Drei Szenarien für die Zukunft von Kaufhof

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Drei Szenarien für die Zukunft von Kaufhof

Die kanadischen Besitzer Hudson’s Bay Company haben sich offenbar verrechnet. Wie es mit der kriselnden Handelskette Kaufhof jetzt weitergehen könnte.


Ach ja, die Sache mit den High Heels. Die hat den Kanadiern mächtig zu denken gegeben. Während die Kundinnen in Nordamerika beherzt zu Hochhackigem griffen, blieben die Absätze bei der deutschen Tochter Galeria Kaufhof überschaubar. Darüber wunderten sich Jerry Storch, Chef des kanadischen Handelskonzerns Hudson’s Bay Company (HBC), und sein Großaktionär Richard Baker vor ein paar Monaten. Womöglich liege es ja am Sinn der Deutschen fürs Praktische, fabulierten die Manager, oder auch an den vielen gepflasterten Straßen auf dem alten Kontinent. Da strauchelt man ja schließlich schneller. Wie auch immer, es gebe noch viel zu lernen, befanden die transatlantischen Handelsgranden.

Inzwischen zeigt sich, dass die Lernkurve offenbar nicht allzu steil verläuft. Unter kanadischer Führung geht es rapide abwärts mit Kaufhof. Das Geschäft lahmt, die Umsätze bröckeln, vor wenigen Wochen wurde im Kölner Hauptquartier der Chef ausgetauscht. Bisheriger Tiefpunkt: Der Warenkreditversicherer Euler Hermes schockte Kaufhof-Lieferanten und kappte rigide die bisherigen Kreditlimits. Ihre Forderungen gegen die Handelskette sind künftig zu einem weit geringeren Anteil abgesichert als bisher.

Erst nach teils hektischen Telefonaten gelang es der Kaufhof-Truppe ihre Geschäftspartner zu beruhigen. Einige Hersteller hätten zwar ihre Liefermengen reduziert, andere würden nun öfter Rechnungen schicken, aber alle würden das Unternehmen weiter mit Ware versorgen, heißt es intern. Der Schaden ist dennoch verheerend. Kaufhofs Zukunft steht infrage. In drei Szenarien spielt die Branche dabei durch, was aus der größten deutschen Warenhauskette wird.


1. Alles wird gut

Krise? Welche Krise? Nach offizieller Lesart ist Galeria Kaufhof im Grunde auf Kurs, sind die Zweifel der Warenkreditversicherer kaum mehr als ein ärgerliches Missverständnis. „Wir sind und bleiben ein verlässlicher Partner für Sie“, beteuerte Kaufhofs Einkaufschef in einem Schreiben an Lieferanten. „Die positiven Entwicklungen aus den begonnenen Veränderungen“, heißt es darin weiter, „werden sich auch bald in den Finanzzahlen ablesen lassen.“

Legt sich der Sturm, hoffen sie in Köln, würden das Tagesgeschäft und der Umbau des Innenstadt-Fossils wieder auf die Agenda rücken. Statt in einzelne Leuchtturmprojekte zu investieren, will der neue Kaufhof-Chef Wolfgang Link das Geld künftig breiter auf das Filialnetz verteilen und 2018 20 Standorte modernisieren. Die deutschen Kunden und Mitarbeiter sollen so rascher Veränderungen sehen – etwa bei den Eigenmarken. Intern wurde bereits die Losung „Triple Twenty“ ausgegeben. Bis 2020 will HBC 20 Prozent der Nettoumsätze mit dem Verkauf von Eigenkreationen erzielen. Dafür werden nach Informationen der WirtschaftsWoche zunächst 9 der bisher 23 Kaufhof-Eigenmarken ausgemustert. Der Rest wird auf Internationalisierung getrimmt. Größenangaben sollen vereinheitlicht, Etiketten bald in vier Sprachen eingenäht werden. Einzelne Labels sollen dann auch die Auslagen in amerikanischen, kanadischen und niederländischen HBC-Warenhäusern zieren.


Handelsexperte Martin Fassnacht, Professor an der Wirtschaftshochschule WHU, sieht darin durchaus sinnvolle Ansätze. Eigenmarken würden die Abhängigkeit von Herstellern reduzieren und hätten „das Potenzial, die Profitabilität zu steigern“, so Fassnacht. Umbauten und Renovierungen der Filialen könnten zudem das angestaubte Markenimage aufpolieren, zumindest wenn die „Kaufhäuser in Gänze und nicht nur teilweise“ erneuert würden. „Eine singulär modernisierte Abteilung oder Etage wird Verbraucher voraussichtlich wenig beeindrucken“, sagt Fassnacht.

Doch die Kosten dafür wären immens, und schon jetzt regt sich Widerstand gegen das kostspielige Europa-Abenteuer von HBC.



2. Alles muss raus

Der aktivistische Investor Jonathan Litt macht Druck. Er kontrolliert rund fünf Prozent der HBC-Aktien und hält dessen Management gehörig auf Trab. In einem offenen Brief forderte Litt am vergangenen Montag, HBC solle „Europa verlassen“ und die Immobilien von Kaufhof, das operative Geschäft „oder beides“ schleunigst verkaufen. Die Einnahmen sollten dann unter den Aktionären verteilt werden. Unternehmenschef Storch erklärte zwar, sein „Bekenntnis zum deutschen Markt und zu unseren Investitionen in Europa ist stärker denn je“. Doch allen Treueschwüren zum Trotz halten sich in Handels- und Immobilienkreisen hartnäckig Gerüchte, HBC wolle zumindest einzelne Häuser aus dem Kaufhof-Portfolio losschlagen. Dafür spricht auch, dass die Kaufhof-Liegenschaften gerade unter hohem Zeitdruck neu bewertet wurden.


Ein Sprecher sieht darin einen Routinevorgang, der Markt die Chance auf einen Befreiungsschlag: Der Konzern könnte über Immobiliendeals seine Finanzlage entspannen und ein Friedenssignal an Litt senden.

Ohnehin kommt den Immobilien besondere Bedeutung zu. „HBC ist im Grunde ein Immobilienkonzern mit angeschlossenem Handelsgeschäft“, sagt Handelsprofessor Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Das stellten Storch und Baker schon bei ihrem Einstieg in den deutschen Markt vor gut zwei Jahren unter Beweis.

Sie hatten vom Kaufhof-Verkäufer Metro damals neben dem operativen Geschäft auch 59 Warenhausimmobilien übernommen. Um den Kaufpreis von 2,8 Milliarden Euro zu stemmen, fädelte das Duo einen komplexen wie gewagten Deal ein. 41 Standorte wurden sofort an ein Gemeinschaftsunternehmen von HBC und einem US-Immobilienkonzern weiterverkauft. Darunter die Kaufhof-Flaggschiffe auf der Düsseldorfer Königsallee, der Frankfurter Zeil und am Berliner Alexanderplatz. Zudem erhöhten die neuen Hausherren die Mieten kräftig. Das rächt sich nun.


Vor allem die zusätzliche Mietbelastung sei dafür verantwortlich, dass Kaufhof in den ersten fünf Monaten des laufenden Geschäftsjahres Verluste vor Zinsen und Steuern von 47 Millionen Euro schrieb, heißt es intern.

„Die bisherige Strategie bei Kaufhof zielte vor allem darauf, den Immobilienwert der Warenhäuser zu treiben“, sagt Experte Heinemann. Wichtige Handelstrends wurden dabei verpasst, Kaufhofs Onlinegeschäft „fast schon skandalös vernachlässigt“, sagt Heinemann. Um auf Dauer gegen Internetplayer wie Amazon zu bestehen, müsse der Konzern massiv investieren. Wobei die lange Frist im Reich von HBC aktuell nicht oberste Priorität genießt.

3. Alles hat ein Ende

Nicht erst seit dem Euler-Hermes-Flopp wachsen am Kapitalmarkt die Zweifel an der Strategie der Kanadier. Die ist in der Tat erklärungsbedürftig. Einerseits streichen sie im Kernmarkt Nordamerika gerade 2000 Stellen, weil auch die Warenhäuser in Kanada und den USA zunehmend Geld verbrennen. Andererseits will HBC in den kommenden Wochen seine ersten Standorte in den Niederlanden eröffnen und das jüngst in Düsseldorf gestartete Schnäppchenkonzept Saks off 5th deutschlandweit ausrollen.

Investoren wähnen einen finanziellen Kraft- und Balanceakt für den hoch verschuldeten Konzern. Seit Monaten ist die Aktie im Sinkflug. Schon machen in Finanzkreisen Spekulationen die Runde, HBC könne ein mit der Landesbank Baden-Württemberg geschlossenes Immobiliendarlehen nicht mehr bedienen. Ein Unternehmenssprecher verweist derlei Gerüchte ins Reich der Fantasie, HBC komme allen Verpflichtungen nach.


Intern glaubt man, die Quelle der Kredit-Mär zu kennen: Sie sei gezielt aus der „Sphäre“ von Karstadt-Eigentümer und Konkurrent René Benko gestreut worden, um HBC „gravierenden – auch finanziellen – Schaden“ zuzufügen, behauptet ein Anwalt der Kanadier. Der Österreicher soll eine Unterlassungserklärung abgeben, fordert der Anwalt in einem Schreiben, das der WirtschaftsWoche vorliegt. Andernfalls drohten juristische Schritte. Ein Beweis, dass Benko tatsächlich hinter den Gerüchten steckt, fehlt jedoch. Zeugen für die angeblichen Aussagen werden in dem Schreiben nicht genannt. Ein Sprecher von Benkos Holding Signa will den Vorgang nicht kommentieren.

Ohnehin kann der Karstadt-Eigner die Diskussion um den Erzrivalen Kaufhof derzeit gelassen verfolgen. Die frühere Krisenkette scheint sich nach Jahren des Niedergangs zuletzt wieder berappelt zu haben. Benko lernte offenbar schnell dazu.

KONTEXT

Das ist die Hudson's Bay Company

Die Geschichte

Die Hudson´s Bay Company ist Kanadas größtes Kaufhaus und gilt als ältestes Unternehmen Nordamerikas. Die Geschichte von HBC begann 1670, als Charles II von England der Company Eigentum über Land und Bodenschätze in Kanada übertrug. Der damals vollständige Name der Unternehmung: „The Governor and Company of Adventurers of England trading into Hudson´s Bay“.

Rund 200 Jahre kontrollierte HBC vor allem den lukrativen Handel mit Pelzen, dann kaufte Kanada der Gesellschaft die Rechte wieder ab. HBC änderte daraufhin die Ausrichtung, stieg in den Großhandel ein und versorgte Siedler. Auch in der Schifffahrt und im Handel mit Öl und Gas war HBC tätig, bevor sich die Gesellschaft in den 1990er Jahren wieder auf den klassischen Einzelhandel konzentrierte.

Die Hudson’s Bay Company fokussierte sich stets auf Aktivitäten in Kanada und Nordamerika - bis 1970 war ihr Sitz aber London.

Der Chef

Die Historie der HBC ist derart eng mit der Kanadas verknüpft, dass seine Chefs bis heute Gouverneure heißen. Heute hat diesen Posten der US-Amerikaner Richard Baker inne, der das Unternehmen 2008 erwarb. Baker gilt als strategischer und ehrgeiziger Konzernlenker  

Die Expansion

Schon vor der HBC-Übernahme hatte Baker 2006 amerikanisch Traditionskaufhauskette Lord & Taylor für knapp eine Milliarde Euro gekauft und das Geschäft durch Beleihung der Immobilien finanziert. Auch den vollständigen Kauf der Hudson’s Bay Company im Jahr 2008  finanzierte Baker hauptsächlich durch Schulden. Für rund 2,2 Milliarden Euro kaufte HBC 2013 schließlich die amerikanische Nobelkette  Saks Fifth Avenue  und deren Ableger OFF 5th. Erneut die entscheidende Geldquelle: beliehene Immobilien. 2015 machte der Konzern klar, in Zukunft auch außerhalb des nordamerikanischen Marktes wachsen zu wollen - durch Zukäufe wie Kaufhof. Neuestes Projekt ist die Einführung der Discount-Luxuskette Saks Off 5th in Deutschland.

Die Unternehmen

Neben der namensgebenden Hudson’s Bay Company gehören zum HBC-Imperium eine ganze Reihe von Handelsunternehmen in Nordamerika. In Kanada ist es die Einrichtungshauskette Home Outfitters. In den USA hat HBC das Luxuskaufhaus Lord & Taylor, die Edelkaufhauskette Saks Fifth Avenue und deren Discount-Designer-Ableger Saks Fifth Avenue OFF 5th übernommen.

Die Immobilien

Als starkes Rückgrat der Hudson’s Bay Company gelten die Warenhausimmobilien im  Besitz des Konzerns. Ihr Wert wird auf etwa 9,6 Milliarden kanadische Dollar geschätzt, rund 6,7 Milliarden Euro. Allein der Saks Fifth Avenue Flagship Store in New York soll mehr als drei Milliarden Euro wert sein.

Die Umsätze

Mit Saks Fifth Avenue, der Kernmarke Hudson's Bay, der Modekette Lord & Taylor und dem Haushaltswarenhändler Home Outfitters machte HBC zuletzt einen Umsatz von gut neun Milliarden Euro und rund 420 Millionen Euro Gewinn.

Saks Fifth Avenue und Saks Off 5th

Der erste Laden der amerikanischen Luxux-Kaufhauskette wurde 1924 von Horace Saks zusammen mit einer Geschäftspartner auf der New Yorker 5th Avenue eröffnet. 1992 gründete das Unternehmen sein erstes Outletgeschäft in Pennsylvania. Als 1995 weitere Läden eröffnet werden sollten, wurde das Geschäft in Saks Off 5th umbenannt. 2013 übernahm HBC das Unternehmen. Im Jahr 2016 gab es weltweit 41 Fililalen von Saks Fifth Avenue und 117 von Saks Off 5th.