ausfall für Valtteri Bottas nach einer abgeschmirgelten Radmutter vorne rechts. Die WM-Führung erstmals in diesem Jahr verloren an Red Bull (ein Punkt Vorsprung) und Max Verstappen (vier Punkte Vorsprung). Wolff teilt anschließend zwei Wahrheiten mit den Fragestellern: "Wir sind jetzt wieder die Jäger." Und: "Das Rad ist immer noch nicht runter vom Auto." Da war es schon 18 Uhr.

Mercedes unter Druck

Fakt ist: Die Serien-Weltmeister stehen unter Druck. "In den letzten Jahren war Mercedes in einer komfortableren Position", analysiert Sky-Experte Timo Glock. "Jetzt sind Max Verstappen und Red Bull da, schlagen sofort zu, wenn Mercedes schwächelt. Das sind die Rennen, die die WM entscheiden können." (Fahrerwertung der Formel 1)

Max Verstappen formuliert es im Psychoduell um den Titel so: "Wir lassen die Taten auf der Rennstrecke sprechen."

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Toto Wolffs Lieblingsgegner Helmut Marko gießt ebenfalls Öl ins Feuer. "Max hat einen anderen Status an Reife erreicht. Wir waren überrascht, dass Hamilton mehr oder minder kampflos hinter Pierre Gasly blieb. Wenn Druck da ist, macht man bei Mercedes Fehler. Wir müssen jetzt dran bleiben. Dieser Sieg jedenfalls gibt einen weiteren Schub an Erleichterung und damit sollte Max' Leistung noch souveräner und kontrollierter werden."

Hamilton verlor die Kontrolle

Hamilton dagegen verlor während des Wochenendes gleich mehrfach die Kontrolle. Am Samstag stellte er den Schwarzpfeil nur auf Platz sieben - anschließend kritisierte er offen sein Mercedes-Team. Ex-Kollege Nico Rosberg beobachtet: "Das war ein rabenschwarzes Wochenende für Lewis, auch fahrerisch. Lewis war im Niemandsland. Es wird eine schwierige Phase sein, da wieder rauszukommen."

Das hilft es nicht, sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben. Nach dem GP im Fürstentum gab sich der siebenmalige Champion deshalb als Teamplayer. "Wir gewinnen und verlieren gemeinsam. An diesem Wochenende haben wir alle keinen guten Job gemacht. Das können wir uns nicht noch einmal leisten."

Kritik an der Mercedes-Crew

Am Boxenfunk hatte Sir Lewis sein Team noch für die missglückte Strategie kritisiert. Gegenüber den Medien hielt er sich zurück: "Ich zeige nicht mit dem Finger auf jemanden. Aber wir werden konstruktive Diskussionen führen. Für solche Tage wie heute bin ich dankbar. Denn wenn man ständig nur gewinnt, entwickelt man sich nicht weiter." (Rennkalender der Formel 1 2021)

Der Brite weiß genau: Beim nächsten Rennen in Aserbaidschan drohen dieselben Probleme mit dem Aufwärmen der Reifen. "Baku ist kühler und hat einen glatten Asphalt. Da könnte es wieder schwer werden für uns."

Teamchef Wolff will den Spekulationen über Unmut im Team indes keine Nahrung geben. "Die Stimmung ist gut", sagt er. "Zwischen Lewis und uns passt kein Blatt. Wir sind alle frustriert. Die Entscheidung zum Undercut (früherer Reifenwechsel; d. Red.) war die einzig logische. Dafür hat auch er plädiert. Gefühlschwankungen haben wir alle mal."

Bottas-Boxenstopp missglückt

Dafür sorgte am Sonntag auch der Boxenstopp von Valtteri Bottas. Die Ursache für den missglückten Reifenwechsel steht längst fest.

"Der Winkel war falsch, mit dem der Schlagschrauber angesetzt wurde, weil das Auto nicht perfekt stand", erklärt der Wiener. "Dadurch wurde die Mutter so zerstört, als würde man den Schraubendreher falsch ansetzen. Eine unglückliche Verkettung von Umständen. Das hat mit dem Mechaniker per se aber nichts zu tun. Wir müssen auch am Design der Mutter arbeiten."

Fest steht: Mercedes hat gleich mehrere Baustellen. Die Psychospielchen mit Red Bull sind nur ein Nebenkriegsschauplatz. "Ich finde es super, dass wir mehr Druck haben", kontert Wolff Helmut Marko. "Am Ende schauen wir, wer den Druck am besten ausgehalten hat." Das Spiel geht weiter - in zwei Wochen in Baku.