Druck auf Löw: Wird die EM sein letztes Turnier?

Florian Plettenberg
·Lesedauer: 4 Min.

Die Zukunft von Joachim Löw wird eng mit dem Abschneiden bei der EM 2021 zusammen hängen. Oliver Bierhoff unterstreicht die DFB-Ambitionen und erhöht den Druck.

"Bei einer Nationalmannschaft ist jedes Turnier eine Art Zäsur, egal wie lange die Verträge laufen. Und das hängt natürlich stark von den Ergebnissen ab", sagt Oliver Bierhoff im exklusiven Interview bei SPORT1 über die Zukunft von Joachim Löw.

Kurz vor dem möglichen Gruppensieg in der Nations League (ein Punkt gegen Spanien reicht) stellt Nationalmannschafts-Direktor Bierhoff klar, dass es bei der EM 2021 im kommenden Jahr nicht nur um Prestige, sondern auch um die Zukunft des Bundestrainers geht.

Löw-Druck durch Bierhoff!

Hand in Hand arbeiten die beiden Aushängeschilder der deutschen Nationalmannschaft derzeit daran, dass zuletzt beschädigte Image des DFB wieder aufzupolieren und den DFB-Umbruch voranzutreiben. Diesen trägt Bierhoff mit, aber er will, wie Fußball-Deutschland, Ergebnisse sehen – in Form von begeisterndem Fußball und im besten Fall von Titeln.

Bei der FAZ legte Bierhoff nach: "Am Ende des Tages müssen wir alle uns an Ergebnissen messen lassen. Das weiß Jogi auch. Jetzt ist aber noch nicht der Zeitpunkt für eine Entscheidung – das Turnier kommt noch." Und weiter: "Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit."

Auf die Frage, ob Deutschland titelreif ist, sagt Bierhoff bei SPORT1 selbstbewusst: "Warum nicht? Wir haben das Zeug dazu, wie viele andere Mannschaften aber auch. Wenn alle Spieler gesund sind, werden wir mit einem guten Kader in das Turnier gehen."

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Löw-Entlassung nur schwer vorstellbar

Klar ist: Eine frühes Ausscheiden könnte das Aus für Löw bedeuten. In Gruppe F warten Frankreich (Weltmeister 2018), Portugal (Europameister 2016) und Ungarn (47. der Weltrangliste).

Auch DFB-Präsident Fritz Keller macht Druck. Im Januar sagte er: "Ich glaube, wir müssen mindestens ins Halbfinale, vielleicht ins Finale kommen."

Löw hat beim DFB noch zwei Jahre Vertrag. Im Mai hat er diesen bis einschließlich der WM 2022 in Katar verlängert. Ob er ihn auch erfüllt?

Eine Entlassung Löws nach über 14 Jahren und dem WM-Titel 2014 ist nur schwer vorstellbar. Zu beliebt ist der Bundestrainer im Verband, zu geschätzt wird er für seine bisherige Amtszeit.

Tritt Löw nach EM zurück?

Wahrscheinlicher wäre im Falle des EM-Misserfolgs ein Rücktritt von seinem Posten. Dass er diesen sogar im Falle des Erfolgs anbietet, ist derzeit auch nicht auszuschließen.

Die derzeitige Kritik geht nicht spurlos an ihm vorbei. Löw wirkt dieser Tage entschlossen, seinen Umbruch erfolgreich abzuschließen, aber müde, immer wieder mit den Fragen der Nation konfrontiert zu werden und sich für seine Personalentscheidungen rechtfertigen zu müssen.

Dass Löw sich und seine Arbeit ständig reflektiert und sein Weitermachen nach der EM 2021 nicht in Stein gemeißelt ist, bestätigt Bierhoff bei SPORT1: "Wer Jogi kennt, der weiß, dass er sich auch nach erfolgreichen Turnieren immer wieder hinterfragt, ob er noch Kraft und Inspiration hat für diese Aufgabe. Ich sehe das entspannt. Unabhängig davon, wie die kommende EM verläuft, wird man sich danach ein paar Tage Zeit nehmen, miteinander reden und erörtern, wie der weitere Weg aussieht."

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Bierhoff traut Flick Löw-Nachfolge zu

Würde Löw wirklich aufhören, wer könnte überhaupt übernehmen?

Deutsche Top-Trainer wie Jürgen Klopp (FC Liverpool/Vertrag bis 2024) und Julian Nagelsmann (RB Leipzig/2023) sind noch lange an ihre Verein gebunden.

Hansi Flick, Bayerns-Triple-Trainer und Löws langjähriger Assistent ist noch bis 2023 an die Münchner gebunden. Sein Name fällt zuletzt immer wieder, wenn es um die mögliche Nachfolge von Löw geht. Bundestrainer Flick? Bierhoff vielsagend: "Ob ich ihm das zutraue? Absolut. Ob es aktuell ein Thema ist? Nein."

Ralf Rangnick hält sich aus der Diskussion heraus. "Im Moment stellt sich die Frage nicht, weil wir einen Bundestrainer haben, der 2014 auch Weltmeister geworden ist", sagte der 62-Jährige, zuletzt für Red Bull als Head of International Relations and Scouting" tätig, im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1. "Es gehört sich auch nicht, immer wieder darüber zu reden, das ist eine Unsitte, das hat mich schon immer gestört als ich noch selbst Trainer war."

Eine weitere Option ist U21-Trainer Stefan Kuntz (Vertag bis 2023). 2017 wurde er mit der U21 sensationell Europameister. Viele Spieler im Löw-Kader (darunter Serge Gnabry, Thilo Kehrer, Mahmoud Dahoud, Nadiem Amiri) kennt er bereits aus dem Effeff.

Aber eins ist auch klar: Unter Löw spielte die DFB-Elf zuletzt zwar selten berauschend, dafür zumeist effizient. In der EM-Quali wurde Deutschland Erster. In den letzten 19 Länderspielen gab es nur eine Niederlage bei elf Siegen.

Schlusswort Bierhoff über Löw: "Er hat mit einer jungen Mannschaft und trotz der grauen Stimmung positive Ergebnisse für den Neuaufbau erzielt. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass er der richtige Mann ist."

VIDEO: Bierhoff lässt Zukunft von Joachim Löw offen