Draghi drückt den Euro


Zwei Cent in 24 Stunden. Als Verdienst klingt das lächerlich. Doch wenn es um die Bewertung an den Devisenmärkten geht, an denen weltweit täglich weit mehr als fünf Billionen Dollar gehandelt werden, sind zwei Cent relevant. Und es ist das Verdienst von EZB-Chef Mario Draghi, dass der Euro so schnell zum US-Dollar abgewertet hat. Bevor die EZB am Donnerstag um 13.45 Uhr ihren langsamen Ausstieg aus den Anleihekäufen ankündigte, kostete ein Euro 1,1815 Dollar. 24 Stunden später sind es 1,1612 Dollar. So niedrig notierte der Euro zuletzt vor mehr als drei Monaten.

Doch Grund zur Traurigkeit ist das nicht. Im Gegenteil: Ein zu starker Euro belastet die Exporte europäischer Firmen. Umgekehrt „verbessert die Schwäche der Gemeinschaftswährung die Ertragsaussichten der exportorientierten Firmen“, meint Thomas Altmann, Stratege bei der Investmentboutique QC Partners. Davon profitiert Deutschland mit seiner ausfuhrstarken Wirtschaft besonders. Entsprechend hatte Deutschlands Leitindex Dax am Donnerstag nach der EZB-Sitzung 1,3 Prozent zugelegt. Am Freitag kletterte er weiter und markierte in der Spitze 0,9 Prozent ein neues Allzeithoch von 13.249 Zählern.


Auch der EZB selbst kommt ein schwächerer Euro zupass, die Notenbanker dürften sich von daher über die Reaktion der Märkte freuen. Schließlich bremst ein starker Euro die Inflation, weil importierte Waren günstig werden. Und der EZB ist ja eben daran gelegen, die Inflation im Sinne ihres geldpolitischen Auftrags knapp unter zwei Prozent zu etablieren. Zuletzt lag die Teuerungsrate im Euro-Raum bei 1,5 Prozent.

Verständlich wird der Fall des Euros als Folge der Beschlüsse der EZB allerdings nur auf den zweiten Blick. Die Notenbank hat angekündigt, ihre monatlichen Anleihekäufe ab Januar auf 30 Milliarden Euro zu halbieren. Dafür sollen die Käufe noch bis mindestens Ende September laufen. Genau diese Ankündigung hatten viele Investoren im Vorfeld erwartet, zumindest wenn man nach ihren offiziellen Äußerungen geht. „Offensichtlich hatten einige Marktteilnehmer aber mit einem aggressiveren Signal gerechnet“, sagt Lutz Karpowitz, Devisenstratege bei der Commerzbank. Dabei konzentriere sich der Markt nicht mehr auf Reduzierung der Käufe, sondern die Verlängerung um mindestens neun Monate stehe im Mittelpunkt.


Vor diesem Hintergrund erklärt sich, dass der Euro fällt, obwohl die EZB den ersten Schritt in Richtung einer Normalisierung der Geldpolitik ankündigt. Dass die Investoren überrascht waren und eine härtere Gangart befürchtet hatten, zeigt sich an den Anleihemärkten. Auch hier stiegen die Kurse und im Gegenzug fielen die Renditen – obwohl die EZB weniger Bonds kaufen wird. Seit Februar 2015 hat die EZB insgesamt Anleihen im Volumen von mehr als zwei Billionen Euro gekauft – vor allem Staatspapiere. Damit will sie Kreditvergabe, Wirtschaft und somit auch die Inflation ankurbeln.



Welche Rolle die Fed und Trump spielen



Doch es ist nicht nur die EZB, die den Euro drückt. Die jüngste Euro-Schwäche ist gleichzeitig eine neue Dollar-Stärke. Nachdem der Dollar in diesem Jahr zum Euro kräftig nachgegeben hat, erholt er sich nun ein wenig. Bis Anfang September war der Euro um mehr als 14 Prozent auf bis zu 1,2093 Dollar in die Höhe geschnellt.

Doch seither setzen Investoren zum einen darauf, dass die US-Wirtschaft stärker zulegt, nachdem US-Präsident Donald Trump mit seiner lang angekündigten Steuerreform langsam in die Puschen kommt. „Mit der Bewilligung von Budgetdefiziten in Höhe von 1,5 Billionen US-Dollar über die kommenden zehn Jahre haben die Steuerpläne des Präsidenten im Senat nun eine wichtige Hürde genommen“, meint Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. „Selbst wenn nicht alle Punkte umgesetzt werden dürften: Trumps Steuerreform könnte die Wirtschaft in den USA im kommenden Jahr stimulieren und damit die Inflationserwartungen sowie das Zinsniveau am US-Kapitalmarkt weiter anheben“, ist er überzeugt.




Die Erwartungen schneller steigender US-Zinsen hat für Karpowitz von der Commerzbank zudem viel mit der Spekulation über die Nachfolge von US-Notenbankchefin Janet Yellen zu tun. Dabei setze der Markt jetzt zunehmend auf John Taylor, Professor an der Stanford University. Dessen in den 1990er Jahren entwickelte als Taylor-Rule bekanntgewordene Regel für Geldpolitik hatte in der Vergangenheit meist einen Zins nahegelegt, der über dem aktuellen US-Leitzins lag. „Die Aussicht auf einen falkenhaften Chef der US-Notenbank und damit höhere Zinsen gibt dem US-Dollar Rückenwind“, meint Karpowitz.

Bis die EZB den Leitzins erhöht, dürfte dagegen noch viel Zeit vergehen. Draghi selbst hat mehrfach betont, dass der Leitzins im Euro-Raum noch über das Ende der Anleihekäufe lange auf dem gegenwärtigen Niveau von null Prozent bleiben wird. Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der Deutsche Asset Management, meint, dass die Investoren deshalb verstärkt auf die höheren Zinsen in den USA schauen werden. Vor allem die Zinsdifferenz, die sich etwa bei zweijährigen Staatsanleihen zwischen US- und deutschen Papieren binnen zwei Jahren von einem auf 2,4 Prozentprozentpunkte mehr als verdoppelt hat, spricht laut Kreuzkamp für den Dollar.