Wenn Politik krank macht: Immer mehr Abgeordnete machen psychische Probleme öffentlich - und es ist keine Frage des Alters

Bruno Hönel, Michael Roth und Nyke Slawik haben sich von ihren Pflichten als Abgeordnete zeitweise abgemeldet. Alle drei nennen psychische Belastung als Grund.  - Copyright: Montage: Dominik Schmitt; picture alliance/photothek, Thomas Koehler, Thomas Imo; Flashpic, Jens Krick
Bruno Hönel, Michael Roth und Nyke Slawik haben sich von ihren Pflichten als Abgeordnete zeitweise abgemeldet. Alle drei nennen psychische Belastung als Grund. - Copyright: Montage: Dominik Schmitt; picture alliance/photothek, Thomas Koehler, Thomas Imo; Flashpic, Jens Krick

„Heute ist die erste Sitzungswoche nach der Sommerpause gestartet. Ohne mich“, schreibt die Bundestagsabgeordnete Nyke Slawik (Grüne). Sie habe keine Kraft, weiterzumachen, wie in den letzten Monaten. Im Februar – fünf Monate nach der Wahl – schrieb ihr Parteikollege Bruno Hönel auf seinem Instagram-Account: „Ich werde nicht an der Wahl des Bundespräsidenten teilnehmen und auch sonst wird es in den nächsten Wochen (…) ruhig bleiben.“ Die beiden Neulinge im Parlament haben sich im ersten Jahr der Legislaturperiode eine Krankschreibung geholt.

Der 26-jährige Hönel gab die Mehrfachbelastung aus Mandat, Wohnungssuche und Abschlussarbeit im Studium als Grund für seine „depressive Episode“ an, auch bei der 28-jährigen Slawik kamen Umzug und Arbeit zusammen. Außerdem mache sie der Tod von Malte traurig. Der Mann war beim Christopher Street Day in Münster angegriffen und lebensgefährlich verletzt worden, als er zwei Frauen zu Hilfe eilte.

Inzwischen ist der Lübecker Grüne nach zwei Wochen wieder in den Parlamentsalltag zurückgekehrt, bei seiner Kollegin aus Leverkusen ist die Krankschreibung noch recht frisch. Und sie sind nicht die Einzigen, denen es zu viel wurde. Der SPD-Außenexperte Michael Roth ist erst im Juli aus einer mehrwöchigen Auszeit zurückgekehrt. Auch er gab „mentale Erschöpfung“ als Grund an. Sahra Wagenknecht von den Linken hatte ein Burnout.

Einen gelben Schein für den Arbeitgeber mussten die Abgeordneten nicht vorlegen. Das gilt für alle Parlamentarier in Deutschland. Ihr Arbeitsverhältnis ist nicht vergleichbar mit dem eines normalen Arbeitnehmers. Daher müssen die Volksvertreter weder der Bundestagsverwaltung noch der Parlamentspräsidentin anzeigen, dass sie krank sind. Wer nicht zur Sitzung erscheint, dem wird das Sitzungsgeld gekürzt: bei unentschuldigtem Fehlen um 200 Euro, wer ein ärztliches Attest vorlegt, dem werden nur 20 Euro von der monatlichen Diät in Höhe von 10.083 Euro abgezogen.

Niemand weiß, wie häufig Abgeordnete fehlen

Im Jahr 2021 fehlte jeder Arbeitnehmer in Deutschland krankheitsbedingt durchschnittlich 11,2 Tage. Vor der Corona-Pandemie waren es im Schnitt 10,9 Fehltage. Eine ähnliche Aufstellung, wie häufig die 736 Volksvertreter im Bundestag fehlten, gibt es auf Nachfrage bei der Bundestagsverwaltung nicht. Ein Sprecher sagt Business Insider: „Solche Zahlen gibt es nicht, jedenfalls nicht als Übersicht für einen längeren Zeitraum.“ Es werden lediglich tagesaktuell am Ende eines Plenarprotokolls die bis zu diesem Zeitpunkt für diesen Tag eingegangenen Entschuldigungen aufgeführt. Hönel, Roth und Slawik liegen jedenfalls über dem Schnitt, wie ihre Meldungen in den sozialen Netzwerken belegen.

Jedenfalls sind die neuesten Krankmeldungen kein Thema, das nur die junge Politikergeneration betrifft, wie Roth (52, SPD), Peter Tauber (48, CDU) und Wagenknecht (53, Linke) beweisen. Möglicherweise kommt bei den Jüngeren ein weiterer Aspekt hinzu, wie Tobias Bacherle (Grüne) sagt. Der 27-Jährige gehört wie Hönel und Slawik erstmals dem Parlament an. Er macht einen Grund aus, warum die Neuen schon nach kurzer Zeit die Reißleine ziehen: „Für mich ist es manchmal der eigene Anspruch, der den Druck massiv erhöht.“

Die Abgeordneten verdienen gut, sehen – je nach Fachgebiet – viel von der Welt, der Job sei ein krasses Privileg, sagt Bacherle. „Wir sind hier auch angetreten, um kurz gesagt dieses Land und die Welt zu einem besseren Ort zu machen und dabei bürger*innennah und erreichbar zu sein“, sagt Bacherle. Was früher die wöchentliche Tingelei über Dorffeste war, ist heute für die Abgeordneten ihre Social-Media-Präsenz. Die jungen Abgeordneten sind bei Instagram und Twitter und häufig noch Tiktok aktiv. Es kostet Zeit und Nerven, der Wählerschaft vermeintliche Nahbarkeit zu gewähren. Dabei bliebe die private Nutzung der Social-Media-Plattformen völlig auf der Strecke, beklagen andere jüngere Abgeordnete. Sie zeigen Verständnis, dafür, dass sich Slawik und Hönel zurückgezogen haben.

„Wer nicht belastbar ist, wird es niemals nach oben schaffen.“

Doch aus welchem Grund geht gerade unter Politiker die große Depression um? „Wenn wir auf Politiker blicken, teilen wir automatisch ein in erfolgreiche und weniger erfolgreiche Karrieren“, sagt einer, der seit mehr als 17 Jahren auf allen politischen Ebenen gearbeitet hat. Er arbeitet heute für eine Landesministerin und möchte daher anonym bleiben. Die Belastungsfähigkeit werde wichtiger, je höher man die Karriereleiter nach oben klettere: Auf der kommunalen Ebene in Gemeinderäten ist der Termin- und Verantwortungsdruck also weniger groß als für Bundesminister. Die Wähler hätten schließlich einen „Anspruch auf Leistungserbringung der Politiker“, sagt der Politikexperte.

Zuletzt dauerte die Sitzung des Koalitionsausschusses zwischen den Spitzen von SPD, Grünen und FDP von Samstagabend bis in die frühen Morgenstunden. Für Sport oder Familienleben bleibt zum Ausgleich kaum Zeit. Wer das nicht leisten könne, so der Politik-Insider, der werde in der Spitzenpolitik nie eine Rolle spielen: „Es ist ein guter Schutzmechanismus, dass die Mandatsträger selber erkennen, dass sie überlastet sind.“ Allerdings würde man es ohne ein gewisses Maß an Resilienz und auch körperlicher Belastbarkeit nie ganz nach oben schaffen.