Ski-Star Dreßen: "Da gibt es für die Athleten keine Ausreden"

Andreas Pfeffer
·Lesedauer: 10 Min.

Erst vor wenigen Wochen wurde Ski-Ass Thomas Dreßen zum zweiten Mal nach 2018 zum deutschen "Skisportler des Jahres" gewählt.

Besonders nach dem Rücktritt von Viktoria Rebensburg bei den Damen lastet auf den Schultern von Dreßen großer Druck, denn vor allem er soll die so wichtigen Erfolge für die deutschen Skifahrer einfahren.

In der Abfahrt zählt der 26-Jährige dabei in jedem Rennen zu den Topfavoriten, wie er mit Platz zwei in der Disziplinwertung der vergangenen Saison unter Beweis stellte. Aber auch im Super G sollte man den Garmisch-Partenkirchner auf der Rechnung haben.

Bevor die Weltcup-Saison für ihn beginnt, spricht Dreßen im exklusiven SPORT1-Interview über die durch Corona erschwerten Bedingungen, wie die Streif ohne Zuschauer wäre, seine Ziele und Konkurrenten sowie die Situation im Deutschen Skiverband (DSV).

SPORT1: Wie geht es Ihnen? Sind Sie gesund und fit für die anstehende Saison?

Thomas Dreßen: Momentan geht es mir sehr gut. Ich bin gesund. Es hat über den Sommer kleinere, körperliche Baustellen gegeben. Da sieht man, dass die letzten Jahre nicht spurlos an mir vorbeigegangen sind. Das hat sicher aber alles gut regeneriert. Beim Training hat es zuletzt bei mir gut funktioniert. Ich bin zufrieden und freue mich, wenn es jetzt dann im Training ernster wird.

Dreßen: "Mehr Zeit für Konditionstraining"

SPORT1: Wie lief die Vorbereitung im Sommer bzw. wie sehen momentan Ihre Aktivitäten aus?

Dreßen: Angefangen hat es nach der vergangenen Saison eher ruhiger. Wenn man aus der jetzigen Situation etwas Positives sehen will, dann, dass ich mehr Zeit für das Konditionstraining hatte. Das habe ich komplett bei mir zu Hause gemacht. Ich habe mir dort bei meinen Schwiegereltern in deren Reithalle einen Trainingsraum eingerichtet. Ganz lustig war, dass ich so meiner Freundin parallel zum Training beim Reiten zuschauen konnte. Das Camp in Chile ist wegen Corona ausgefallen. Somit hat sich das komplette Sommer-Ski-Training auf die europäischen Gletscher verlagert. Wir waren in Saas-Fee, in Zermatt und zuletzt in Sölden. Zu Beginn haben wir viel Riesenslalom trainiert, Techniktraining gemacht. In Saas-Fee haben wir geschaut, dass wir Gefühl für die längeren Schwünge aufbauen, speziell für die Geschwindigkeit. In der Woche nach dem Weltcup-Start in Sölden durften wir dort Super-G und Riesenslalom trainieren. Darüber waren wir sehr dankbar. In der vergangenen Woche und auch in dieser stand bzw. steht Konditionstraining auf dem Programm. Wir schauen, dass wir an den letzten Feinheiten arbeiten. Das Bestehende wird so gefestigt. Dann geht es demnächst mit dem Skifahren weiter. Da wird es Richtung Renntraining gehen. Dann geht es nicht mehr darum, dass man viele Fahrten macht, sondern dass man nur noch zwei oder drei am Tag macht. Das klingt nach wenig. Es geht aber darum, dass man sich vom Kopf auf die eine Fahrt vorbereitet – und nicht um die körperliche Ausbelastung. Darauf kommt es letztlich im Rennen an. Skifahren können alle, die am Start stehen. Es geht darum, dass man beim Rennen seine 100 Prozent abruft.

SPORT1: Wie sehr ist die Vorbereitung von Corona beeinflusst?

Dreßen: Mich persönlich hat Corona vor allem so getroffen, dass ich wenig mit dem Team trainieren konnte. Ich wohne in Oberösterreich, bin in Scharnstein mit meiner Freundin sesshaft geworden. Das Konditionstraining hat sich rein dort abgespielt. Es war toll, als ich meine Teamkollegen nach einigen Monaten wiedergesehen habe. Aber auch meine Familie in Mittenwald habe ich über Monate nicht gesehen. Zudem konnte ich viele Sponsoren-Veranstaltungen, zu denen ich im Sommer oft darf, nicht besuchen. DTM und Formel 1 sind für mich im Sommer feste Termine zu denen ich gerne gehe, auch weil es mich selber interessiert, und auch da ich aus sponsorentechnischen Gründen gewissen Verpflichtungen habe. Das hatte aber auch den Vorteil, dass man keine Rücksicht auf solche Termine nehmen muss und deshalb ganz gezielt das Konditionstraining machen kann. So viel Zeit für Konditionstraining wie dieses Jahr hatte ich noch nie. Man merkt generell, dass Corona den ganzen Sport getroffen hat.

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Ski-Alpin-Star Thomas Dreßen über Saison mit WM 2021

SPORT1: Ist Ihre Freude auf die Saison, deren Verlauf sehr ungewiss ist, in der aber eine WM stattfinden soll, aufgrund der Situation getrübt?

Dreßen: Als ich den Weltcup-Start in Sölden im Fernsehen gesehen habe, habe ich mich schon richtig darauf gefreut, wenn es bei uns wieder losgeht. Wie es letztendlich abläuft - ob mit oder ohne Zuschauer, ob wir nur vom Hotel zur Strecke dürfen und dann wieder zurück – das sind spezielle Vorgaben, die von Ort zu Ort unterschiedlich sein werden und die wir akzeptieren werden. Letztendlich geht es für uns alle darum, dass wir Rennen fahren. Mir persönlich ist es natürlich mit Zuschauern lieber. Ich mache mir aktuell aber keine großen Gedanken darüber, wie es ablaufen wird. Das liegt sowieso nicht in der Hand der Athleten. Wir müssen die Situation so akzeptieren, wie sie ist. Grundsätzlich heißt es aufzupassen, dass man sich nicht ansteckt, Abstand zu den anderen zu halten und sich zu desinfizieren – eben die klassischen AHA-Regeln umsetzen. Der Kontakt zu den Fans wird natürlich fehlen. Das wird sich in Zukunft aber hoffentlich ändern.

SPORT1: Können Sie sich das Abfahrtsrennen auf der Streif in Kitzbühel ohne Zuschauer überhaupt vorstellen?

Dreßen: Ich glaube es geht eher darum, sich das vorstellen zu müssen. Mir wäre es lieber, wenn dort 30-, 40- oder 50-tausend Menschen im Ziel stehen. Und auch bei der Siegerehrung ist es schon geil, wenn es dort so zugeht. Aber: Die Gesundheit geht immer vor. Das sage ich auch immer, wenn ich nach einem Rennen im Ziel bin. Natürlich schaut man in erster Linie auf das Ergebnis, aber das wichtigste ist, dass man gesund im Ziel ankommt. Wenn man sich verletzt, kann man kein nächstes Rennen fahren. Letztendlich liegt es an den Veranstaltern, die logischerweise ein Rennen mit Zuschauern wollen. Ich glaube, dass grundsätzlich nicht nur für den Ski-Weltcup, sondern generell für den Wintersport, Rennen wichtig sind. An einem Weltcuprennen hängen nicht nur die Skibetriebe dran, da hängt die Hotellerie, der gesamte Tourismus dran. Länder wie Österreich leben in erster Linie vom Tourismus. Wenn man sieht, wie hart diese wirtschaftlich getroffen werden, ist es nicht so verkehrt, wenn trotz Corona Rennen stattfinden können. In Sölden war alles super organisiert. Ich hoffe, dass andere Veranstalter dort vor Ort waren und sich das Prozedere angeschaut haben. Ich habe erst mit Fritz Dopfer (Anm. d. Red.: Jetzt im Organisationskomitee der Weltcup Rennen in Garmisch-Partenkirchen) telefoniert. Er hat sich bei mir informiert, was für uns wichtig wäre. Ich kann schon einmal sagen: Die Garmischer sind entschlossen, die Rennen durchzuführen. Es freut mich, wenn Ex-Skifahrer wie Fritz Dopfer sich bei uns Aktiven erkundigen was wichtig ist. Das gibt uns Athleten eine hohe Wertschätzung.

Dreßen rechnet mit Kriechmayr, Mayer, Feuz und Kilde

SPORT1: Ganz unabhängig von Corona: Welche Ziele haben Sie sich für die Saison 2020/21 gesetzt?

Dreßen: Das sind dieselben Ziele, wie jedes Jahr. Ich gehe nie in eine Saison und setze mir zum Ziel, dass ich Rennen gewinnen und dies und das erreichen will. Mir geht es darum, mich als Skifahrer und auch als Mensch weiterzuentwickeln. Ich sage immer, dass Skifahren ein Prozess ist. Für uns Athleten geht es nicht nur darum, in einer Saison gut zu sein. Mein Ziel ist es, über einen längeren Zeitraum vorne mitfahren zu können. Ich denke von Rennen zu Rennen. In Val d'Isere geht es für mich darum, optimal vorbereitet anzureisen. Dann schaue ich, wo ich stehe, dann geht es weiter. Ich weiß, was ich die letzten Jahre erreicht habe. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich mit einem 30. Platz zufrieden bin. Ich will wieder dort hinkommen, wo ich war. Wir habe ein super Team. Die anderen Jungs geben Vollgas. Wir habe eine gute Mischung im Team.

SPORT1: Wer sind in dieser Saison die stärksten Abfahrer – außer Ihnen?

Dreßen (lacht): Ich hoffe, dass ich wieder ein Wort bei den vorderen Platzierungen mitsprechen kann. Wir haben auch einmal mit den Österreichern trainiert. Die sind bereits wieder gut in Form. Vincent Kriechmayr und Matthias Mayer haben schon wieder den nötigen Grundspeed, den es braucht. Beat Feuz muss man immer auf der Rechnung haben. Aleksander Aamodt Kilde hat in Sölden trotz seines Ausfalls gezeigt, dass er auch im Riesenslalom stark ist. Dann kann man auch in den Speedrennen mit ihm rechnen. Ich glaube, dass das Feld noch enger zusammenrücken wird. Ich bin gespannt, was Dominik Paris aus Italien nach seiner Verletzung leisten kann. Ich schätze ihn auch wieder stark ein. Die Rennen werden auch am TV sicher wieder für alle spannend werden.

SPORT1: Wie sehen Sie das Männerteam des DSV aufgestellt – auch mit Blick auf die nächsten Jahre?

Dreßen: In der Abfahrtsmannschaft sind wir allesamt noch nicht sehr alt. Andreas Sander und Josef Ferstl sind mit Anfang 30 schon die Erfahreneren im Team, sie sind aber für einen Abfahrer im besten Alter. Ich bin 26, Manuel Schmid 27, Dominik Schwaiger 29. Mit Simon Jocher ist ein 24-Jähriger neu im Team. Der gibt im Training richtig Gas. Um die Abfahrtsmannschaft mache ich mir keine Sorgen, dass wir in den nächsten Jahren nicht noch stärker werden. Ich setze mein vollstes Vertrauen in die Trainer. Man hat in den vergangenen Jahren schon gesehen, dass wir uns nach vorne entwickeln. Vom Trainerteam her sind wir top aufgestellt. Da gibt es für die Athleten keine Ausreden. Jetzt liegt es an uns Fahrern den nächsten Schritt zu machen, um als Mannschaft geschlossen vorne mitzufahren. Das ist natürlich das Ziel.

In Deutschland dominiert Fußball

SPORT1: DSV-Sportdirektor Wolfgang Maier hat zuletzt ein düsteres Bild zur Lage des Verbands und insbesondere des Nachwuchsbereichs gezeichnet. Er sagte, es droht eine ganze Generation wegzufallen. Wie sehen Sie das und wie sieht das Problem konkret aus?

Dreßen: Da bin ich überfragt. Ich sehe nur, was bei uns derzeit los ist. Dass es für einen Verband finanziell immer schwer ist, wissen wir alle. Dafür ist der Skisport in Deutschland einfach zu klein. Skifahren ist bei uns nicht die Sportart Nummer eins. Da kommt zuerst Fußball, dann Fußball und dann noch einmal Fußball. Wir müssen schauen, wo wir bleiben. Verbandsfunktionäre wie Wolfgang Maier, Walter Vogel (Anm. d. Red.: Geschäftsführer DSV Marketing) tun alles dafür, dass wir immer Top-Bedingungen und -Trainingsmöglichkeiten vorfinden. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir gemeinsam mit den Österreichern auf dem Weltcuphang in Sölden trainieren können. Die Verantwortlichen setzen dafür alles in Bewegung. Zum Thema Nachwuchs: Skifahren muss attraktiv für die Kinder sein. Wenn Kinder nach einem Rennen bei mir nach Fotos oder Autogrammen fragen, stehe ich immer bereit. Von einem bekannten Menschen hab ich einmal gehört "zu Kindern darf man nicht Nein sagen, außer es geht nicht anders". Das nehme ich mir zu Herzen. Als ich klein war, war es das Höchste für mich, von meinen damaligen Vorbildern wie Hermann Maier Autogramme zu bekommen. Man muss schauen, dass die Kinder Spaß haben. Deswegen muss man sich für sie Zeit nehmen. Sie sind die Zukunft. Ich hoffe, dass das ganze Thema Corona sich nicht zu sehr auf den Nachwuchssport auswirkt. Sie sollen den Sport, egal welchen, ausüben können. Wir müssen die Kinder in Bewegung und bei Laune halten, sonst wird es schwierig in Deutschland in zehn, 15 Jahren wieder deutsche Sportler in höheren Ligen sehen werden.