Dramatische Szenen vor dem Haager UN-Tribunal für Ex-Jugoslawien

Vor dem UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag hat sich ein dramatischer Vorfall abgespielt: Der Angeklagte Praljak nahm nach Angaben seines Anwalts offenbar Gift, als die Richter die 20-jährige Haftstrafe gegen ihn bestätigten

Vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag hat sich am Mittwoch ein dramatischer Vorfall abgespielt: Der Angeklagte Slobodan Praljak nahm nach Angaben seines Anwalts womöglich Gift, als die Richter die 20-jährige Haftstrafe gegen ihn bestätigten. Der 72-jährige Praljak, ein ehemaliger bosnisch-kroatischer Offizier, rief im Gerichtssaal, er sei "kein Krimineller", und nahm dann einen Schluck aus einem kleinen Fläschchen.

Die Urteilsverkündung wurde ausgesetzt, als der Anwalt Praljaks rief: "Mein Mandant sagt, er habe Gift genommen." Vor dem Gericht traf ein Krankenwagen ein, über dem Gebäude kreiste ein Hubschrauber, wie AFP-Reporter berichteten. Rettungshelfer eilten in den Gerichtssaal. Kurze Zeit später teilte das Gericht mit, der 72-Jährige sei am Leben und befinde sich in medizinischer Behandlung.

Praljak war unter anderem angeklagt, im November 1993 die Zerstörung der Brücke von Mostar aus dem 16. Jahrhundert angeordnet zu haben. Dadurch sei der muslimischen Zivilbevölkerung "unverhältnismäßig großer Schaden" entstanden, hatten die Richter im ersten Prozess erklärt, der 2006 begann.

In dem Berufungsverfahren vor dem UN-Tribunal erfolgte die Urteilsverkündung nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen fünf weitere ehemalige politische und militärische Führer der bosnischen Kroaten während des Bosnien-Kriegs (1992-1995). Außer Praljak handelt es sich um den ehemaligen "Regierungschef" der selbstproklamierten Bosnisch-kroatischen Republik Herceg-Bosna, Jadranko Prlic, den ehemaligen Verteidigungsminister Bruno Stojic sowie drei Militärs.

Gegen Prlic wurde die 25-jährige Haftstrafe aufrecht erhalten, wie das Gericht am Mittwoch urteilte. Die sechs Angeklagten waren 2013 unter anderem für schuldig befunden worden, an der Vertreibung bosnischer Muslime beteiligt gewesen zu sein, um ein kroatisches Territorium zu gründen.

Die damalige kroatische Führung unter Staatschef Franjo Tudjman hatte die bosnischen Kroaten in ihrem Kampf für eine Anbindung der überwiegend von Kroaten bewohnten Gebiete Bosniens an Kroatien unterstützt. Die einseitig ausgerufene Republik Herceg-Bosna wurde international nicht anerkannt.

Im Bosnien-Krieg standen sich überwiegend bosnische Muslime und bosnische Serben gegenüber. Allerdings gab es zeitweise auch heftige Kämpfe zwischen bosnischen Muslimen und bosnischen Kroaten. Mostar war der Schauplatz der schwersten Gefechte, in deren Verlauf fast vier Fünftel des Ostens der Stadt zerstört wurden.