Draghi erwartet breite Erholung der Euro-Zone


Mario Draghis Rede auf der Konferenz der Europäischen Zentralbank (EZB) im portugiesischen Sintra stand in diesem Jahr unter deutlich besseren Vorzeichen als 2016. Vor einem Jahr hatten die Briten gerade für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Draghi musste nach seiner Rede sofort zu einem Krisengipfel nach Brüssel fliegen.

Verglichen damit ist die politische und wirtschaftliche Lage im Euro-Raum heute deutlich stabiler. „Alle Zeichen deuten nun auf eine Festigung und Verbreiterung der Erholung in der Euro-Zone hin“, sagte Draghi. Im ersten Quartal wuchs die Wirtschaft im Euro-Raum mit 0,5 Prozent fast doppelt so stark wie in den USA. Selten war das Wachstum in allen Euro-Ländern so ausgeglichen – Griechenland bildet die einzige Ausnahme. Das höhere Wachstum schlägt sich jedoch kaum in der Preisentwicklung nieder. „Die Inflationsentwicklung ist schwächer als man im historischen Vergleich erwarten würde“, sagte Draghi.


Draghis Rede lässt sich allerdings so interpretieren, dass dies einem baldigen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik nicht unbedingt entgegensteht. Denn Draghi machte deutlich, dass die schwache Inflationsentwicklung vor allem mit temporären Faktoren zusammenhängt. Durch diese könne eine Zentralbank jedoch „typischerweise hindurchschauen“.

Der Euro reagierte auf die Äußerungen Draghis mit Kursgewinnen. Händler verwiesen auf die Aussagen zur Inflation, die früher oder später für eine weniger lockere Geldpolitik sprächen. Wieder steigende Zinsen dürften etwa dazu führen, dass Anleger stärker im Euro-Gebiet investierten - mit zusätzlicher Euro-Nachfrage.

Derzeit kauft die EZB für monatlich 60 Milliarden Euro Staatsanleihen der Euro-Länder. Damit will sie die Inflation im gesamten Währungsraum in Richtung ihres Ziels von knapp unter zwei Prozent bringen. Die Käufe sind bis Dezember 2017 terminiert. Viele Beobachter rechnen damit, dass die Notenbank im September ankündigen wird, ihre Käufe ab Januar 2018 schrittweise herunterzufahren.

Allerdings waren die Preise im Mai im Euro-Raum lediglich um 1,4 Prozent gestiegen – nach 1,9 Prozent im April. Im Juni hat die EZB außerdem ihre Inflationsprognosen bis 2019 reduziert, gleichzeitig aber die Wachstumsprognosen erhöht. Als wesentlichen Grund nannte Draghi Schwankungen bei Öl- und Rohstoffpreisen.


Außerdem sei das Lohnwachstum überraschend schwach – trotz sinkender Arbeitslosigkeit. Dies hängt aus Sicht von Draghi damit zusammen, dass in der Finanzkrise nicht nur die Arbeitslosigkeit gestiegen sei, sondern auch viele Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduziert hätten. Diese Beschäftigten würden nun zunächst ihre Arbeitszeit erhöhen statt auf höhere Löhne zu drängen. Dadurch seien die Lohnzuwächse moderat, was wiederum die Inflation drücke. Als weiteren Faktor für die schwache Inflation sieht Draghi Strukturreformen, wie etwa Änderungen der Arbeitsmarktgesetze, die zunächst die Lohnentwicklung schwächen.

Anhänger einer strafferen Geldpolitik dürften Draghis Bemerkungen aufmerksam verfolgt haben. Sie argumentieren seit langem, dass Effekte wie der schwache Ölpreis temporär seien und deshalb die Notenbank nicht vom Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik abhalten sollten.

KONTEXT

Zentralbanken und Negativzinsen

Japan

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,1 Prozent

Schweiz

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,75 Prozent (15.01.2016)

Einlagenzinssatz für Banken: gestaffelt -0,75 Prozent

Dänemark

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,05 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,65 Prozent

Schweden

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,5 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,5 Prozent

Euro-Zone

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,4 Prozent

KONTEXT

Best of Mario Draghi

3.11.2011

"Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es."

(Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)

26.7.2012

"Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein."

(Draghi am 26.7.2012 in London)

3.4.2014

"Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen."

(Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)

26.5.2014

"Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt."

(Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

5.6.2014

"Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen."

(Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)

4.9.2014

"Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht."

(Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)

22.1.2015

"Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber."

(Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: "War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?")

3.9.2015

"Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist."

(Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)

9.3.2017

"Unsere Geldpolitik war erfolgreich."

(Draghi am 9.3.2017 zum Anstieg der Inflation auf zwei Prozent)

9.3.2017

"Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass das Risiko einer Deflation drängend ist."

(Draghi am 9.3.2017 zum Erfolg seiner expansiven Geldpolitik)