Draghi spielt auf Zeit

EZB-Chef Mario Draghi muss die Wende zu einer weniger lockeren Geldpolitik einleiten. Doch vor der heutigen Ratssitzung macht einigen Kollegen der starke Euro Sorgen. Welche Entscheidungen die Ökonomen heute erwarten.


Mario Draghi wird nachgesagt, dass er während seiner Pressekonferenzen möglichst ausblendet, wie die Märkte auf seine Worte reagieren. Ab und zu bekommt er zwar einen Zettel gereicht. Darauf sollen aber meistens andere Notizen stehen. In der Regel bekomme er nur zu Beginn und am Ende seiner Pressekonferenz eine Notiz mit der aktuellen Entwicklung des Euro-Kurses und deutscher Bundesanleihen gereicht, erzählt man sich in Frankfurt.

Dabei dürfte der starke Euro-Kurs bei der Ratssitzung am Donnerstag besonders im Fokus stehen. Die Sitzung fällt in eine schwierige Phase, denn im Herbst will die Notenbank über die Zukunft ihrer Anleihekäufe entscheiden. Seit Jahren kämpft sie mit historischen Niedrigzinsen und billionenschweren Anleihekäufen gegen die Gefahr einer Deflation, also einer Spirale aus sinkenden Preisen und wirtschaftlichem Niedergang.

Dabei hat sie die Märkte massiv befeuert. Nun aber könnte sie ihre Käufe bald zurückfahren - mit unabsehbaren Folgen für die Finanzmärkte und die sich erholende Wirtschaft der Euro-Zone. Vor allem der starke Euro macht einigen Ratsmitgliedern der Notenbank Sorgen. Daher steht dem EZB-Rat am Donnerstag eine kontroverse Debatte bevor.


Ein höherer Wechselkurs wirkt sich ähnlich aus wie eine geldpolitische Straffung: Er macht Waren hiesiger Firmen auf dem Weltmarkt teurer und verschlechtert dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit - gleichzeitig macht er Importe billiger und drückt so die Inflation im Euro-Raum. In gewissem Maße ist diese Entwicklung durchaus erwünscht. Zum Problem wird sie, wenn dies zu schnell und abrupt passiert. Genau diese Gefahr sehen einige EZB-Ratsmitglieder.

Seit Jahresbeginn hat der Euro im Verhältnis zum Dollar schon rund 13 Prozent zugelegt. Noch sehen Ökonomen keinen Grund zur Panik und führen den Anstieg weitgehend auf fundamentale Gründe zurück, wie die geringere politische Unsicherheit im Euro-Raum. Wenn aber die rasante Entwicklung beim Wechselkurs so weitergeht, wird es für Unternehmen immer schwieriger, sich kurzfristig anzupassen. Dann besteht die Gefahr, dass sie bestimmte Kunden und Märkte nicht nur temporär, sondern dauerhaft verlieren.


Der starke Euro spricht gegen eine hastige Vorgehensweise


Bundesbank-Präsident Jens Weidmann dagegen drängt auf den Ausstieg. Er sehe keinen akuten weiteren Handlungsbedarf für nächstes Jahr, „insbesondere nicht, das Kaufprogramm abermals fortzuschreiben“, sagte Weidmann der „Börsen-Zeitung“. Ein sofortiges Ende lehnt aber auch er ab: „Wir sind uns alle einig: Das Kaufprogramm sollte nicht von heute auf morgen beendet werden.“

Derzeit kauft die EZB für monatlich 60 Milliarden Euro Anleihen der Euro-Länder. Damit will sie das Wachstum stützen, um ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent zu erreichen. Im August stiegen die Verbraucherpreise im Euro-Raum mit 1,5 Prozent etwas stärker als im Juli. Für einen baldigen Ausstieg sprechen die gute Wirtschaftslage und geringere politische Risiken im Euro-Raum.

Die meisten Ökonomen rechnen allerdings am Donnerstag noch nicht mit einer endgültigen Entscheidung. „Vor allem der starke Euro spricht gegen eine hastige Vorgehensweise“, sagt NordLB-Devisenanalyst Jens Kramer. Da die Käufe der EZB noch bis Jahresende laufen, kann die EZB sich auch noch bis Oktober oder sogar Dezember Zeit lassen. Sie könnte so abwarten, wie sich der Euro entwickelt und was die US-Notenbank Fed im September macht.


Commerzbank-Ökonom Michael Schubert hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass sich die Notenbank am Donnerstag überhaupt nicht bewegt. Es sei vorstellbar, dass die EZB ihren geldpolitischen Ausblick ergänze und erkläre, 2018 die Wertpapierkäufe auf dem derzeitigen oder einem niedrigeren Niveau fortzusetzen. „Mit einer solchen Formulierung würde die EZB die Richtung der Entscheidung vorgeben, sich aber gleichzeitig viele Optionen offenhalten.“ Die Bank of America erwartet, dass Draghi zumindest ankündigt, dass Ausschüsse der EZB beauftragt wurden, Vorschläge zu erarbeiten, wie es mit den Käufen 2018 weitergehen soll.

Manche Ökonomen rechnen auch damit, dass Draghi den starken Euro anspricht und versucht den Wechselkurs zu dämpfen. „Ich erwarte, dass Draghi einen Mittelweg finden wird. So wird er einen gewissen Anstieg als angemessen bezeichnen, angesichts des geringeren politischen Risikos und einer stärkeren Konjunktur, während er gleichzeitig vor zu starken Währungsbewegungen warnen wird", sagt Holger Sandte, Chef-Europa-Analyst bei Nordea Markets in Kopenhagen. Vielleicht lässt sich der Notenbankchef dann an diesem Donnerstag häufiger Zettel mit dem Euro-Kurs reichen.