Die Dortmunder Krise: Das läuft alles schief beim BVB

Christoph Küppers, Jens Middendorf
Das läuft schief in Dortmund

Das Wetter passte sich beim wöchentlichen Auslaufen der Ersatzspieler am Sonntagmorgen der Dortmunder Gefühlslage an. Kalter Wind, sieben Grad, Regen, kurz: ungemütlich - wie die gesamte schwarzgelbe Lage.

Nach der 1:3-Niederlage gegen die Bayern ist nicht mehr von der Hand zu weisen: Der BVB steckt in der Krise! Nur ein Punkt aus vier Bundesligapartien, nur ein Sieg aus den letzten sieben Pflichtspielen. Aus einer sicheren Tabellenführung mit fünf Punkten Vorsprung ist in nur vier Wochen später ein Rückstand von sechs Zählern geworden. (DATENCENTER: Die Tabelle)

Die BVB-Krise ist nicht bloß auf einen Faktor zurückzuführen. Weder Trainer Peter Bosz, noch sein System oder die Mannschaft tragen die alleinige Verantwortung für die Misere - allerdings tragen alle eine mehr oder weniger große Mitschuld. SPORT1 analysiert die Dortmunder Krisenherde:

- Krisen-Faktor Trainer:

Zwar war Bosz auch zu Beginn der Saison nicht in Jubelstürme verfallen und hatte stets darauf hingewiesen, dass auch schlechtere Phasen kommen würden - an einen derartigen Einbruch hatte der Niederländer aber wohl nicht gedacht.

Nach dem Bayern-Spiel äußerte Peter Bosz erstmals offene Kritik an seiner Mannschaft, sagte: "Da kann man nicht von einer Spitzenmannschaft reden."

Auch nicht von einem Spitzentrainer? Fakt ist: Als Chefcoach trägt Bosz die sportliche Verantwortung, Fans und Experten diskutieren schon kritisch, vor allem sein System (siehe Krisen-Faktor 2). (DATENCENTER: Spielplan und Ergebnisse)

Es liegt an Bosz, sich nun als Krisenmanager zu bewähren. Der Niederländer, der in Dortmund als Spielerversteher gilt - was nach den Verwerfungen der Ära Thomas Tuchel kein Kritikpunkt war -, muss womöglich nun eine härtere Gangart an den Tag legen und Zeichen setzen.


- Krisen-Faktor System:

Nein, Bosz' viel kritisiertes Offensiv-System war auch gegen die Bayern nicht der Hauptgrund für die Niederlage. Bei keinem Gegentor wurde der BVB überlaufen oder ausgekontert - im Gegenteil: Alleine vor dem 0:1 befanden sich sieben BVB-Spieler hinter dem Ball. Dass dennoch das Tor fiel, müssen sich die Profis auch selbst ankreiden.

Klar ist aber auch: Das Bosz-System ist weiter eine Baustelle. Gegen die Bayern standen sich die sehr offensiven Außenverteidiger und Flügelstürmer teilweise gegenseitig auf den Füßen und nahmen sich Räume.

Im Mittelfeld stimmten Raum- und Umschaltverhalten in vielen Situationen überhaupt nicht. Gleich mehrfach kombinierten sich die Bayern mit wenigen Kontakten durch das Dortmunder Mittelfeld. Dabei hatte Bosz ("Wir sind teilweise nur hinterhergelaufen.") sein System vor dem Spiel schon minimal feinjustiert und etwas defensiver aufgestellt.


Es brachte nicht viel, auch weil seine Mannschaft selten kollektiv gegen den Ball arbeitete. Mal schob Kagawa in der Mitte nicht konsequent in die Räume, dann ließ Yarmolenko den vollkommen überforderten Bartra gegen das Duo Alaba/Coman allein. Bosz ehrlich: "Wir waren viel zu weit weg, obwohl wir uns fest vorgenommen haben, eng am Gegner dran zu sein."

Ex-Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack fordert deshalb im CHECK24-Doppelpass bei SPORT1: "Man muss etwas verändern. Ich kann nicht wochenlang an meinem System und einzelnen Spielern festhalten. Ich muss mich an unterschiedliche Situationen anpassen."

- Krisen-Faktor Defensive:

Zwölf Gegentore aus den letzten vier Ligaspielen belegen: Der BVB hat ein gehöriges Defensivproblem. Auffällig wurde dies auch gegen die Bayern. Die gesamte Viererkette erwischte einen dunklen Tag.


Bartra war (zumindest als Rechtsverteidiger) überfordert, Schmelzer verweigerte bei den Flanken vor den beiden ersten Toren den Zweikampf. Auch Sokratis und Toprak blieben vor dem 0:1 und 0:2 lieber auf Sicherheitsabstand zu Robben und Lewandowski.

Der BVB kassiert viel zu einfache Gegentore. Fast jeder halbwegs sauber gespielte Angriff eines Gegners sorgt für Gefahr vor dem Dortmunder Tor. Auffällig: Spieler wie Toprak (200. Bundesliga-Spiel gegen Bayern), Sokratis, Schmelzer, Bürki – aber auch Weigl laufen ihrem Niveau hinterher.

Ballack kritisiert: "In der Defensive hakt es. Das hat für mich kein Champions-League-Niveau. Sie müssen wieder mehr Wert auf die Defensive legen. Wenn dann die Resultate kommen, wird Bosz die spielerischen Aspekte wieder heraus kitzeln."


- Krisen-Faktor Offensive:

Sorgen bereitet aber auch der Angriff. Satte 15 Torschüsse verzeichnete die Dortmunder Offensivabteilung gegen die Bayern (10). Pierre-Emerick Aubameyang und Andrey Yarmolenko vergaben mehrere Großchancen.

Der BVB stellt zwar weiter den stärksten Sturm der Liga (28 Treffer), Effektivität sieht aber seit Wochen anders aus. Aubameyang wartet seit nunmehr fünf Pflichtspielen auf ein Tor.

Das Problem: Trifft Dortmunds Offensivabteilung nicht, wird es bei den argen Defensivproblemen aktuell extrem schwer, einen Dreier zu landen.

Nicht umsonst antwortete Gonzalo Castro im SPORT1-Interview am Samstagabend auf die Frage, was besser werden müsse: "Wir müssen die Tore machen. Wir haben klare Chancen, müssen diese aber nutzen. Dann können wir das Ganze ein bisschen entspannter sehen."