Dortmund hat ein Torwart-Problem

Christoph Küppers

Der Betroffene selbst wollte am Dienstagabend nichts sagen. Sichtlich frustriert schlich Roman Bürki in Nikosia vom Platz und anschließend durch die Hintertür in den BVB-Mannschaftsbus.

Der BVB wusste genau, dass er selbst einen erheblichen Beitrag zum enttäuschenden 1:1-Remis der Borussia auf Zypern beigetragen hatte. Freilich wäre es zu einfach, das lahme Unentschieden der haushoch favorisierten Dortmunder nur am Schweizer Schlussmann festzumachen. Unbestritten geht der 1:0-Führungstreffer der Zyprioten aber auf Bürkis Kappe.

Zunächst spielte er einen schlampigen und übermotivierten Pass auf Schmelzer, der bei Ebecilio landete. Dann konnte Bürki dessen Schuss nicht festhalten. Pote vollendete, der Torwart lag geschlagen am Boden.


Auch Patzer gegen Tottenham und Real

Nachdem Bürki zuletzt auf der großen Bühne Champions League schon gegen Tottenham und Real Madrid zumindest eine Mitschuld an einigen Gegentoren hatte, kommt man unweigerlich zur Diagnose: Der BVB hat aktuell ein Torwart-Problem!


Und die Verantwortlichen? Die stehen weiter klar zu Bürki. "Er ist unsere Nummer 1 und bleibt unsere Nummer 1", sagte Sportdirektor Michael Zorc am Mittwoch nach der Landung.

Cheftrainer Peter Bosz hatte seinem Keeper bereits kurz nach dem Spiel den Rücken gestärkt: "Er hat uns schon sehr oft geholfen, jetzt muss die Mannschaft für Roman da sein."

Klar ist aber auch, dass Zahlen und Daten belegen, wie Bürki vor allem auf dem höchsten europäischen Niveau seine Probleme hat.

National starke Werte - international abgehängt

Während er in der Bundesliga mit 80,8 Prozent gehaltener Bälle noch auf Platz zwei des Rankings steht (hinter Hannovers Philipp Tschauner), sinkt diese Zahl international rapide.

Hier wehrte Bürki nur 61,1 Prozent der Torschüsse ab. Die Referenzgrößen sind hier die Keeper der großen Klubs wie Thibaut Courtois (FC Chelsea, 83,3), David de Gea (Manchester United 88,9) und Keylor Navas (Real Madrid, 80)

Ewald Lienen kritisierte am Dienstagabend bei Sky: "Ich glaube, dass Roman Bürki neben sich steht. Er ist nicht gut drauf und trifft falsche Entscheidungen. Er ist in einem Negativlauf, in dieser Saison macht er leider einen Fehler nach dem anderen."

Das stimmt zwar nicht ganz - Bürki kassierte in der Bundesliga bis zum sechsten Spieltag kein einziges Gegentor - fest steht aber: In den großen Spielen patzte der Torwart regelmäßig. So auch am vergangenen Samstag gegen Leipzig, als Bürki beim 1:1-Ausgleich ungestüm aus seinem Tor rausgelaufen kam und ein Luftloch boxte.

Stärken im Spielaufbau gehen unter


Dass er auch immer wieder starke Szenen hat, wie am Samstag vor dem 1:1-Ausgleich gegen Augustin, geht aufgrund solch kapitaler Fehler regelmäßig unter. Das gilt im Übrigen auch für das Spiel in Nikosia, wo Bürki etwa mit einem schnellen präzisen Abwurf auf Shinji Kagawa dessen Lattentreffer nach 69. Minuten einleitete.

In Topform ist Bürki speziell im Aufbauspiel sicherlich einer der besten Bundesliga-Torhüter. "Er hat riesige Qualitäten mit dem Fuß. Meistens macht er das sehr gut", sagte Marcel Schmelzer nach dem Nikosia-Spiel und bemühte sogar Vergleiche zu Klassenprimus Manuel Neuer: "Bei einem der besten Torhüter der Welt passiert so etwas auch manchmal oder ist zumindest anfangs oft passiert."

Die Zahlen geben Schmelzer recht: In der Bundesliga ist der Bürki mit 65,6 Prozent erfolgreicher Zuspiele aus dem Spiel heraus klar die Nummer drei hinter den beiden in dieser Saison eingesetzten Bayern-Keepern Manuel Neuer und Sven Ulreich.

Zu viele einfache Fehler

Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings: Bürki steht nicht mehr am Beginn seiner Karriere. Es hilft also wenig, nur das Potenzial eines großen Keepers zu haben und viele unhaltbare Bälle abzuwehren. Der Schweizer muss auch seine alltäglichen Aufgaben erledigen. Das heißt: die einfachen Fehler abstellen.

Lienen hat dazu eine klare Meinung: "Ich glaube, dass das mit dem Training zu tun hat und mit Einstellung. Er macht viele Stellungsfehler, das wurde im Training eventuell vernachlässigt. Und er hat ja auch einige Fehler gar nicht wirklich eingesehen. Da sollte der Hebel angesetzt werden." Und weiter: "Die Beteiligten müssen sich zusammensetzen und eine Lösung finden."


Heißt diese Lösung vielleicht sogar Torwartwechsel? Auf der Bank verfügt der BVB mit Roman Weidenfeller über eine zwar erfahrene, aber auch altersmäßig weit fortgeschrittene Alternative. Für diese Saison dürfte dies kein Problem sein – der 37-jährige Publikumsliebling könnte problemlos einspringen. Für die Zukunft müssen sich die Dortmunder allerdings Gedanken machen.

Nach SPORT1-Informationen war der Kauf einer neuen Nummer eins bislang trotz anderslautender Gerüchte bei den Verantwortlichen kein Thema. Der BVB fahndete langfristig eher nach einem talentierten Torwart, den man langsam hinter Bürki aufbauen wollte. Das könnte sich nach den letzten Patzern ändern.

Trapp als heißer Kandidat

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang Nationaltorwart Kevin Trapp genannt. Der 27-Jährige will sich nach SPORT1-Informationen zwar bei Paris Saint-Germain durchsetzen. In dieser Saison kam der ehemalige Frankfurter aber noch gar nicht zum Einsatz.

Dazu heißt es aus Frankreich, die PSG-Verantwortlichen könnten sich einen Abgang des Deutschen bei einem passenden Angebot vorstellen - auch um ihre miserable Financial-Fairplay-Bilanz auszugleichen.

Timo Horn dürfte dagegen erst im kommenden Sommer eine Alternative werden – vor allem dann, wenn der 1. FC Köln am Ende der Saison absteigen sollte.