DIW-Chef befürchtet 'GroKo der verpassten Chancen'

dpa-AFX

BERLIN (dpa-AFX) - DIW-Chef Marcel Fratzscher hat zum Start der Koalitionsverhandlungen von Union und SPD eine "langfristige Vision" für Deutschland gefordert. "Das sollte oberste Priorität haben. Ich sehe die Gefahr, dass es eine GroKo der verpassten Chancen wird, die Spielräume nicht klug nutzt", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Seine Sorge sei, dass eine neue große Koalition Klientelpolitik mache, aber nicht über die nächsten vier Jahre hinausdenke. Dabei habe kaum eine Bundesregierung wirtschaftlich eine bessere Startposition.

Eines der Kernthemen sollte aus Sicht des DIW-Chefs Europa sein. "Die Bundesregierung muss die ausgestreckte Hand Macrons ergreifen." Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte umfassende Vorschläge zur Reform der EU und der Eurozone vorgelegt. "Europa muss reformiert werden, sonst laufen wir Gefahr, wieder in eine große Krise zu kommen", sagte Fratzscher. "Bei den Koalitionsverhandlungen darf es nicht nur zu einer schönen PR kommen, wir brauchen einen großen Wurf." Die Architektur Europas und der Eurozone müsse grundsätzlich reformiert werden.

Der DIW-Chef sagte, er würde sich sehr wünschen, das Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Chef Martin Schulz Europa zur "Chefsache" und die Reform Europas zu einem Mittelpunkt einer neuen großen Koalition machten. "Das erfordert politischen Mut, das ist nicht leicht. Wir haben aber jetzt eine Chance, die wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren nicht wiederkommt. Deutschland ist in einer wirtschaftlich hervorragenden Situation. Wenn nicht jetzt, wann dann."

Zur SPD-Forderung, die Zahl befristeter Jobs einzudämmen, sagte Fratzscher: "Die Beschränkung der Befristung von Jobs ist sicher nicht das zentrale Thema auf dem Arbeitsmarkt." Die zentrale Herausforderung sei: "Wir haben immer noch 2,6 Millionen Arbeitslose, obwohl es mehr eine Million offene Jobs gibt. Es gibt genügend gute Jobs, die Unternehmen suchen nach gut qualifizierten Arbeitnehmern. Das A und O ist Qualifizierung." Außerdem müsse der Niedriglohnbereich deutlich reduziert werden.