Was Disneys Streamingdienst für Netflix bedeutet

Disney startet seinen eigenen Streamingdienst. Die Gründe für die Streamingoffensive – und was auf Konkurrent Netflix und den Entertainment-Markt zukommt.


Bob Iger ist ein weitsichtiger Konzernchef. Schon vor einigen Jahren kündigte er an, nach Wegen zu suchen, wie Disney viel direkter als bisher mit seinen Kunden in Kontakt kommen könnte. Seine Kunden – das sind weltweit Millionen Kinogänger, TV-Zuschauer und Käufer von Disney-Devotionalien wie etwa Prinzessinnen-Kleidchen. Daneben bedient der Entertainment-Riese jedoch noch eine andere Klientel – die zig Millionen Besucher seiner Freizeitparks, dazu kommen Urlauber auf seinen Kreuzfahrtschiffen sowie in den Disney-eigenen Ferienanlagen.


Und genau das ist der Punkt. Denn während der Mickey-Mouse-Konzern nach einem Besuch im Disneyland viele Daten über einen konkreten Kunden und am besten noch über dessen Familie gesammelt hat - ganz zu schweigen von demjenigen, der eine Woche lang all-inclusive auf einem Disney-Schiff durchs Mittelmeer geschippert ist – geht der Konzern bei den TV- und Kinokunden in Sachen Daten bislang praktisch leer aus.

Das zu ändern ist eins der wesentlichen Argumente, warum der Disney-Chef nun den Start von eigenen Streaming-Angeboten ankündigt. Mit ihrer Hilfe will er endlich seine eigenen Geschäftsbeziehungen zum Endkunden knüpfen, will seine Kreditkartenverbindung, seine Sehgewohnheiten und -vorlieben kennen und nutzen.


Die Kunden kommen ihm dabei entgegen. So zeigt der bisherige Erfolg von Netflix mit mehr als 100 Millionen Abonnenten weltweit, dass es offensichtlich einen Bedarf nach Streamingangeboten mit ihren zahlreichen Vorteilen gibt – der Nutzer kann schauen, was, wann und wo er es gerade will, nicht eingezwängt in das Programmschema eines Fernsehsenders, sondern komplett nach eigenem Bedarf. Die Bereitschaft, dafür sogar zusätzlich Geld auszugeben und für Inhalte zu bezahlen, ist vorhanden.


Auf der Negativseite bekommt Disney das allerdings auch zu spüren – vor allem in den USA sinkt die Zahl der Kunden, die sich noch in teure TV-Kabel-Verträge zwängen lässt. In deren Angebot war auch stets Disneys Sportsender ESPN dabei. Dessen Zuschauerzahlen sinken daher spürbar, die Spuren in der Bilanz sind nicht zu übersehen und verursachen Analysten und Anlegern Sorgen.

Diese zu kontern ist der zweite wesentliche Grund für Igers Streamingoffensive. Darum startet der Riese auch seinen neuen Sport-Dienst bereits früher als sein Entertainment-Portal, das er für 2019 angekündigt hat. Kleine Wettbewerber wie die Plattform DAZN sind hier längst unterwegs und kaufen fleißig Rechte in – für Sportverbände und Vereine könnte es daher noch ziemlich interessant werden, sollte der Gigant Disney in Zukunft auch als potenzieller Rechtekäufer auf der Matte stehen.



Disney punktet mit Angeboten für Kinder

Was die Ankündigung für den bisherigen Disney-Partner Netflix bedeutet, lässt sich noch nicht komplett absehen. Klar ist, dass Igers neuer Kurs Netflix weh tun wird. Denn es sind nicht zuletzt Angebote für Kinder, die den Streamingdienst erfolgreich machen. Und da hat Disney eben eine ganze Menge zu bieten. Wenn daher wie von Netflix angekündigt Ende 2019 attraktive Programme wie „Zootopia“ oder das „Dschungelbuch“ aus dem Angebot verschwinden, dürfte das viele Abonnenten zum Nachdenken bringen. Offen ist auch noch, was mit den Marvel-Produktionen passiert, von denen einige derzeit exklusiv bei Netflix zu sehen sind. Bislang hat Iger neben dem ESPN-Streaming nur ein Disney-Angebot angekündigt, die dann eben nicht mehr bei Netflix laufen.


Für Marvel-Produktionen muss das nicht unbedingt gelten, sie sind bislang noch nicht Teil der Ankündigung. Die Frage für Disney wird sein, ob das Angebot seiner Superhelden-Manufaktur groß und vor allem breit genug ist, ein eigenes Streamingportal zum Erfolg zu machen. Hat Iger Zweifel daran, wird er Marvel-Inhalte wie „Iron Man“ oder „Guardians of the Galaxy“ auch weiter an Partner wie Netflix lizensieren, um ihnen Reichweite zu verschaffen.

Netflix indes baut immerhin schon mal vor – mit dem Kauf der schottischen Comic-Helden-Fabrik Millarworld, die etwa hinter dem Erfolg der schrägen britischen Filmreihe „Kingsman: The Secret Service“ steckt, schafft sich Netflix-Boss Reed Hastings jedenfalls die Möglichkeit, sein eigenes Universum an populären Charakteren aufzubauen. Ob er und Millarworld-Gründer Mark Millar damit allerdings jemals auch nur annähernd so erfolgreich sein werden wie Kevin Feige, der Chef von Marvel, bleibt abzuwarten.

Klar dürfte aber sein, dass Disneys Schritt ins Streaming exemplarisch für das steht, was in den kommenden Jahren auf den Entertainment-Markt zukommt.

KONTEXT

Die beliebtesten Serien bei Netflix

14,3 Prozent

"The Big Bang Theory"

*Werte gerundet; Marktanteile unter den jeweils zehn meist gesehenen Sendungen.

Quelle: Goldmedia, erstes Quartal 2017

11,9 Prozent

"House of Cards" (Eigenproduktion)

11,6 Prozent

"The Walking Dead"

10,9 Prozent

"Orange is the New Black" (Eigenproduktion)

10,6 Prozent

"Gilmore Girls"

10,1 Prozent

"Breaking Bad"

8,9 Prozent

"Suits"

7,4 Prozent

"Supernatural"

7,2 Prozent

"Prison Break"

7,2 Prozent

"Modern Family"