Droht wieder ein Prügel-Eklat? WM-Veteran ordnet ein

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Droht wieder ein Prügel-Eklat? WM-Veteran ordnet ein
Droht wieder ein Prügel-Eklat? WM-Veteran ordnet ein

Nach dem dramatischen Viertelfinal-Einzug wird es für die deutsche Nationalmannschaft bei der Eishockey-WM in der K.o.-Runde ernst.

Die Schützlinge von Bundestrainer Toni Söderholm treffen im Kracher auf die Schweiz (WM 2021 in Riga, Halbfinale: Schweiz - Deutschland LIVE - Übertragung ab 14 Uhr auf SPORT1 im Free-TV und Livestream).

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Es ist das große Prestigeduell gegen die Eidgenossen - mit einer brisanten Vorgeschichte. Denn: Bei der Heim-WM 2010 triumphierte das DEB-Team in einem knochenharten Spiel mit Massenschlägerei nach der Schlusssirene mit 1:0 und steiß erstmals seit 1953 unter die Top vier vor (Alles Wichtige zur WM 2021).

Einer der damals selbst auf dem Eis stand ist der langjährige Nationalspieler Christoph Ullmann. Der Mittelstürmer der Augsburger Panther - dreimal Deutscher Meister mit Köln und Mannheim - hat zehn WM-Teilnahmen auf dem Konto.

Bei SPORT1 blickt der 38-Jährige auf das DEB-Duell gegen die Schweiz, erzählt vom Skandal-Spiel 2010 und verrät und wie er heute mit den Gedanken an seinen lebensbedrohlichen Eis-Unfall 2019 umgeht.

Ullmann: Gegen Schweiz "geht die Post ab"

SPORT1: Herr Ullmann, erklären Sie uns mit der Erfahrung von zehn WM-Teilnahmen, mehr als 156 Länderspielen sowie 918 DEL-Spielen mal den mentalen Unterschied zwischen einem, sagen wir mal, Playoff-Finale und einer Begegnung in einer WM-K.o.-Runde.

Christoph Ullmann: Das ist schnell erklärt: Auch wenn jeder sicher gern für seinen Heimatverein spielt - aber bei einer WM geht es für dein Land, da geht es um schwarz-rot-gold. Diese Dimension ist viel, viel größer. Allein wenn du in die Kabine kommst und da hängt die Deutschland-Flagge von der Decke und schwarz-rot-gold überall - ab da weißt du, nicht nur der Grizzlies-, der Eisbären- oder der München-Fan drückt dir die Daumen, sondern eben ganz Deutschland. Da brennst du drauf. Was dazukommt: Kein Spieler weiß, wann er erneut noch mal so eine Chance bekommt, für die Nationalmannschaft zu spielen. Vielleicht bist du bei der nächsten WM nicht topfit oder die Konkurrenz zu groß. Deshalb ist das schon etwas richtig Besonderes. Und so ein Do-or-Die-Spiel nun wie gegen die Schweiz, da geht halt dreimal 20 Minuten die Post ganz anders ab als bei einer Finalserie, in die du reinwachsen kannst. Zu wissen, dass da ganz Deutschland zuschaut, das ist etwas Geiles, das hast du nicht alltäglich.

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SPORT1: Das klingt auch sehr besonders, so wie Sie es schildern.

Ullmann: Du spielst halt auch nicht tagtäglich mit Spielern wie Dominik Kahun in einer Mannschaft. Einer, der nach dem Aus mit den Edmonton Oilers in den NHL-Playoffs sich sofort in den Flieger setzt und für sein Land spielen möchte. Das sagt doch schon alles über die Nationalmannschaft, das Ansehen für sie zu spielen und dass da jeder wirklich Bock drauf hat.

SPORT1: Unser SPORT1-Eishockey-WM-Kommentator Basti Schwele meint sogar, dass die Motivation und Mentalität heute noch größer ist als vor wenigen Jahren.

Ullmann: Natürlich gab es zwischendrin auch mal andere Phasen, aber es ist auch damals schon eine großartige Stimmung geschaffen worden, die jetzt mit und um Toni Söderholm als Bundestrainer noch gewachsen ist. Auch bei uns war es damals so, dass jeder Bock hatte. Man wurde angerufen und da hat niemand gezögert oder zweimal überlegt, sondern jeder kam und wollte unbedingt sein Team unterstützen. Und genau das ist es, was das DEB-Team braucht mit so Leuten wie Marcel Noebels, Leonhard Pföderl oder Lukas Reichel. Die kommen nach einer anstrengenden Serie und Meisterschaft, aber die lassen bei der WM jetzt auch mal ab, da fällt auch Druck ab - diese Mentalität, unbedingt zu wollen, das ist einzigartig.

Ullmann über Schweiz-Duell 2010: "Kriege Gänsehaut"

SPORT1: Gegen die Schweiz geht es ja durchaus hoch her bei großen Turnieren - siehe das Olympia-Achtelfinale 2018 (deutscher 2:1-Sieg, Anm. d. Red.) und das gewonnene WM-Viertelfinale 2010 (1:0) – dabei flogen ja auch auch die Fäuste, wie Sie sich sicherlich erinnern.

Ullmann: Da kriege ich Gänsehaut, wenn ich dran denke. Gegen die Eidgenossen zu spielen, ist immer etwas Besonderes. Egal ob nun bei einem großen WM-Turnier, dem Deutschland Cup oder bei einem Testspiel. Und wer weiß, wann Deutschland wie jetzt mal wieder so nahe dran ist, in ein WM-Halbfinale einzuziehen. Wir haben da jetzt einen Gegner vor der Brust, mit dem wir auf Augenhöhe sind, die sind schlagbar und eben kein übermächtiges Team wie sonst Kanada oder Russland. Da wussten die deutschen Jungs auch sofort nach dem Weiterkommen im Lettland-Spiel. Das wird für eine richtig geile und machbare Nummer.

SPORT1: Mal ganz undiplomatisch gefragt: Gibt es wieder "auf die Fresse", droht wegen der Rivalität eine Massenschlägerei wie eben 2010?

Ullmann: Nein, das hatte sich 2010 eben ein bisschen hochgeschaukelt und entladen nach einem impulsiven Spiel. Natürlich wird mit einer gewissen Härte gespielt, aber alles in einem gewissen Rahmen. Es ist nicht so, dass gegen die Schweiz grundsätzlich über die Stränge geschlagen wird. Doch notfalls lässt du dich als Spieler darauf trotzdem ein: Wenn es passiert, dass ich mal doch zu hart weggecheckt werde, dann schaue ich, dass ich auch einen mitgebe. Also wenn ich einen abbekomme, teile ich auch einen mehr aus fürs Team.

DEB-Team "unglaublich stark und schwer zu schlagen"

SPORT1: Sie haben ja angesichts der angesprochenen Härte sogar schon einmal eine lebensbedrohliche Situation erlebt. Kann man so ein Erlebnis während des Spiels wirklich ausblenden?

Ullmann: Auf jeden Fall. Da ist man voll auf sich und sein Team konzentriert. Man stellt sich in den Dienst der Mannschaft und ordnet in dem Moment dem Erfolg alles unter. (An dieser deutschen "Drecksau" kommt keiner vorbei)

SPORT1: Was muss Deutschland also morgen abliefern, um gegen die Schweiz zu bestehen?

Ullmann: Faktor eins ist schwarz, Faktor zwei ist rot und Faktor drei ist gold. Das sind die drei Faktoren, die Deutschland stark machen. Mit drei Siegen total gut in die WM zu starten, danach dann drei Niederlagen einzustecken, aber so zurückzukommen wie gegen Lettland - das ist einfach typisch deutsch. Sie haben alle Kleinigkeiten richtig gemacht, sind super aus der Kabine gekommen und haben im Kollektiv verteidigt - das sind deutsche Tugenden. Dazu diese Detailverliebtheit - wenn sie das alles umsetzen, dann sind sie unglaublich stark und unglaublich schwer zu schlagen.

SPORT1: Und Sie unterstützten das Team wie?

Ullmann: Ich hatte gleich zu Beginn der WM mit Kapitän Moritz Müller Kontakt. Und ich weiß auch, in welcher Euphorie die momentan leben in ihrer WM-Bubble, da will ich die auch nicht groß stören. Ich bin auch so ein Fan der Mannschaft und wünsche mir, dass sie weiterhin erfolgreich ist.

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