„Es gab kein alternatives Szenario“

Die EZB tritt auf die geldpolitische Bremse: Ab dem neuen Jahr halbiert die Notenbank ihre monatlichen Anleihekäufe. Das neue Programm läuft bis September. Die wichtigsten Aussagen im Liveblog.


So hat die Europäische Zentralbank entschieden:

  • Der Leitzins bleibt unverändert bei null Prozent.
  • Das Kaufprogramm für Staatsanleihen beträgt ab Januar bis September 2018 nur noch 30 statt bislang 60 Milliarden Euro.
  • Der Einlagezinssatz für Banken bleibt unverändert bei minus 0,4 Prozent.



+++ „Bescheidene Reaktion“ +++

Offenbar hat Draghi mit einer stärkeren Reaktion der Märkte gerechnet. Er bezeichnete die erste Entwicklung als „bescheiden“, obwohl die heutige Ratssitzung sehr bedeutsam sei. Das zeige: Die Kommunikation gegenüber den Marktteilnehmern funktioniere gut.


+++ Zur Anpassung +++

„Unser Programm ist flexibel genug. Das haben wir immer wieder gezeigt und bewiesen.“ Draghi wiederholt, dass die EZB im Bedarfsfall das Volumen und den Zeitraum anpassen könnte. An die Maßnahmen der Vergangenheit wolle man anknüpfen. Wirklich konkret wird der Notenbankchef allerdings nicht.


+++ Neuinvestitionen weiter hoch +++

Die Neuinvestition soll auch in der Zukunft flexibel durchgeführt werden, sagt Draghi. Weitere Informationen dazu sollen im Laufe des Tages folgen, etwa wie diese Ströme exakt aussehen.




+++ Konsens im EZB-Rat +++

Man habe im EZB-Rat keine alternative Szenarien diskutiert, betont Draghi. Es sei eine positive Diskussionsatmosphäre gewesen. Es gab zwar unterschiedliche Auffassungen über Detailfragen, grundsätzlich habe jedoch Konsens geherrscht.


+++ Fragen aus dem Publikum +++

Nun richten die anwesenden Journalisten ihre Fragen an den EZB-Präsidenten.



Märkte reagieren erleichtert


+++ Kreditvergabe zieht an +++

Die Maßnahmen hätten die Kreditvergabe deutlich positiv beeinflusst, sagt Draghi. Die Kreditströme im Euro-Raum seien verstärkt worden, Unternehmen und private Haushalte hätten spürbar von der Geldpolitik profitiert.


+++ Risiken bleiben +++

Gleichzeitig betont der Präsident der EZB, dass es trotz stabiler Konjunktur nach wie vor Abwärtsrisiken gebe – etwa auf geopolitischer Ebene oder an den Devisenmärkten. In der Folge erläutert Draghi anhand makroökonomischer Größen das aktuelle Marktumfeld im Euro-Raum.




+++ Draghi spricht +++

Notenbankpräsident Draghi wiederholt die veröffentlichten Beschlüsse des EZB-Rats in einer Pressekonferenz. Dass die EZB die geldpolitische Wende einleite, sei ein Zeichen für das stärkere Vertrauen in die Konjunktur der Eurozone. Der Konjunkturausblick sei stabil, betont Draghi.


+++ Dax steigt über 13.000 +++

Anleger zeigten sich vorerst erleichtert. Der Dax stieg mit einem neuen Impuls nach der Publikation auf über 13.000 Punkte. Der Euro, zuvor um die Vortagesmarke gependelt war, verlor 0,5 Prozent.




+++ „Keine Hektik“ +++

In einer ersten Reaktion warnte Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank, vor Aktionismus. Die Entscheidung sei keine Überraschung und auch nicht „die große Kurswende für Anleger“. „Insofern muss jetzt niemand in Hektik verfallen und seine Anlagestrategie komplett in Frage stellen“, sagte Lang. „Der richtige Beschluss zur richtigen Zeit“, kommentierte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. Die Entscheidung gebe der Wirtschaft und den Märkten weitgehende Sicherheit über den geldpolitischen Kurs bis September 2018.


+++ So erfolgt der Ausstieg +++

Das Volumen der Anleihekäufe beträgt derzeit 60 Milliarden Euro im Monat. In dieser Form läuft das Programm Ende des Jahres aus. In seiner Sitzung am Donnerstag hat der EZB-Rat beschlossen, ab Januar 2018 das Volumen auf 30 Milliarden Euro zu halbieren. Allerdings: Sollte sich das Marktumfeld ungünstig entwickeln, könnte die EZB die geldpolitischen Zügel erneut lockern und noch stärker Liquidität in den Markt pumpen.


+++ Geringe Inflation +++

Die Inflation im Euro-Raum lag im September bei 1,5 Prozent, deutlich unterhalb der erklärten Zwei-Prozent-Zielmarke der Europäischen Zentralbank. Seit nunmehr fast drei Jahren versucht die Notenbank die Inflation zu stärken, indem sie in großem Umfang Anleihen der Euro-Länder kauft.


KONTEXT

Reaktionen zur EZB-Entscheidung

Hans-Walter Peters, Präsident BdB

Mit der Reduktion des monatlichen Kaufvolumens hat die EZB einen deutlichen Schritt getan, um die Geldpolitik wieder zu normalisieren. Angesichts der robusten Konjunktur und der längst überwundenen Deflationsrisiken eine richtige und längst überfällige Entscheidung. Wenig überzeugend ist allerdings die Entscheidung, das Kaufprogramm mindestens bis September 2018 zu verlängern. Diese Verlängerung sei ein milliardenschwerer zusätzlicher geldpolitischer Impuls in einer boomenden Konjunktur. Insgesamt ist die heutige EZB-Entscheidung daher durchwachsen, frei nach dem Motto: zwei Schritte vor, ein Schritt zurück

Georg Fahrenschon, Sparkassen-Präsident

Ich sehe wenig Licht und viel Schatten. Denn auch wenn weniger Anleihen gekauft werden, ist es gleichzeitig schlecht, dass die EZB heute ihren gesamten Kurs auf einen längeren Zeitraum festgelegt hat. Die Verlängerung bis weit in das Jahr 2018 ist trotz der Temporeduktion eine expansive Maßnahme. Denn die Bilanzsumme des Eurosystems steigt damit weiter an. Die gute Konjunktur im gesamten Euroraum hätte es der EZB erlaubt, entschlossener umzusteuern. Die ultralockere Geldpolitik muss auf besondere Krisensituationen beschränkt bleiben. Die EZB sollte Wege finden, sich selbst und damit auch die Sparer, Kreditinstitute und viele weitere Akteure in ganz Europa aus dieser unnormalen Zinswelt wieder herauszuführen.

Iris Bethge, VÖB-Hauptgeschäftsführerin

Endlich wagt die EZB weitere Maßnahmen, um ihre ultra-expansive Geldpolitik zu korrigieren. Die erneute Reduzierung der Anleihekäufe ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Die EZB sollte künftig jeden Spielraum für einen Weg aus ihrer Geldpolitik nutzen. Angesichts der Nebenwirkungen ihrer Maßnahmen ist die Rückkehr zu einer normalisierten Geldpolitik wichtiger als ein Inflationsniveau von annähernd zwei Prozent. Das Gespenst der Deflation hat die EZB längst erfolgreich vertrieben. Darüber hinaus ist es dringend geboten, den negativen Einlagezins für Banken und Sparkassen von -0,4 Prozent anzuheben. Damit wird die Ertragskraft der Banken der Eurozone gestärkt und Anreize für riskantere Anlagen reduziert.

Sebastian Becker, Analyst Deutsche Bank

Zwar könnte der heutige Entscheid den Grundstein für eine künftige geldpolitische Wende gelegt haben, mitnichten bedeutet er aber ein rasches Ende der ultralockeren Geldpolitik. Der Bestand an gekauften Vermögenswerten wird in den nächsten Monaten weiter anwachsen und könnte sich schon im Herbst nächsten Jahres auf mehr als 2,5 Billionen Euro belaufen. Von einer Umkehrung des Kaufprogramms beziehungsweise der Bestandsreduktion der von der EZB gehaltenen Vermögenswerten sind wir noch immer weit entfernt. Eine echte Zinswende kommt unserer Einschätzung nach voraussichtlich auch erst zur Jahresmitte 2019.

Clemens Fuest, Präsident Ifo-Institut

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung hin auf eine Normalisierung, aber der Abbau müsste schneller erfolgen. Die Geldpolitik bleibt durch die niedrigen Zinsen ohnehin expansiv.

Marcel Fratzscher, DIW-Präsident

Ich erwarte, dass die EZB im zweiten Halbjahr 2018 ihre Anleihekäufe komplett einstellen und dann frühestens 2019 die erste Zinserhöhung tätigen wird. Die EZB kann die geldpolitischen Zügel nur langsam anziehen, da sie sich nur langsam ihrem Mandat der Preisstabilität annähert.

Klaus Wiener, Chefökonom des Versicherungsverbands GDV

Wir begrüßen die Entscheidung der EZB, die Anleihekäufe zu reduzieren. Allerdings kann dies nur ein erster Schritt sein. Ziel muss die schnellstmögliche Beendigung der Käufe sein. Nur so besteht die Chance auf ein normaleres Zinsgefüge. Nach wie vor ist das extrem niedrige Zinsniveau eines der größten Stabilitätsrisiken. Je länger aber die Kapitalmarktzinsen in einem Umfeld steigender wirtschaftlicher Dynamik künstlich niedrig gehalten werden, desto größer wird die Gefahr eines abrupten Zinsanstiegs. Dies würde gravierende Folgen für die Konjunktur und die Finanzmärkte haben.

Uwe Burkert, Chefvolkswirt LBBW

Der richtige Beschluss zur richtigen Zeit: Die Konjunktur läuft rund, die Kernrate der Inflation hat die Talsohle durchschritten. Deshalb kann die EZB ihre Anleihekäufe ab Januar halbieren. Da Preisauftrieb und Kreditwachstum weiterhin verhalten sind und bisher nur in homöopathischen Dosen zulegen, kann die EZB ihre Abkehr vom Krisenmodus langsam vollziehen. Der Beschluss, das neue Tempo der Anleihekäufe für mindestens neun Monate beizubehalten, gibt der Wirtschaft und den Märkten weitgehende Sicherheit über den geldpolitischen Kurs bis September 2018.

Holger Schmieding, Chefökonom Berenberg Bank

Der richtige Beschluss zur richtigen Zeit: Die Konjunktur läuft rund, die Kernrate der Inflation hat die Talsohle durchschritten. Deshalb kann die EZB ihre Anleihekäufe ab Januar halbieren. Da Preisauftrieb und Kreditwachstum weiterhin verhalten sind und bisher nur in homöopathischen Dosen zulegen, kann die EZB ihre Abkehr vom Krisenmodus langsam vollziehen. Der Beschluss, das neue Tempo der Anleihekäufe für mindestens neun Monate beizubehalten, gibt der Wirtschaft und den Märkten weitgehende Sicherheit über den geldpolitischen Kurs bis September 2018.

KONTEXT

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das "Securities Markets Programme" (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm "Outright Monetary Transactions" (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.