Pulisic ist Dortmunds Anti-Dembele

Christoph Küppers
Christian Pulisic erzielte bereits sieben Länderspiel-Tore für die USA

Vor Borussia Dortmunds furiosem 3:0 zum Saisonauftakt beim VfL Wolfsburg wurde vor allem über die Besetzung der offensiven Außen diskutiert.

Kandidaten für diese Position gibt es im BVB-Kader eigentlich zuhauf: Allerdings stehen Trainer Peter Bosz im suspendierten Ousmane Dembele sowie den verletzten Marco Reus und Andre Schürrle drei Stammspieler nicht zur Verfügung. Dazu kommen der in Dortmund noch recht frische Maximilian Philipp sowie Mario Götze, bei dem immer noch leichte Restzweifel über seinen wirklichen Fitnesszustand bestehen - und der im Grunde auch für die Mittelfeldzentrale vorgesehen ist.

Also gab es vor dem Wochenende eigentlich nur einen gesetzten Kandidaten: Christian Pulisic. Und der zahlte das Vertrauen, das Bosz im Laufe der Vorbereitung immer mehr in ihn gewonnen hatte, mit einem Sahnetag zurück: ein Tor, eine Vorlage, Bestnoten.

Ähnlich starke Zahlen wie Dembele

Pulisic ist zweifelsfrei einer der größten Gewinner der zurückliegenden sechs Wochen unter Neu-Trainer Bosz. Zwar profitiert der gerade einmal 18-Jährige sicher von den Dembele-Querelen und den Langzeitverletzten - in seiner derzeitigen Form wäre er aber wohl auch in einem vollbesetzten BVB-Aufgebot Stammplatz-Kandidat.

"Chris hat das sehr gut gemacht. Er hat immer für Gefahr gesorgt und gut gespielt", bilanzierte Bosz nach dem Sieg in Wolfsburg. Pulisic hatte zuvor 86 Minuten die rechte Außenbahn beackert - eigentlich übrigens das Einsatzgebiet von Dembele.

Was zwangsläufig die Frage aufwirft: Hat der BVB einen möglichen Dembele-Ersatz nicht schon in den eigenen Reihen? (SERVICE: Der Bundesliga-Spielplan)

Fakt ist: In der vergangenen Saison absolvierte Pulisic sechs Pflichtspiele weniger als der gut ein Jahr ältere Dembele. Dabei erzielte er fünf Treffer und bereitete 13 Tore vor (Dembele: 10/21). Allerdings stand Pulisic auch nur 22 Mal in der Startelf, Dembele dagegen 37 Mal.


Bescheiden, zurückhaltend, familiär

Die sportlichen Parallelen sind also nicht von der Hand zu weisen. Abseits des Platzes stellt sich das Bild aber anders dar. Pulisic ist dort eher so etwas wie der Anti-Dembele.

Der 18-Jährige gilt als bescheiden, zurückhaltend und familiär. Nachdem er Anfang 2014 von BVB-Scouts bei einem Jugendturnier in der Türkei eher zufällig entdeckt wurde, kam er im darauffolgenden Sommer ins Dortmunder Nachwuchszentrum.

Weil dem gerade einmal 15-Jährigen der extreme Schritt aus den USA nach Deutschland schwer fiel, zog Vater Mark mit nach Deutschland, arbeitete im BVB-Jugendtrainerstab. Für Pulisic junior steht die Familie bis heute an erster Stelle.

Schon unter Klopp bei den Profis

Auch deshalb war die Anfangszeit in Dortmund besonders hart: "Plötzlich musste ich in einem fremden Umfeld jeden Tag trainieren, mit einer neuen Mannschaft - und das, ohne die Sprache zu sprechen", gab er einst gegenüber dem US-Online-Medium Vice zu.

Doch Pulisic entwickelte sich schnell. Unter dem damaligen BVB-Jugendtrainer Hannes Wolf, seine vereinsintern wichtigste Vertrauensperson zur Anfangszeit, avancierte er zum Leistungsträger im talentierten 1998er-Jahrgang des BVB.

Bereits Jürgen Klopp ließ den damals 16-Jährigen mit den Profis trainieren. Der endgültige Durchbruch gelang dem US-Amerikaner dann unter Thomas Tuchel. Zu Beginn der Rückrunde 2015/16 debütierte Pulisic in der Bundesliga. Anschließend ging es stets bergauf: Achtjüngster Spieler der Bundesliga-Geschichte, jüngster Akteur, der in einer Halbserie zwei Bundesliga-Tore erzielte, jüngster Torschütze im US-Nationalteam.


Absage an Liverpool

Heute hat Pulisic nicht nur seinen Marktwert innerhalb eines Jahres von einer Million auf 18 Millionen Euro gesteigert. Er hat insgesamt bereits 39 Bundesliga-, vier Pokal- und 13 internationale Spiele auf dem gerade einmal 18-jährigen Buckel. Unter Bosz, der schon seit jeher dafür bekannt ist, jungen Eigengewächsen eine Chance zu geben, werden wohl noch weitere Einsätze dazukommen.

Dabei profitiert Pulisic vom neuen geradlinigen 4-3-3-System mit zwei klaren Außenstürmern. Die schnellen Konter nach Ballgewinn, das überfallartige Umschaltspiel, die Fokussierung auf die beiden offensiven Flügelstürmer - all das hebt die Stärken Pulisics perfekt hervor.

Beobachter erkennen beim 18-Jährigen in dieser Saison zudem eine neue Bestimmtheit, die Pulisic - gepaart mit seinem ohnehin vorhandenen Tempo - noch klarer wirken lässt. Bestes Beispiel: der unbedingte Wille bei seiner Vorlage zum 3:0-Treffer gegen Wolfsburg.

Pulisic, so scheint es, könnte in Dortmund in dieser Saison den großen Durchbruch feiern. Das liegt auch daran, dass sich der bescheidene 18-Jährige voll auf seine Aufgaben beim BVB konzentrieren will.

Einen Wechsel zum FC Liverpool und Ex-Trainer Jürgen Klopp lehnte Pulisic im Sommer kategorisch ab: "Klipp und klar: Ich denke nicht darüber nach. Schließlich habe ich meinen Vertrag erst Anfang des Jahres bis 2020 verlängert", sagte der US-Nationalspieler in der Sport Bild.

Auch das unterscheidet Pulisic also von Dembele.