Doku über "Tokio Hotel": "Wenn ich mich den Rest meines Lebens nicht mehr verlieben würde, wäre das okay."

Maria Timtschenko
Freie Journalistin
Bill Kaulitz war schon zu Schulzeiten ein bunter Typ – jetzt hat er dafür eine Bühne. Foto: Screenshot / arte

Sie sind neun Jahre alt als die Zwillinge Bill und Tom Kaulitz beschließen, berühmt zu werden. Mit zwölf treffen sie ihre zukünftigen Bandkollegen Georg Listing und Gustav Schäfer. Mit 15 Jahren bricht der Erfolg mit „Tokio Hotel“ über sie herein – mit ungeahnten negativen Folgen. In der Dokumentation „Hinter die Welt“ sprach die Band jetzt ungewohnt offen darüber, wie sie als junge Leute mit dem Ruhm zurechtgekommen sind, warum die Zwillinge fliehen mussten und wie es über zehn Jahre nach ihrem Durchbruch weitergehen kann.

Als Bill und Tom Kaulitz entscheiden, Deutschland zu verlassen sind sie gerade Anfang 20. Sie leben nahe Hamburg in einem Haus, das umgeben ist von einem zwei Meter hohen Zaun. Sie werden Tag und Nacht von Securitys bewacht und trotzdem versuchen Leute einzubrechen, campieren Fans vor ihrem Haus, wollen jeden Tag Autogramme: „Es war Nerventerror“, sagt Bill Kaulitz. „Es war eine konstante Belagerung. Ich wusste, ich kann so nicht mehr leben.“

Bill Kaulitz sitzt in einem schwarzen SUV auf dem Beifahrersitz. Sein Bruder Tom lenkt den Wagen, hinten haben sie die Hunde drin – eine Bulldogge namens Pumbaa und ein Jagdhund, Name unbekannt. Sie fahren zum Elysian Park in Los Angeles, eine leicht grüne Oase inmitten der kalifornischen Wüsten.

„Wir haben online ein Haus ausgesucht, einen Privatjet gemietet und dann sind wir abgehauen“, erzählt Bill weiter. Während der Spaziergänge mit den Hunden sprechen sie über ihre Musik. Welcher Ton an welcher Stelle noch nicht richtig sitzt. Untermalt wird die Dokumentation von Oliver Schwabe mit einer Art Ambient Electro. Schwere, warme, sanfte Klänge.

“An L.A. gefällt uns die Anonymität”

An L.A. hat ihnen schließlich die Anonymität gefallen. Tom Kaulitz konnte hier unbeobachtet seinen Führerschein machen. Er sagt: „An L.A. finde ich gut, dass hier Leute aus der ganzen Welt herkommen, um etwas zu erreichen. Wir wollten das Gegenteil: Endlich unser Leben leben und mal nicht im Spotlight stehen.“ Zwischen den Megastars aus Hollywood existieren die Zwillinge in einem Schattendasein, das ihnen gut gefällt.

Gustav Schäfer (rechts) und Bandkollege Georg Listing sind an der Elbe in Magdeburg geblieben. Foto: Screenshot arte

Ihre Kollegen Georg Listing und Gustav Schäfer, Bassist und Drummer, ziehen aus Hamburg zurück nach Magdeburg. „Dass die Zwillinge nach L.A. gegangen sind, war die beste Entscheidung, die sie treffen konnten“, sagt Gustav Schäfer. „Dass sie es überhaupt so lange hier ausgehalten haben… Ihr Haus war eine Festung.“ Die beiden Männer im Hintergrund von „Tokio Hotel“ suchten die Heimatverbundenheit, die Familie.

Jedes Bandmitglied lebt so nach seinen eigenen Vorstellungen. „Die Fixkosten in Magdeburg betragen vielleicht 2000 Euro im Monat. Da kannst du schon ein paar Jahrhunderte leben von den Platten, die wir verkauft haben“, erzählt Tom Kaulitz lachend. Er weiß, dass sein Leben und das seines Zwillingsbruders immer schon auf Extravaganz beruhte.

Trotzdem hat die Band zwischen Bodenständigkeit und Ausgeflipptheit, zwischen Geld sparen und Geld rauswerfen, nichts entzweit. „L.A. ist auch nur ein paar Flugstunden weg“, sagt Gustav Schäfer. Keiner grollt dem anderen. Warum auch? Die vier Musiker waren schon immer – zumindest von außen betrachtet – von verschiedenen Sternen.

“Auf wen steht Bill denn nun?”

In einer anderen Intervieweinstellung läuft Bill mit dickem Pelzmantel und Federohrringen durch eine kalifornische Wüstenlandschaft. „Schon früher als ich zur Schule ging, lief ich den ganzen Tag gestylt herum. Nun habe ich eine Bühne, um das auszuleben“, erzählt der Frontmann. Bei seinen Auftritten in Russland und Mexiko sieht man ihn mit goldenem Mantel, goldener Krone. Er hat sich zur Kunstfigur gemacht wie Lady Gaga eine ist. Es passt zu ihm. „Wir hatten nie viel Geld, deswegen fing ich schon früh an, meine T-Shirts zu zerschneiden, mir die Fingernägel zu lackieren und selbst meine Haare zu schneiden“, erzählt Bill weiter.

Und auch Tom weiß, dass sein Zwillingsbruder auf ihn abgefärbt hat. „Wäre Bill normaler gewesen, wäre ich das vielleicht auch.“ So aber hatte einer der 15-Jährigen einen Emo-Vorhang vor dem Gesicht, der andere Dreadlocks auf dem Kopf. „Wir haben von Anfang an polarisiert“, sagt Tom. „Die Hälfte aller Bands fand uns scheiße.“

Nicht nur Bands fanden „Tokio Hotel“ scheiße. Auch unter Jugendlichen bildeten sich zwei Lager von absoluten Groupies zu knallharten Hatern. Was von außen wie ein Luxusproblem wirkte, war von innen mit großen Ängsten besetzt. Bill erzählt: „Wir haben viele Konzerte abgesagt und auch immer nur auf eigenen Festivals gespielt. Gemeinsam mit anderen Bands war es zu gefährlich. Da flogen dann Bierflaschen von Leuten, die uns nicht leiden konnten. Mit 16 schon waren wir mit acht Bodyguards unterwegs.“

Tom Kaulitz: “Wäre mein Bruder normaler gewesen, wäre ich es vielleicht auch.” Foto: Screenshot / arte

Nicht nur mit ihrem Aussehen polarisieren die Zwillinge, vor allem mit ihrer sexuellen Orientierung. „Es ging viel darum, auf wen steht denn Bill nun? Mit wem geht der abends nach Hause?“, erzählt Tom Kaulitz. „Aber ich möchte gar nicht, dass das Thema ist, ob ich auf Männer oder auf Frauen stehe“, ergänzt sein Bruder. Er suche die Liebe seines Lebens – ganz allgemein. „Wenn ein Jahr vorüber geht, dann denke ich schon: ‚Ach, ich war wieder nicht in einer festen Beziehung.‘“, sagt Bill Kaulitz.

Der Style von Tokio Hotel im Wandel der Zeit

Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Tom. „Alles was ein Mensch in einer Beziehung sucht, habe ich mit Bill. Mir fehlt eigentlich nur jemand für den sexuellen Part – und das findet man irgendwie immer. Ich sehne mich nicht nach einer Beziehung. Wenn ich mich den Rest meines Lebens nicht mehr verlieben würde, dann wäre das auch okay für mich“, sagt Tom.

Mittlerweile – die Doku ist von 2017 – scheint er ja ein bisschen Liebesglück mit Model Heidi Klum gefunden zu haben. Im Gegensatz zu früher stellen sie ihre Beziehung sehr in der Öffentlichkeit dar. Während der Dokumentation sind die Zwillinge noch der Meinung, dass sie ihr Privatleben privat halten möchten. Vielleicht gibt es deshalb keine Aussagen zu ihren Eltern, zu ihrer Kindheit, zu Problemen, die es in jeder Band sicher mal gibt. Kurz: Man erfährt nicht viel Neues über „Tokio Hotel“, allerdings bekommt man ein ausführliches Update, wie sich die Jungs nach ihrem Megaerfolg weiterentwickelt haben. Das lohnt sich anzuschauen.

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