Dr. med. Robot bittet zur Sprechstunde


Auf einmal erscheint die Zukunft ganz nah: Die Berliner Digitalmesse Republica zeigt, wie sehr die Elektronik alle Bereiche des Lebens durchdringt. So widmen die Veranstalter auch der Gesundheit einen eigenen Themenschwerpunkt. Bringen Roboter die Lösung für den Pflegenotstand? Wird uns in Zukunft ein Arzt digital diagnostizieren können?

Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt, wie die an diesem Freitag endende Messe zeigt. Kluge Uhren, die uns daran erinnern, dass wir einen Schluck trinken sollten. Chatbots, die als Ersthelfer in psychologischen Notfällen interagieren. Algorithmen, die Krebszellen frühzeitig erkennen sollen: „Digital Health“ und „Medtech“ sind ein Milliardenmarkt.

Laut Marktforschungsunternehmen CB Insights sollen 2017 bis zu 9,5 Milliarden Dollar weltweit in Digital-Health-Unternehmen geflossen sein. Zum Vergleich: 2013 waren es knapp zwei Milliarden Dollar. Und nicht nur die Großen wie IBM oder Google mischen mit, auch Gründer entdecken ihre Chancen.


Gerade weil in Deutschland erheblicher Nachholbedarf besteht, herrscht in der Start-up-Metropole Berlin Aufbruchstimmung. Und schon in der kommenden Woche könnte die Zukunft auf einmal viel näher rücken.
Dann nämlich stimmen die Delegierten des 121. Deutschen Ärztetages darüber ab, ob das Fernbehandlungsverbot in Deutschland weiter gelockert werden soll. Das könnte einen gewaltigen Schub für den Markt mit der digitalen Gesundheit bedeuten.

Bisher können Ärzte ihre Patienten per Videosprechstunde nur beraten, wenn sie den Patienten kennen und zuvor persönlich gesehen haben. Künftig könnte die Erstdiagnose per Telefon oder Bildübertragung möglich sein, allerdings nur bei einfachen Leiden wie grippalen Infekten.

In Baden-Württemberg wurde der rechtliche Rahmen für entsprechende Modellprojekte der Telemedizin bereits geändert, jetzt will die Bundesärztekammer auf dem Ärztetag über eine nationale Regelung abstimmen lassen. Während viele Ärzte skeptisch sind, gibt es aus der Industrie Zustimmung. „Neue Technologien müssen in der medizinischen Versorgung intelligent genutzt werden können. Dafür ist unter anderem die Lockerung des Fernbehandlungsverbots erforderlich“, sagt etwa Joachim Schmitt, Geschäftsführer des Bundesverbands Medizintechnologie.

Einige Start-ups haben sich bereits im Markt positioniert: Dr. Ed aus London etwa, Kry aus Schweden oder das Münchner Unternehmen Teleclinic. Sie lockt ein attraktiver Markt: Mehr als 50 Milliarden Euro der deutschen Gesundheitsausgaben entfallen auf Arztpraxen. Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Behandlungen künftig online stattfindet, ist das Potenzial enorm. „Wir werden viele neue Telemedizin-Anbieter in Deutschland sehen, wenn das Fernbehandlungsverbot fällt“, sagt Katharina Jünger, CEO des Online-Arztportals Teleclinic.

Einfach ist es für Gründer keineswegs: Die Radiologin Nora Zetsche war eigentlich einmal sicher, dass sie genau den richtigen Job gewählt hatte, als sie nach dem Studium die Arbeit in einer Münchner Praxis aufnahm: „Irgendwann bin ich aber an der Fließbandmentalität des deutschen Gesundheitssystems verzweifelt“, sagt die 29-Jährige heute. Ihre Idee: „Ich wollte eine Plattform schaffen, die dem Arzt hilft, in wenigen Minuten eine individualisierte Entscheidung für die Behandlung zu treffen.“ Zugleich sollte der Patient bessere Unterstützung im Selbstmanagement erhalten.

Ihr schwebte vor, alle Daten der individuellen Krankengeschichte zu sammeln und zu analysieren. Doch aus der Idee wurde zunächst nichts. „In Deutschland war das aufgrund der rigorosen Datenschutzbedingungen nicht möglich.

Zetsche ging nach New York – und dort wurde aus dem Gedanken tatsächlich ein Unternehmen. Zusammen mit einer Mitgründerin erschuf sie die Plattform Veta Health, die Daten sammelt und für den behandelnden Arzt auswertet, zum Beispiel mithilfe von Wearables oder anhand der Daten aus der elektronischen Gesundheitsakte, die es in den USA gibt: „So lässt sich zum Beispiel das Risiko eines Herzinfarkts viel früher erkennen und behandeln“, sagt Zetsche.

Auf Früherkennung setzt auch Inga Bergen, Geschäftsführerin von Magnosco aus Berlin. Das Unternehmen will den schwarzen Hautkrebs bekämpfen, der fast immer tödlich endet, wenn er nicht rechtzeitig erkannt wird. Das Team hat ein Gerät entwickelt, das mittels Laser Leberflecken untersucht – im Innern der Maschine rechnet ein Algorithmus: „Der Laser regt die Melaninfluoreszenz an, der Algorithmus erkennt ein Muster und errechnet auf Basis von Daten, wie wahrscheinlich es sich um Hautkrebs handelt“, erklärt Bergen.

Und durch seine Lernfähigkeit wird der Computer immer präziser. Heute werde meist noch vorsorglich geschnitten, was sich dann im Nachhinein oft als unnötig erweise.


Bergen ist überzeugt, dass Magnosco eine entscheidende Wende im Kampf gegen die heimtückische Krankheit bedeuten könnte. Einfach ist dieser Prozess allerdings nicht. Denn das deutsche Gesundheitssystem gehört zu den reguliertesten Märkten der Welt. Und die Hürden für den Eintritt sind groß, erklärt Christian Dierks, Anwalt und Arzt, der ein Beratungsunternehmen und einen Hub für Start-ups und Investoren im Bereich der digitalen Gesundheit gegründet hat: „In den USA ist der Patient Kunde, und es gibt einen intensiven Wettbewerb um ihn – in Deutschland zahlen am Ende meist die Versicherungen für ein Produkt oder eine Leistung.“

Das weiß auch Bergen von Magnosco: „Um einen sogenannten Kollektivvertrag zu bekommen, in dem eine Leistung von allen Krankenkassen übernommen wird, kann es Jahre dauern. Das beinhaltet aufwendige Nachweise und Studien.“ Zeit, die man als Start-up oft nicht habe – vor allem dann nicht, wenn Investoren auf schnelle Erfolge drängten. „Für ein großes Unternehmen ist das kein Problem; sie überbrücken diese Zeit mit dem bestehenden Geschäft.“

Uwe Horstmann, Gründungspartner beim Wagniskapitalgeber Project A, sieht Chancen und Risiken zugleich: „Der Bereich Digital Health ist vielversprechend, aber vom deutschen Markt musste man bisher als Investor die Finger lassen – zu reguliert, zu innovationsfeindlich.“ Langsam ändere sich das allerdings.

Das Unternehmen Magnosco hat in ein Multi-Family-Office investiert. Mit einer gesetzlichen Krankenkasse arbeitet das Unternehmen bereits zusammen, die die Leistung exklusiv für die Kunden in ihrem Ärztezentrum zugänglich macht, erzählt Geschäftsführerin Inga Bergen. Mit sogenannten Selektivverträgen könnten Versicherungen Start-ups schnell in ihren Leistungskatalog aufnehmen.

Dass es sich um einen verheißungsvollen Markt handelt, entdecken mittlerweile immer mehr Investoren. Zu ihnen gehört zum Beispiel Jürgen Graalmann, langjähriger Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, der sich mit der Konzept- und Beteiligungsagentur „Die BrückenKöpfe“ selbstständig gemacht hat – Teil des Unternehmens sei es, frühzeitig in spannende Start-ups im Bereich Health zu investieren: „Wir suchen sehr junge Start-ups, die das Gesundheitswesen besser machen und denen wir Kapital zur Verfügung stellen.“

Das Team erhalte von ihm und seinen Mitgründern zudem ein Coaching, das Geschäftsmodell werde auf den Prüfstand gestellt, und strategische Partner würden gesucht. Graalmann: „Wir können ein Start-up von Anfang bis Ende durchfinanzieren.“