Was Draghi mit dem Dax anstellen könnte

Der deutsche Leitindex schleppt sich am Donnerstag mit leichten Verlusten durch den Mittagshandel. Mangelnde Impulse beenden die Hausse. Die Zinserhöhung der britischen Zentralbank kann die Anleger nicht schocken.


Seit mehr als drei Wochen kennt der Dax nur eine Richtung: seitwärts. Trotz eines neuen Allzeithochs von 13.094 Zählern beträgt die Schwankungsbreite nur maximal 150 Punkte. Doch diese Lethargie könnte bald vorbei sein. Beenden könnte sie – mal wieder – eine Notenbank.

Denn es geht – wie schon im Jahr 2013 – um die Kürzung eines Anleihekaufprogramms, diesmal von der Europäischen Zentralbank (EZB). Vor vier Jahren war es noch die US-Notenbank, die mit einem als „Taper Tantrum“ bezeichneten Ereignis die Märkte Achterbahn fahren ließ und sich damit tief ins Gedächtnis vieler Marktteilnehmer einbrannte.


Der Grund für die heftigen Reaktionen an den Aktien- und Anleihemärkten: Der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke erklärte in einer Anhörung am 19. Juni im US-Kongress beiläufig, die Fed könnte bei anhaltend positiven Wirtschaftsdaten ihre Wertpapierkäufe allmählich zurückfahren. Daraufhin fiel allein das deutsche Börsenbarometer innerhalb von vier Handelstagen um mehr als sieben Prozent – von knapp 8300 auf 7655 Punkte.

Auch am heutigen Donnerstag steht eine solche Entscheidung an. Dass die europäischen Notenbanker auf ihrer Sitzung am Mittag beschließen, künftig weniger Anleihen von Unternehmen und Staaten zu kaufen, steht fest. „Die EZB muss ihre Anleihekäufe reduzieren, da sie sonst an selbst gesetzte rechtliche Grenzen stößt, das sollte inzwischen auch dem Letzten klar sein“, schreibt Commerzbank-Devisenanalystin Esther Reichelt in einer Studie.

Seit fast drei Jahren erwerben die EZB und die einzelnen Notenbanken des Euro-Systems in großem Umfang Staatsanleihen der Euro-Länder – derzeit für monatlich 60 Milliarden Euro. Das Programm ist zunächst bis Ende 2017 befristet. Eine Verlängerung ist ausgemachte Sache. Es ist vor allem das Volumen der Käufe, über das diskutiert wird.

Nun wollen die meisten Ratsmitglieder sie ab 2018 reduzieren, ohne aber die Märkte zu sehr zu verschrecken. Dabei zeichnet sich eine Tendenz zu der Variante „lower for longer“ ab, also einer deutlichen Verlängerung der Käufe bei niedrigerem Volumen. Die meisten Analysten gehen davon aus, dass die Käufe ab Januar 2018 auf 30 Milliarden Euro für zunächst neun Monate sinken werden.


Wiederholt sich die Geschichte, und die Frankfurter Benchmark stürzt ab? „Beim Dax kann es schnell eine Bewegung um 500 Punkte geben“, meint Sönke Niefünd, Anlagestratege bei der Bank Otto. M Schröder. „Es stellt sich nur die Frage: In welche Richtung?“

Börsenexperte Stephan Heibel, der die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment auswertet, erwartet folgendes Szenario: Die Kürzung des Kaufprogramms fällt kleiner und mit einer längeren Laufzeit als erwartet aus – was angesichts der bisherigen Entscheidungen von Mario Draghi keinesfalls eine große Überraschung wäre. Das dürfte den Euro schwächen, gleichzeitig aber die deutsche Wirtschaft mit ihren exportorientierten Unternehmen stützen. Parallel würde das die Kurse der Bankwerte unter Druck setzen, die unter einer länger andauernden Geldflut auch länger leiden.


Wie der Dow den Dax beeinflusst


„Es würde mich nicht überraschen, wenn eine langsamer als erwartete Rückführung der Anleihekäufe zunächst zu einem Rücksetzer an den Börsen führt“, meint Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx. In einer anschließenden zweiten Reaktion dürfte die Entscheidung wieder begrüßt werden. Anleger kaufen wieder Bankaktien und beflügeln die Dax-Rally.

Das Handelsblatt-Dax-Sentiment, das Anlegern eine Orientierung bei ihrer Geldanlage bietet, sendet widersprüchliche Signale. Zum einen eine Überhitzung, die auf fallende Kurse hindeutet. Zum anderen aber ist die Investitionsquote von institutionellen Anlegern seit Anfang 2016 kontinuierlich rückläufig und notiert derzeit auf einem historisch durchschnittlichen Niveau. „Vor Baissen war die Investitionsquote stets deutlich höher als heute“, analysiert der Sentiment-Experte.

Er hält die Dax-Rally noch immer für nicht zu alt. Nach einem Rücksetzer könnte die heiße Endphase eintreten. Solch eine Phase ist davon gekennzeichnet, dass immer weniger Aktien mit größeren Kurszuwächsen überproportionale Gewinne einfahren. „Ein Rücksetzer wäre daher in meinen Augen eine Kaufgelegenheit“, analysiert er.


Anleger sollten derzeit auch auf die US-Börsen schauen. Dort erreichen die Indizes fast täglich neue Rekordhochs, während das deutsche Börsenbarometer auf der Stelle tritt. Die Frage lautet: Wie reagiert die Frankfurter Benchmark, wenn Dow Jones & Co. ihre längst überfällige Korrektur vollziehen? Fällt er mit, oder stagniert er weiter? Dass bald in den USA die Rekordjagd ein vorläufiges Ende findet, ist unbestritten. Schließlich weist der Dow Jones laut der Agentur Bloomberg den höchsten Grad an Überhitzung seit 1955 auf.

Aus Sicht der Charttechnik stellt die Dax-Marke von rund 12.900 eine wichtige Unterstützung dar, niedrigere Kurse wären ein Signal zumindest für Gewinnmitnahmen. „Insgesamt nimmt das Risiko auf der Unterseite zu, kritisch würde es aber erst mit einem Rutsch unter die Zone von 12.770 bis 12.714 Punkten“, meint Christian Schmidt, technischer Analyst der Hessischen Landesbank.