Draghi treibt Dax auf Allzeithoch

Der deutsche Leitindex schleppt sich am Donnerstag mit leichten Verlusten durch den Mittagshandel. Mangelnde Impulse beenden die Hausse. Die Zinserhöhung der britischen Zentralbank kann die Anleger nicht schocken.


Mario Draghi hat es mal wieder geschafft. Der Italiener und seine Kollegen im Rat der Europäischen Zentralbank hievten den Dax am Donnerstag in bisher unerreichte Höhen. Der Deutsche Aktienindex kletterte weit über die 13.000-Punkte-Marke rauf auf einen neuen Bestwert von 13.144 Punkten. Am Ende ging die Frankfurter Benchmark mit 13.133 Zählern 1,4 Prozent fester aus dem Handel. Die obersten Währungshüter der Euro-Zone hatten am Mittag entschieden, die monatlichen Anleihekäufe der EZB auf 30 Milliarden Euro zu halbieren, das Programm aber um neun Monate bis zum September 2018 zu verlängern.

Damit folgten die Notenbanker der Devise „lower for longer“, die die meisten Experten auch in dieser Volumen/Laufzeit-Konstellation prognostiziert hatten. Und dennoch zeigten sich die Anleger erleichtert, spielten befreit auf. Der Leitindex der Euro-Zone, der Euro-Stoxx-50, legte 1,1 Prozent zu auf 3630 Zähler.

„Die Entscheidung ist im Prinzip so ausgefallen wie erwartet, aber offenbar hatten einige Anleger mit einer deutlicheren Straffung der Geldpolitik gerechnet“, fasste es Helaba-Analyst Ulrich Wortberg zusammen. Der Devisenmarkt zeigte dies noch deutlicher, dort fiel der Euro um ein ganzes Prozent auf 1,1698 Dollar.


Im Anschluss der Entscheidung trat EZB-Chef Mario Draghi in Frankfurt vor die Presse. Auf dem Parkett erwartete man nicht weniger, als dass der Italiener der Weg hin zu einer Normalisierung der Geldpolitik skizziert. Und scheinbar konnte der starke Mann der Geldpolitik überzeugen.

Auch wenn man von einer Normalisierung der Geldpolitik freilich erst mittelfristig bis sogar langfristig rechnen kann – das zur Betonung. Nun ist aber ein erster vorsichtiger Schritt der Straffung getan. „Zwar könnte der heutige Entscheid den Grundstein für eine künftige geldpolitische Wende gelegt haben, mitnichten bedeutet er aber ein rasches Ende der ultralockeren Geldpolitik“, formuliert es der Deutsche-Bank-Analyst Sebastian Becker.

Es ist der Startschuss zum sogenannten Tapering, dem schrittweise Zurückfahren der Wertpapierkäufe. Im Kern geht es um das billionenschwere Anleihekaufprogramm. Seit März 2015 erwirbt die EZB, gemeinsam mit den einzelnen nationalen Notenbanken des Euro-Systems, Staatsanleihen und teilweise auch Unternehmensanleihen. Durch den Kauf soll Druck auf die Renditen dieser Papiere entstehen, was wiederum die Bonds unattraktiv für Banken machen soll.


Die sollen ihr Geld vermehrt in die Realwirtschaft investieren, um die Konjunktur und damit auch die Inflation anzukurbeln – das erklärte Ziel der Europäischen Zentralbank. Die Experten peilen eine Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent an, bei der sie ein stabiles Preisniveau sehen, das wiederum die wirtschaftliche Entwicklung nicht belastet.

Das monatliche Volumen der Anleihekäufe betrug in der ersten Phase 60 Milliarden Euro und wurde im März 2016 auf 80 Milliarden aufgestockt. Dass die Währungshüter im Dezember vergangenen Jahres die Käufe wieder auf 60 Milliarden Euro reduzierten, wurde ihnen jedenfalls nicht als eine erste Straffung ausgelegt. Ganz im Gegenteil. Denn die gleichzeitige Verlängerung des Programms auf das Jahresende 2017 trat eine waschechte Aktienrally in Europa los. Die Geldschleusen blieben weiter geöffnet und schoben die Aktienmärkte kräftigt voran.

Das Anleihekaufprogramm ist umstritten, zwischen Ökonomen entstand eine lebhafte Diskussion. Und weil die Euro-Zone auf einem Weg der Besserung ist, die Konjunktur auf breiter Basis wieder anzieht, wuchs der Druck auf Mario Draghi und die EZB-Führung seit Monaten.


Deutsche Bank und Bayer verlieren nach Bilanzvorlage


Vor allem in der deutschen Öffentlichkeit haben das Programm und die expansive Geldpolitik generell einen schweren Stand. Der langjährige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble kritisierte den offensiven Kurs mehrmals. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, Chef der Bundesbank, plädiert schon seit längerem für ein Festziehen der Zügel. Und das in einer deutlichen Art, wie sie für Geldpolitiker untypisch ist.

Nun betragen die Anleihekäufe also monatliche 30 Milliarden. Und eifrig wird darüber diskutiert, wie es weiter geht. Die EZB betonte wie immer, dass sie sich den Spielraum offenhalte, ihre Maßnahmen bei Bedarf wieder auszuweiten. Ifo-Präsident Clemens Fuest forderte schon im Vorfeld des Entscheids, die Transaktionen ab Januar herunterzufahren. „Wenn sich der Aufschwung im Euro-Raum weiter festigt, könnte die EZB die Käufe bis März auf null verringern.“ Wie erwartet vermied es die EZB aber ein konkretes Datum für die nächste Reduktion auszugeben.

Die Leitzinsen blieben unangetastet. Auch der zum Strafzins umfunktionierte Einlagenzins für Banken verharrte auf dem Niveau von 0,4 Prozent. Eine Erhöhung der Leitzinsen, die mit 0,0 Prozent auf einem Rekordniedrigniveau liegen, ist der letzte Schritt auf der Liste der EZB, wenn es an die Normalisierung der Geldpolitik geht. Das hatte die Zentralbank oft genug verkündet. Spekulationen um eine Erhöhung vor Auslaufen des Anleihekaufprogramms verbieten sich dementsprechend, werden aber immer wieder angestellt.


Die Ratssitzung drängte zwar andere Termine in den Hintergrund, was die Aufmerksamkeit betrifft. Doch auch politisch gab es am Donnerstag einen Paukenschlag. In Barcelona gab es ein drauf und drüber, wie es in den Wochen seit dem Referendum schon oft der Fall. Die katalonische Regionalregierung, die die Unabhängigkeit von Spanien anstrebt, hatte zuerst überraschend eine Erklärung abgesagt.

Nicht wenige hatten bei dem Termin mit einer Unabhängigkeitserklärung von Regierungschef Carles Puigdemont gerechnet. Auf dem Parkett reagierte man erleichtert. Nur um dann mitzukriegen, dass die katalanische Regionalregierung nun auch offiziell Neuwahlen kategorisch ablehnt – und sich damit erneut demonstrativ gegen die Madrider Zentralregierung stellt. Der Ibex-35 gab einen Teil seines satten Aufschlags ab. Am Ende reichte es für ein Plus von 1,4 Prozent.

Die Nachrichten stahlen wichtigen Konzernzahlen am Donnerstag die Show. Im Dax konnte die Deutsche Bank die Anleger trotz eines überraschenden Gewinnsprungs nicht überzeugen. Die Aktien fielen gehörten mit einem Minus von einem Prozent zu den wenigen Werten, die Kursverluste hinnehmen mussten. Der Verkaufsdruck erwischte auch die Papiere der Commerzbank, die 0,7 Prozent nachgab. Das rote Trio komplettierte machte Bayer, die überraschend im Agrargeschäft schwächelten. Die Papiere verloren 1,8 Prozent.

Dagegen kamen Beiersdorf mit ihrer Anhebung der Umsatzprognose bei den Anlegern gut an: Die Aktien kletterten um stolze 6,8 Prozent. Dahinter folgte die Münchener Rück, die mehr als vier Prozent zulegen konnte. Die Serie von Wirbelstürmen in den USA und der Karibik kommt den weltgrößten Rückversicherer zwar teuer zu stehen, die Anleger hatte aber bereits damit gerechnet.

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KONTEXT

Reaktionen zur EZB-Entscheidung

Hans-Walter Peters, Präsident BdB

Mit der Reduktion des monatlichen Kaufvolumens hat die EZB einen deutlichen Schritt getan, um die Geldpolitik wieder zu normalisieren. Angesichts der robusten Konjunktur und der längst überwundenen Deflationsrisiken eine richtige und längst überfällige Entscheidung. Wenig überzeugend ist allerdings die Entscheidung, das Kaufprogramm mindestens bis September 2018 zu verlängern. Diese Verlängerung sei ein milliardenschwerer zusätzlicher geldpolitischer Impuls in einer boomenden Konjunktur. Insgesamt ist die heutige EZB-Entscheidung daher durchwachsen, frei nach dem Motto: zwei Schritte vor, ein Schritt zurück

Georg Fahrenschon, Sparkassen-Präsident

Ich sehe wenig Licht und viel Schatten. Denn auch wenn weniger Anleihen gekauft werden, ist es gleichzeitig schlecht, dass die EZB heute ihren gesamten Kurs auf einen längeren Zeitraum festgelegt hat. Die Verlängerung bis weit in das Jahr 2018 ist trotz der Temporeduktion eine expansive Maßnahme. Denn die Bilanzsumme des Eurosystems steigt damit weiter an. Die gute Konjunktur im gesamten Euroraum hätte es der EZB erlaubt, entschlossener umzusteuern. Die ultralockere Geldpolitik muss auf besondere Krisensituationen beschränkt bleiben. Die EZB sollte Wege finden, sich selbst und damit auch die Sparer, Kreditinstitute und viele weitere Akteure in ganz Europa aus dieser unnormalen Zinswelt wieder herauszuführen.

Iris Bethge, VÖB-Hauptgeschäftsführerin

Endlich wagt die EZB weitere Maßnahmen, um ihre ultra-expansive Geldpolitik zu korrigieren. Die erneute Reduzierung der Anleihekäufe ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die EZB sollte künftig jeden Spielraum für einen Weg aus ihrer Geldpolitik nutzen. Angesichts der Nebenwirkungen ihrer Maßnahmen ist die Rückkehr zu einer normalisierten Geldpolitik wichtiger als ein Inflationsniveau von annähernd zwei Prozent. Das Gespenst der Deflation hat die EZB längst erfolgreich vertrieben. Darüber hinaus ist es dringend geboten, den negativen Einlagezins für Banken und Sparkassen von -0,4 Prozent anzuheben. Damit wird die Ertragskraft der Banken der Eurozone gestärkt und Anreize für riskantere Anlagen reduziert.

Sebastian Becker, Analyst Deutsche Bank

Zwar könnte der heutige Entscheid den Grundstein für eine künftige geldpolitische Wende gelegt haben, mitnichten bedeutet er aber ein rasches Ende der ultralockeren Geldpolitik. Der Bestand an gekauften Vermögenswerten wird in den nächsten Monaten weiter anwachsen und könnte sich schon im Herbst nächsten Jahres auf mehr als 2,5 Billionen Euro belaufen. Von einer Umkehrung des Kaufprogramms beziehungsweise der Bestandsreduktion der von der EZB gehaltenen Vermögenswerten sind wir noch immer weit entfernt. Eine echte Zinswende kommt unserer Einschätzung nach voraussichtlich auch erst zur Jahresmitte 2019.

Clemens Fuest, Präsident Ifo-Institut

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung hin auf eine Normalisierung, aber der Abbau müsste schneller erfolgen. Die Geldpolitik bleibt durch die niedrigen Zinsen ohnehin expansiv.

Marcel Fratzscher, DIW-Präsident

Ich erwarte, dass die EZB im zweiten Halbjahr 2018 ihre Anleihekäufe komplett einstellen und dann frühestens 2019 die erste Zinserhöhung tätigen wird. Die EZB kann die geldpolitischen Zügel nur langsam anziehen, da sie sich nur langsam ihrem Mandat der Preisstabilität annähert.

Klaus Wiener, Chefökonom des Versicherungsverbands GDV

Wir begrüßen die Entscheidung der EZB, die Anleihekäufe zu reduzieren. Allerdings kann dies nur ein erster Schritt sein. Ziel muss die schnellstmögliche Beendigung der Käufe sein. Nur so besteht die Chance auf ein normaleres Zinsgefüge. Nach wie vor ist das extrem niedrige Zinsniveau eines der größten Stabilitätsrisiken. Je länger aber die Kapitalmarktzinsen in einem Umfeld steigender wirtschaftlicher Dynamik künstlich niedrig gehalten werden, desto größer wird die Gefahr eines abrupten Zinsanstiegs. Dies würde gravierende Folgen für die Konjunktur und die Finanzmärkte haben.

Uwe Burkert, Chefvolkswirt LBBW

Der richtige Beschluss zur richtigen Zeit: Die Konjunktur läuft rund, die Kernrate der Inflation hat die Talsohle durchschritten. Deshalb kann die EZB ihre Anleihekäufe ab Januar halbieren. Da Preisauftrieb und Kreditwachstum weiterhin verhalten sind und bisher nur in homöopathischen Dosen zulegen, kann die EZB ihre Abkehr vom Krisenmodus langsam vollziehen. Der Beschluss, das neue Tempo der Anleihekäufe für mindestens neun Monate beizubehalten, gibt der Wirtschaft und den Märkten weitgehende Sicherheit über den geldpolitischen Kurs bis September 2018.

Holger Schmieding, Chefökonom Berenberg Bank

Der richtige Beschluss zur richtigen Zeit: Die Konjunktur läuft rund, die Kernrate der Inflation hat die Talsohle durchschritten. Deshalb kann die EZB ihre Anleihekäufe ab Januar halbieren. Da Preisauftrieb und Kreditwachstum weiterhin verhalten sind und bisher nur in homöopathischen Dosen zulegen, kann die EZB ihre Abkehr vom Krisenmodus langsam vollziehen. Der Beschluss, das neue Tempo der Anleihekäufe für mindestens neun Monate beizubehalten, gibt der Wirtschaft und den Märkten weitgehende Sicherheit über den geldpolitischen Kurs bis September 2018.