Drama vor Lesbos: Kind auf Flüchtlingsboot erdrückt

Ein etwa zehnjähriger Junge ist auf einem Flüchtlingsboot umgekommen, das von der Türkei aus in Richtung der griechischen Insel Lesbos unterwegs war. Nach Angaben der Küstenwache soll das Kind aus Afghanistan erdrückt worden sein, als alle Migranten gleichzeitig auf ein Frontex-Rettungsboot gelangen wollten. Die griechische Nachrichtenagentur ANA berichtete, dass unter den Migranten Panik ausgebrochen sei, als sie das Boot der EU-Grenzschutzbehörde sahen. Sie hätten Angst gehabt, zurück in die Türkei gebracht zu werden. Auch die Eltern und zwei jüngere Schwestern des Jungen seien im Boot gewesen. Die Mutter habe versucht sich umzubringen, nachdem sie den Tod ihres Sohnes festgestellt hatte, hieß es weiter. Sie sei von der Küstenwache gerettet worden.

Ein Gerichtsmediziner soll die genaue Todesursache klären.

“Das ist schon einmal passiert, dass ein Kind in einem Boot niedergetrampelt wurde. Diese Boote haben eine Kapazität für rund zehn Personen. Oft sind es aber 30 oder 40 Menschen, und wenn ein kleines Kind an Bord ist, kann so etwas passieren. Es ist bereits zweimal geschehen. Das ist ein weiteres SOS für Europa, das manche Situationen nicht wahrhaben will, die Augen verschließt. Und hier starb ein kleines Kind”, sagt Spiros Galinos, der Bürgermeister von Lesbos, im Telefoninterview.

Die anderen 66 Flüchtlinge wurden nach Lesbos gebracht. Am Vortag hatten Frontex und die griechische Küstenwache gut 90 Migranten vor den Inseln Chios und Lesbos aufgegriffen.

Vom 1. Januar und bis zum 23. November sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) auf griechischen Inseln 26.821 Migranten und Flüchtlinge angekommen. Zum Vergleich: 2016 waren es im ganzen Jahr 173.450 und 2015 knapp 900.000 Migranten gewesen.   

Der gewaltige Flüchtlingszustrom wurde weitgehend gestoppt, nachdem im April 2016 das EU-Türkei-Abkommen in Kraft trat. Es sieht unter anderem vor, dass die EU alle Migranten zurückschicken kann, die illegal über die Türkei nach Griechenland kommen und kein Asyl erhalten. Auf den griechischen Inseln harren zurzeit knapp 15 500 Migranten und Flüchtlinge aus und warten auf die Entscheidungen der Asylrichter. Die Flüchtlingslager sind restlos überfüllt.