Jeder dritte Lehrling macht im Schnitt vier Überstunden pro Woche

2016 blieben gut 40.000 Lehrstellen unbesetzt – jede vierte Lehre wird abgebrochen, vor allem in kleinen Betrieben. Der DGB meint, das liege vor allem an schlechter Ausbildung und zu niedrigen Löhnen.


Nach dem neuesten Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes sind  gut 70 Prozent der Azubis mit ihrer Lehre zufrieden. Probleme gebe es aber vor allem in kleineren Betrieben, die auch am lautesten über fehlende Bewerber klagen. Problembranchen sind danach Friseure,  Hotelfachleute, Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk, zahnmedizinische Angestellte und  Anlagenmechaniker. Der jährliche Report des DGB stützt sich auf die Befragung von gut 12.000 Lehrlingen in den 25 häufigsten Berufen.

Dass etwa bei Friseuren – wie auch bei den Köchen -  rund die Hälfte der Azubis die Ausbildung abbrechen, sei eine Folge der schlechten Bedingungen, sagte die Vize-Vorsitzende des DGB Elke Hannack  bei der Vorstellung. „Dort wo Qualität, Bedingungen und Vergütung stimmen, sind auch die Abbrecherquoten niedrig“. Bei Bank- und Industriekaufleuten zum Beispiel liegen diese lediglich bei vier bis sechs Prozent.


Der DGB sieht die Verantwortung allerdings nicht allein bei den Betrieben, sondern auch bei den Jugendlichen selbst: Sie müssten sich schon erkundigen, was etwa in einer Lehre in Hotels und Gaststätten auf sie zukomme, forderte  Hannack. Die meisten „wissen aber sehr genau, dass sie dort auch am Wochenende und abends arbeiten und nehmen das gern in Kauf, weil es für kommunikative Menschen ein Traumberuf sein kann, der auch Chancen im Ausland bietet“. Es könne aber nicht sein, „dass Lehrlinge als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, und das ist dort leider vielfach die Realität“.   

Der DIHK sieht das erwartungsgemäß weniger dramatisch: „In manchen Branchen gibt es Arbeitszeiten, die nicht für jedermann attraktiv sind“, sagt der Vize-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. „Azubis müssen Spielregeln in der Zusammenarbeit mit Vorgesetzten erlernen, die einige zunächst als Belastung wahrnehmen, von der sie später im Arbeitsleben aber profitieren. Gerade das ist aber auch der Vorteil einer dualen Ausbildung im Unternehmen: das Lernen unter Echtzeitbedingungen.“

Als generelles Problem identifiziert der DGB die Überstunden: 36 Prozent der Azubis müssen regelmäßig Überstunden machen, und zwar im Schnitt gut vier Stunden pro Woche. 13 Prozent davon bekommen dafür weder Freizeitausgleich noch Bezahlung. Auch fast zwölf Prozent der minderjährigen Lehrlinge geben an, dass sie mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten müssen, obwohl das verboten ist.

Jeder dritte Azubi hat keinerlei betrieblichen Ausbildungsplan, obwohl dieser gesetzlich vorgeschrieben ist. Jeder zehnte sagt, er müsse ‚immer‘ oder ‚häufig‘ ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben und die Ausbilder seien fast nie am Arbeitsplatz.  


DGB sieht Reformbedarf


Die Kontrolle der Ausbildungsbetreibe liegt bei den Kammern. Das sei problematisch, meint die DGB-Vize Hannack, weil diese zugleich Vertreter der Unternehmen sind. Der DIHK hingegen versichert: „Wenn es Missstände oder Konflikte gibt, unterstützen die Ausbildungsberater der Industrie- und Handelskammern und verfolgen jede Beschwerde“, sagt Dercks. „Sie erfüllen diese Aufgabe unabhängig sowie gewissenhaft im Interesse der Azubis und der Betriebe.“ Eine Reform des Berufsbildungsgesetzes, wie sei der DGB fordert, sei daher nicht nötig. Die Ausbildungsberater der IHK könnten „aber nur gezielt und effektiv helfen, wenn Ross und Reiter bekannt sind und sich Azubis oder Betriebe bei ihnen melden.“ Beide Seiten versichern jedoch, dass sie das in der Allianz für Aus- und Weiterbildung vereinbarte gemeinsame Beschwerdemanagements weiter  verfolgen wollen, um die Missstände abzubauen.  

Auch der DGB bestreitet nicht, dass die Ausbildung vor allem für kleine Betriebe eine große Herausforderung darstellt. Als Unterstützung hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) das Förderprogramm  „Assistierte Ausbildung“ aufgelegt, bei dem  Externe Betriebe bei der Organisation und Verwaltung der Ausbildung unterstützen und  Azubis begleiten. Das sei richtig und müsse 2018 noch ausgebaut werden, fordert der DGB. Das Problem sei aber, dass das Angebot gerade bei kleinen Betreiben, die es besonders nötig hätten, zu wenig bekannt sei, sagte Hannack. Deshalb müsse die Bundesagentur für Arbeit viel intensiver dafür werben-

Ein weiteres generelles Problem ist nach Ansicht des DGB die zu niedrige Bezahlung der Azubis gerade in den Problembranchen. Ausbildungsvergütungen müssten „zum Leben reichen“, so Hannack, denn heute liege das Durchschnittsalter bei Beginn der Lehre schon bei 20 Jahren. Aktuell liegt das Lehrlingsgehalt im Schnitt über alle Berufe und Lehrjahre bei 736 Euro – in den männlich dominierten Berufen sind es 729 Euro und damit 17 Prozent mehr als in den von Frauen bevorzugten (621 Euro).  

In den Berufen, wo es einen Ausbildungsvertrag gibt, beträgt der  Durchschnittliche Lohn dagegen 854 Euro. Der DGB fordert daher, dass Ausbildungs-Tarifverträge weit häufiger als allgemeinverbindlich erklärt werden, um das Niveau zu heben.   


Einig sind sich DGB und DIHK beim Thema Berufsschulen – hier finden beide die Umfrageergebnisse besorgniserregend: Nur 58 Prozent der Auszubildenden finden die fachliche Qualität des Berufsschulunterrichts sehr gut oder gut. Und nur rund die Hälfte Azubis fühlt sich durch den Besuch der Berufsschule gut auf die theoretische Prüfung vorbereitet. Die durchschnittliche Klassengröße ist auf 21,5 Schüler gestiegen.

Sowohl Hannack als auch Dercks fordern daher einen Berufsschulpakt. Die Kultusminister müssten dringend für mehr und besser weitergebildete Lehrkräfte sorgen und die Berufsschulen sanieren. Zudem müssten die Berufsschulen „im geplanten Digitalpakt einen besonderen Stellenwert einnehmen“, so Dercks.  Eine Anbindung aller Berufsschulen an das Glasfasernetz sei ebenso dringend erforderlich wie die Entwicklung von Cloud-Lösungen für berufsschulische Bildungsmedien. „Wir brauchen betriebsnahe Berufsschulstandorte und einen ausreichenden Nachwuchs an qualifizierten Berufsschullehrern vor allem in den gewerblich-technischen Fächern“, so der DIHK-Vize. Die duale Ausbildung könne nur dann stark bleiben, wenn die Unternehmen und Berufsschulen stark sind.