Draxlers große Stunde schlägt, wenn...

Tim Brack, Ljubo Herceg
Julian Draxlers große Chance heißt Real Madrid

Bei Paris Saint-Germain sollen Träume von Weltkarrieren in Erfüllung gehen, Champions-League-Titel gewonnen werden - und ganz gut leben lässt es sich in der französischen Hauptstadt auch.

Nicht nur wegen der Scheich-Millionen. Auch Julian Draxler ließ sich einst von diesen Aussichten verführen, als er noch im tristen Wolfsburg arbeitete.

Bei PSG wollte der deutsche Nationalspieler nach seinem Winterwechsel 2017 den nächsten Karriereschritt gehen - von internationaler Klasse zur Weltklasse.

Superstars verdrängen Draxler

Zunächst klappte das ganz gut: In seinen ersten 25 Spielen traf Draxler zehn Mal und legte drei Treffer vor. Darüber hinaus gewann er mit PSG 2017 gleich drei Titel: den französischen Pokal, den Ligapokal und den Supercup. Doch dann kamen Neymar und Kylian Mbappe.

Der angepeilte Stammplatz war für den 25-Jährigen dahin. Denn der brasilianische 222-Millionen-Mann und das französische Juwel sind bei Trainer Unai Emery gesetzt.

Doch durch die Verletzung von Neymar muss sich der PSG-Coach nun überlegen, wie er das wichtigste Spiel der Saison angeht - das Achtelfinal-Rückspiel in der Königsklasse gegen Real Madrid (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER).


Gefrustet wegen Reservistendasein

"Ich würde mir wünschen, dass ich ab und zu auch mal ein Spiel über 90 Minuten mache", sagte Draxler nach der 1:3-Niederlage im Hinspiel in Madrid.

"Es ist meistens so, dass ich nach 60 Minuten aus- oder eingewechselt werde. Ich bin voll im Saft, ich spiele genug. Aber natürlich guckst du bei einem Spiel wie heute ungerne 84 Minuten von der Bank aus zu", gestand der Weltmeister.

Das Duell gegen die Königlichen ist auch eine Vertrauensfrage für Draxler. Glaubt Emery an ihn und setzt auf seine Stärken? Oder wählt er zunächst eine defensivere Variante? Im 4-3-3-System von PSG rückte zuletzt Angel Di Maria nach dem Neymar-Ausfall auf die linke Außenbahn. Draxler lief dahinter als Achter auf. Diese Variante ist aber sehr offensiv ausgerichtet.

Will Emery erst einmal mehr defensive Stabilität im Dreier-Mittelfeld, setzt er neben Marco Verratti und Adrien Rabiot wohl auf Giovani Lo Celso. Für Draxler bliebe wieder einmal nur die leidige Joker-Rolle. "Die Abwesenheit eines Spielers öffnet immer einem anderen die Tür", sagte Emery am Montagabend auf konkrete Nachfrage und ließ sich damit alle Optionen offen. 


Draxler beansprucht Führungsrolle und Stammplatz

Allerdings sind in seiner Karriereplanung gerade diese Do-or-Die-Spiele wie gegen Madrid fest eingeplant. 

In der vergangenen Champions-League-Saison schied PSG gegen den FC Barcelona trotz eines 4:0 im Hinspiel aus, weil das Rückspiel in Barcelona mit 1:6 verloren ging. Draxler erlebte aus nächster Nähe, wie sein heutiger Mitspieler Neymar die Pariser Träume zerstörte. Für den 24-Jährigen geriet diese Schmach auch zur Persönlichkeitsschulung.

Gegen Real will der kreative Mittelfeldspieler nun beweisen, dass er einen Reifeprozess durchgemacht hat. Dass er in einer Führungsrolle funktionieren kann, stellte Draxler beim Confed-Cup-Sieg der DFB-Elf im Sommer 2017 eindrucksvoll unter Beweis. Draxler führte Joachim Löws aufgebesserte Talent-Truppe als Kapitän zum Titel.

PSG-Coach trotz Millionen-Ausgaben vor Aus

In Paris sind die Führungsrollen aber dem zuletzt angezählten Kapitän Thiago Silva, Neymar, Edinson Cavani oder selbst Verratti vorbehalten. Draxler muss sich hinten anstellen, obwohl der Ex-Schalker gegen Troyes auch in ungewohnter Rolle glänzte. Als "falsche Neun" legte er Di Marias Führungstor mustergültig auf.


Draxlers Statistiken der aktuellen Saison lesen sich auf den ersten Blick auch gut: In 35 Spielen traf der 25-Jährige vier Mal und verbuchte acht Vorlagen. Bei näherer Betrachtung fällt aber auf, dass der Linksaußen nur 55 Minuten im Schnitt spielt. Zu wenig für Draxlers Ansprüche.

Da neben Neymar aber auch Mbappes Einsatz gegen Real ungewiss ist, steigen seine Chancen auf einen Startelfeinsatz: Ob auf den Außenbahnen oder als Achter? Diese Entscheidung fällt wohl kurz vor Anpfiff.

Mit einer starken Leistung und einem Erfolg gegen den Titelverteidiger könnte Draxler auch seinem PSG-Trainer den Kopf retten und seinen Status deutlich verbessern. Denn ein Ausscheiden im Achtelfinale wäre für die Scheichs definitiv zu wenig - erst recht nach den extrem hohen Millionenausgaben zu Saisonbeginn.

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