Dortmund in Not: Dem BVB fehlen die Führungsspieler

Christoph Küppers
Der BVB benötigt derzeit starke Persönlichkeiten, um aus der Krise zu kommen

Eigentlich dreht sich bei Borussia Dortmund momentan alles nur um eine Personalie: Journalisten, Experten und Anhänger diskutieren seit Wochen intensiv das Schicksal von Trainer Peter Bosz.

Natürlich können dem Trainer in diesen für den Verein aufreibenden Zeiten viele Vorwürfe gemacht werden: sein zu langes Festhalten am eigenen System etwa. Oder aber die viel zu vielen (teils unerklärlichen) personellen Wechsel. Und da wären ja auch noch die offensichtlichen körperlichen Probleme des Teams, die Bosz weiterhin leugnet.

Allerdings wäre es freilich zu einfach, den Niederländer allein für die aktuelle Misere mit nur einem Sieg aus den letzten zehn Pflichtspielen verantwortlich zu machen. Denn auch die kriselnden Spieler stehen in der Pflicht - vor allem die Führungsspieler.

Nach den vergangenen Wochen drängt sich beim BVB vehement die Frage auf: Haben die Schwarzgelben überhaupt genügend Leader? Oder liegt ein Grundsatzproblem der letzten Wochen nicht genau in diesem Punkt?

Schmelzer kontert Matthäus-Kritik 

Weltmeister Lothar Matthäus fand seine Antwort dazu schon vor ziemlich genau einer Woche. "Dortmund hat überhaupt keine Leader! Es gibt keinen, der in großen Spielen vorangeht", sagte der Sky-Experte. "Von der Körpersprache fehlt dem BVB etwas."


Auch wenn Kapitän Marcel Schmelzer die Matthäus-Kritik postwendend zurückwies ("Für ihn ist es leicht, wenn man im Studio sitzt und die Spiele ab und zu schaut und keine Ahnung hat, wie das Innenleben der Mannschaft ist und wie dort die Hierarchien sind."):

Der objektive Blick auf den schwarzgelben Kader offenbart, dass tatsächlich nur sehr wenige Spieler für eine Führungsrolle in Frage kommen.

Da wäre natürlich Schmelzer selbst, zusätzlich Abwehrchef Sokratis, der erfahrene Lukasz Piszczek, Torwart Roman Bürki, Mittelfeldspieler Nuri Sahin und Nationalspieler Marco Reus. Auch Keeper-Oldie Roman Weidenfeller zählt aufgrund seiner Meinungsstärke dazu.

Kein BVB-Spieler geht voran 

In der aktuellen Krise zeigt sich allerdings: So wirklich geht niemand dieser Kandidaten voran. Schmelzer ist wie Bürki und Sokratis momentan vor allem mit dem eigenen, teils unerklärlichen Leistungsabfall beschäftigt. Reus und Piszczek würden zweifelsfrei helfen, fallen aber verletzt aus.

Sahin und Weidenfeller versuchten wenigstens das Team beim denkwürdigen 4:4-Derby gegen Schalke zu dirigieren - das gelang ihnen aber nur in der ersten Hälfte. Dann gingen auch sie im Schalker Mentalitätssturm unter und ergaben sich ihrem Schicksal.


Die traurige Wahrheit lautet also: Niemand aus dem BVB-Kader stemmte sich wirklich gegen die 0:4-Klatsche in den zweiten 45 Derby-Minuten. Schlimmer noch: Schon in den Spielen zuvor gegen Tottenham oder auch Bayern wusste kein BVB-Akteur seine Vorderleute ernsthaft mitzureißen.

Die Führungs-Flaute in Dortmund fällt auch auf die Kaderplaner um Manager Michael Zorc zurück. Nach den Abgängen starker Charaktere wie Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Jakub Blaszczykowski im Sommer 2016 sowie der schrittweisen Degradierung von Neven Subotic ging dem BVB immer mehr Führungspersönlichkeit verloren.

Kandidat Toprak zu schwach 

Mit einem klaren fußballerischen Plan, intensiver kollektiver Arbeit auf dem Platz und einer zwar aneckenden, aber perfektionistischen Eigenart fing Trainer Thomas Tuchel die Defizite vergangene Saison noch auf. Peter Bosz gelingt dies aber noch nicht. Vielleicht auch, weil im vergangenen Sommer mit Sven Bender ein weiterer Leader und Führungsspieler den Verein verließ.

Beim BVB setzten die Verantwortlichen im Gegenzug darauf, dass Neuzugang Ömer Toprak die Lücke schließen würde. Der Innenverteidiger fand bislang allerdings zu keiner Zeit seine Form alter Leverkusener Tage wieder, blieb nur ein Schatten seiner selbst.

In den kommenden Tagen und Wochen sind neben Bosz deshalb nun auch Manager Zorc und auch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gefragt: Sie müssen (ähnlich wie Bosz auf sportlicher Ebene) eine schonungslose Analyse betreiben und die Kader-Charakterfrage stellen. Im Winter scheinen, Stand jetzt, starke Persönlichkeiten den schwarzgelben Kader nicht nur ergänzen, sondern gezielt verstärken zu müssen.