Der Trump-Kim-Gipfel ist eine „Blackbox“ – selbst das Undenkbare scheint möglich

Pokerspieler wollen vor großen Partien ausgeschlafen sein. Nordkoreas Führer Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump geht es vor ihrem Gipfeltreffen in Singapur nicht anders.

Nur reizen sie ihr Gegenüber nicht am grünen Pokertisch, sondern verhandeln über das nordkoreanische Atomprogramm. Obwohl das Treffen in dem Stadtstaat erst um 9 Uhr Ortszeit am Dienstagmorgen stattfinden soll, reisten die beiden ungewöhnlichen Führer schon am Sonntag an.

Kim landete gegen 14 Uhr mit einem Flugzeug der chinesischen Fluggesellschaft Air China unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen. Die Straßen um den Flughafen Changi waren für 45 Minuten abgesperrt. Und auf dem Weg zu Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong liefen wie schon beim innerkoreanischen Gipfel zwölf Bodyguards neben Kims Stretchlimousine durch die subtropische Sommerschwüle.


Um 20.21 Uhr Ortszeit setzte dann die Präsidentenmaschine „Air Force One“ auf einem Luftwaffenstützpunkt auf. Trump stieg vorsichtig die Treppe hinunter, winkte in die Kameras, schüttelte ein paar Hände und stieg in seine gepanzerte Limousine. Neuigkeiten über den bevorstehenden Gipfel konnten die mitreisenden Journalisten aus Trumps Mund nicht vernehmen. Er mied offenbar den Kontakt mit den Medien.

Trumps Schweigen ist symptomatisch für diesen Gipfel. Normalerweise können Experten vor solch wichtigen Treffen recht genau einschätzen, was die Länder fordern und bereit sind zu geben. Doch die erste Bewährungsprobe des US-Präsidenten als Problemlöser und Friedensstifter im Konflikt um Nordkoreas Atomprogramm ist kein normaler Gipfel. Das Treffen mit Nordkoreas Führer Kim Jong Un gleicht dem, was Angloamerikaner gerne eine „Blackbox“ nennen.

Die Außenstehenden sehen nicht, was in der Kiste passiert, und werden am Ende mit fertigen Ergebnissen konfrontiert. Selbst renommierte US-Experten wie Victor Cha vom Washingtoner Thinktank Center for Strategic and International Studies rätseln herum. Ihn hatte Trump lange als seinen Botschafter in Südkorea erwogen. „Niemand weiß, was Trump an dem Verhandlungstisch bringen wird“, sagt Cha. Das Gleiche gilt für Nordkoreas Führer Kim Jong Un.

Historischer Erfolg, dramatischer Eklat, fauler Kompromiss oder Durchbruch bei der Denuklearisierung Nordkoreas – alles scheint möglich. Denn im Atompoker hat Trump etwas gemacht, das sonst nicht seinem Naturell entspricht: Er hält die Karten extrem nah an der Brust.

Nicht einmal der nationale Sicherheitsrat hat die Verhandlungen mit Nordkorea diskutiert, kolportieren US-Medien. Trump scheint sich ganz auf US-Außenminister Mike Pompeo zu stützen, der seit seiner Zeit als Chef des Geheimdiensts CIA Trumps Sonderbotschafter mit Kim war.


Nicht nur traf Pompeo Nordkoreas Führer mehrmals persönlich. Als Kims Vertrauter Kim Yong Chol Anfang des Monats Trump einen Brief des nordkoreanischen Führers überbrachte, war Pompeo dabei. Seinen nationalen Sicherheitsberater John Bolton ließ Trump dagegen erst gar nicht in den Raum. Denn die Nordkoreaner mögen den außenpolitischen Hardliner nicht, der früher einen Regimesturz und vorbeugende Militärschläge gegen Nordkorea befürwortet hatte.

Außerdem ist Pompeo selbst derjenige, der versucht, Trump zu informieren. Auch wenn Trump am Wochenende mal wieder vor den Medien damit kokettierte, dass er sich nicht vorbereiten müsse, scheint er für seine Verhältnisse wohlpräpariert. Acht bis zehn Stunden pro Woche habe Pompeo laut Medienberichten Trump die Lage erklärt.

Zwischen Optimismus und Vorsicht

Dennoch schwanken die öffentlichen Botschaften von Trump und Pompeo derart zwischen Optimismus und Vorsicht hin und her, dass Beobachtern wie auch den Regierungen von Verbündeten wie Gegnern nichts übrig bleibt, als den Gipfel abzuwarten. Trump spricht immer wieder davon, dass der Gipfel eine historische Chance sei, der Welt Frieden zu bringen. Gleichzeitig droht er, den Verhandlungstisch zu verlassen, wenn Nordkorea sich nicht ausreichend bewegt.

Und Pompeo erklärt den einen Tag, dass sich beide Seiten bei der Definition des Begriffs Denuklearisierung angenähert hätten. Doch in einem Interview hinterließ er den Eindruck, dass die Kluft noch beträchtlich ist. Er wolle nicht über Zeitpläne sprechen. „Die zwei Führer werden das sicherlich besprechen“, so Pompeo. „Wir müssen sehen, wie weit wir kommen – in den Stunden, die wir zusammen in Singapur haben.“

Viel Zeit hat er nicht. Bereits um 14 Uhr wolle Kim am Dienstag wieder abreisen, meldete Reuters am Sonntag. Trump erhöhte die Spannung am Samstag noch auf die ihm eigene Weise. Er deklarierte den diplomatischen Hochseilakt schlicht zum nuklearen Speeddating um. Er wisse „in der ersten Minute“, ob der Gipfel gut laufen werde, sagte Trump. Wie er das mache, wollte ein Reporter wissen. „Mein Touch, mein Gefühl, so mache ich das“, erklärte Trump.


Nur Show oder Wahrheit – niemand weiß es. Michael Green von der Georgetown-Universität verhandelte unter George W. Bush mit Nordkorea. Er verglich den Gipfel nicht zu Unrecht mit einem „Wrestling-Match“. Die Parteien mögen das Ergebnis abgesprochen haben, aber das Publikum kennt es noch nicht.

Was realistisch ist, bleibt Gegenstand von Wetten. Die ursprüngliche Forderung Trumps nach einer kompletten, überprüfbaren, unwiderruflichen und vor allem schnellen Denuklearisierung Nordkoreas scheint nicht mehr zur Diskussion zu stehen. Die Topwette ist derzeit vielmehr, dass sich beide Seiten auf eine mehr oder weniger detaillierte Absichtserklärung einigen.

Im besten Fall mit einem konkreten Plan für Verhandlungen über die harten Details und Zeitpläne für eine schrittweise Abrüstung sowie entsprechende Belohnungen. Gute Chancen werden auch einer Erklärung eingeräumt, die ein Ende des 1953 nur durch einen Waffenstillstand eingestellten Korea-Kriegs ausruft. Einen richtigen Friedensvertrag erwartet niemand.

Ein Scheitern der Gespräche ist wahrscheinlich

Der Trump-kritische Korea-Experte Robert Kelly hält es zwar für möglich, dass Kim als weitere Geste ein paar Langstreckenraketen oder die Schließung von Atom- oder Raketeneinrichtungen herschenken könnte. Aber für ihn wird das Ergebnis „blamabel weit“ von der ursprünglichen Forderung abweichen und sehr nahe an den Ergebnissen von Trumps Vorgängern liegen.

Schon 1994 und in den 2000er-Jahren hatten Bill Clinton und George W. Bush ähnliche Vereinbarungen erreicht, die aber jeweils im Streit scheiterten. Kelly kritisiert, dass Trump mit dem Gipfel Nordkorea schon viel zu viel geschenkt habe. Denn ein solches Ergebnis hätte jeder Präsident vor ihm erreichen können, wenn er zu einem Treffen bereit gewesen wäre. Die eigentliche Arbeit werde nach dem Gipfel Südkoreas Präsident Moon Jae In, Pompeo und deren Unterhändlern aufgehalst, sagt Kelly. Und das Risiko eines Scheiterns gilt als beträchtlich.


Andere Kommentatoren können sich dennoch Fortschritte vorstellen. Zum einen könnten Nordkoreas findige Taktiker mit unerwartet weitgehenden Zugeständnissen aufwarten. Zum anderen könnte es Kim dieses Mal ernst meinen. Ein erster wichtiger Schritt wäre für den Ex-Diplomaten Green, wenn Kim wenigstens eine Bestandsaufnahme von Atomwaffen und spaltbarem radioaktivem Material übergeben würde. „Wir haben diese Liste bisher noch nie in Verhandlungen erhalten.“ Dann könnten die Unterhändler an die Arbeit gehen und all die weiteren Schritte aushandeln.

Doch Trumps asiatische Verbündete und US-Strategen der alten Schule quält die Sorge, dass der vermeintlich mächtigste Mann an zwei Punkten zu viel herschenken könnte. Erstens könnte er sich beispielsweise damit zufrieden geben, dass Kim nur Interkontinentalraketen aufgibt. Südkorea und Japan behielte Kim damit vorerst im Visier. Zweitens könnte Trump Kim schon jetzt eine Reduzierung oder gar einen Abzug von US-Truppen aus Südkorea anbieten.

Damit würde er den Traum von Nordkoreas Schutzmacht China und den Albtraum Japans wahrmachen. China setzt darauf, die Allianz zu sprengen, Japan wünscht sich eine Partnerschaft mit Südkorea. Denn die beiden asiatischen Wirtschaftsmächte sehen die koreanische Halbinsel als Dolch an, den sie nicht gegen sich gerichtet sehen möchten.

Trump dürfte diese Verunsicherung nicht stören. Als einstiger Reality-TV-Star weiß er, dass es der Quote schadet, wenn das Ergebnis der Sendung schon vorher bekannt ist. Eine gewisse Restspannung hingegen sorgt dafür, dass Experten und Medien im Vorfeld etwas zu diskutieren haben. Es steigert die Neugier der Zuschauer auf den Showdown. Dieses Rezept wirkt offenbar: Mehr als 2500 Journalisten aus aller Welt sind in Singapur dabei.