Dortmunds gefährliches Spiel auf Zeit

Christoph Küppers

Einen schlechteren Zeitpunkt für die BVB-Mitgliederversammlung am Sonntagmittag hätten sich die Vereinsbosse wohl nicht ausmalen können: Ausgerechnet am Tag nach dem unglaublichen 4:4-Unentschieden im Revierderby mussten die Dortmunder Verantwortlichen vor die schwarzgelbe Anhängerschaft treten.

Es kam wie erwartet. Die rund dreieinhalbstündige und emotionale Versammlung bewies eindrucksvoll, in welch vertrackter Lage sich die Dortmunder Borussia befindet.

Pfiffe und Buhrufe gegen die Mannschaft, ein zwar kämpferischer, aber auch angeschlagener Geschäftsführer, deutliche Kritik am Trainer - der BVB gab am Sonntag wie schon in den vergangenen Wochen kein wirklich geschlossenes Bild ab.


SPORT1 nennt die Dortmunder Brandherde nach der Mitgliederversammlung.

- Die Trainerdiskussion

Die Risse in der schwarzgelben Einigkeit sind besonders an einer Personalie festzumachen: Peter Bosz. Trotz des fatalen 4:4-Remis im Derby gegen Schalke 04 und dem immer weiter schwindendem Kredit bei vielen BVB-Fans darf der Niederländer vorerst weitermachen.

Lange berieten BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Manager Michael Zorc nach SPORT1-Informationen in der Nacht auf Sonntag über Bosz' Schicksal. Auch aufgrund mangelnder Alternativen kamen sie nach mehreren Stunden zum Ergebnis: Bosz bleibt - wenn wohl nur auf Bewährung.


Denn Watzke machte in seiner Rede bei der Versammlung deutlich: Die kommenden Tage sind Bosz' letzte Chance. "Ich habe die klare Erwartung an Dich, Peter Bosz und dein Team, dass Ihr in dieser Woche alles auf den Prüfstand stellt. Da darf es keine Denkverbote geben. Wir müssen wieder ganz schnell in die Erfolgsspur!"

- Das riskante Spiel auf Zeit

Vielen Mitgliedern passte diese Lösung allerdings überhaupt nicht. Ein BVB-Anhänger kritisierte Watzke in der Aussprache am Ende der Versammlung scharf: "Ich bin enttäuscht von Ihnen. Eigentlich hätte ich damit gerechnet, dass heute ein neuer Trainer kommt."

Tatsächlich ist das Festhalten an Bosz ein riskantes Spiel, das Watzke betreibt. Schafft der Niederländer mit der verunsicherten Mannschaft nicht den Turnaround und verliert auch in Leverkusen, würde Dortmund in der Liga weiter an Boden verlieren.

Vor der dann folgenden englischen Woche mit dem so wichtigen Champions-League-Spiel in Madrid stünde der BVB vor einem noch größeren Scherbenhaufen.

Immerhin hielt sich Watzke ein kleines Hintertürchen offen: Er werde nach der Analyse des Trainerteams "noch einmal kritisch nachfragen".


Heißt übersetzt: Passen ihm Bosz' Lösungsansätze nicht, ist der Trainer doch vor dem kommenden Wochenende weg. Wobei diese 180-Grad-Wende nach den klaren Worten Watzkes doch eher unwahrscheinlich ist.

Der Geschäftsführer sagte später: "Wir sollten hier nicht den Fehler machen und eine Trainerdiskussion eröffnen. Ich glaube nicht, dass das zielführend ist."

- Die verunsicherte Mannschaft

Die über 1000 anwesenden BVB-Mitglieder knöpften sich nach der Derby-Schmach von Samstag unterdessen vor allem das eigene Team vor. Zwar gab es beim Auftritt der Spieler auch vereinzelten Applaus, vor allem aber schlug den Profis ein gellendes Pfeifkonzert entgegen.

"Die Enttäuschung und der Frust innerhalb der Mannschaft sind groß", sagte Kapitän Marcel Schmelzer am Rande der Mitgliederversammlung. "Es ist ein Problem, dass wir nach Gegentoren jedes Mal Spieler aufbauen müssen und so einbrechen."

Die Mannschaft ist - das zeigte neben dem Spiel vom Samstag auch der Auftritt am Sonntag - komplett verunsichert. Mit hängenden Köpfen und sichtlich eingeschüchtert schlichen die Spieler in die Dortmunder Westfalenhalle 3b.


Es ist nur schwer vorstellbar, wie sich das Team ohne einen neuen Impuls aus dem Negativstrudel befreien will und kann. Externe Hilfe wie einen Mentalcoach lehnte Schmelzer jedenfalls ab: "Jeder Spieler ist erwachsen genug, um das für sich selbst zu entscheiden und es in Anspruch zu nehmen oder nicht."

- Die aufgeheizte Stimmung

Dabei bleibt ein Problem: Die Profis müssen sich in den kommenden Wochen wohl weiterstgehend alleine aus ihrem Tal herauskämpfen. Viele Mitglieder sehen das Team nun in der Bringschuld und fordern eine Reaktion.

Zwar versuchte Geschäftsführer Watzke in seiner kämpferischen und clever aufgebauten Rede die BVB-Anhänger hinter sich zu bringen.

Zum Beispiel indem er offen einen Fehler im Umgang mit dem scheidenden Chefscout Sven Mislintat (zum FC Arsenal) einräumte: "Es war mein persönlicher Fehler, es zugelassen zu haben, dass Sven Mislintat eineinhalb Jahre so behandelt worden ist", sagte Watzke.

Damit gab Watzke den Schwarzen Peter aber eigentlich nur an Ex-Coach Thomas Tuchel weiter, was prompt zu neuen Misstönen führte. Die kritische Nachfrage eines Anhängers, warum man sich im Sommer vom zwar unbequemen, aber erfolgreichen Trainer trennte, wurde mit Applaus honoriert und brachte Watzke in Erklärungsnöte.

Das alles zeigt einmal mehr: Der BVB braucht dringend Erfolg, um die schlechte und aufgebrachte Stimmung schnellstmöglich zu verdrängen. Andernfalls wird aus den kleineren Brandherden ganz schnell ein riesiges und womöglich unkontrollierbares Feuer.