Diskussion über Diesel-Verbot bei „Markus Lanz“: „Wir müssen anfangen, mehr über Mobilität nachzudenken“

Zu Gast bei Markus Lanz waren Moderator Ranga Yogeshwar, Rennrodlerin Natalie Geisenberger, Moderator Thomas Reichart und Psychologe Prof. Manfred Spitzer (Bild: Screenshot ARD)

Die Streitfrage rund um ein mögliches Fahrverbot für Dieselfahrzeuge war am Mittwochabend eines der Kernthemen bei „Markus Lanz“.

Kontroverse in der Auto-Nation Deutschland: Nachdem das Bundesverfassungsgericht am Mittwoch Fahrverbote für Dieselfahrzeuge für rechtmäßig erklärt hatte, sprechen Verbotsgegner von „Freiheitsberaubung“. Befürworter sehen einen überfälligen ersten Schritt im Umdenken in der Mobilitäts- und Umweltpolitik.

Einer, der mit dem Verbot nicht ganz glücklich ist, ist Psychologe und Buchautor Prof. Manfred Spitzer, der auch ein Dieselfahrzeug besitzt. Er hoffe auf eine plausible Lösung dieses Problems: „Die Politik wird damit hoffentlich vernünftiger umgehen als jetzt. Denn ich fahre ja immer noch einen subventionierten Kraftstoff mit einem Auto, dass ich dann verboten kriege zu fahren. Es macht alles keinen Sinn mehr und ich hoffe, dass das vernünftig gelöst wird”, so Spitzer, der eigentlich zu Gast war, um über sein Buch „Einsamkeit – die unerkannte Krankheit“ zu sprechen.

Diesel habe früher schon einen schlechten Ruf gehabt, warf Lanz ein: „Das waren doch die Drecksschleudern früher. Und dann hat man uns erfolgreich plausibel gemacht […]: preiswert und sauber. Was ist denn da passiert?“, so der Moderator. „Ich glaube, dass da eine ungute Entwicklung passiert ist und dass eine ganze Industrie schlichtweg geschummelt hat, weil sie sich nicht einigen konnte mit ein paar Physikern und ein paar Leuten, die was von der Sache verstehen, was geht und was nicht geht“, antwortete der Psychologe.

In Sachen Mobilität ist China fortschrittlicher als Deutschland

Deutschland sei in Sachen Mobilität längst nicht so sensibilisiert wie zum Beispiel China, erklärte Moderator Ranga Yogeshwar. Aufgrund der hohen Luftverschmutzung sei sich die dortige Bevölkerung – und in weiterer Folge auch die Politik – der Problematik weitaus mehr bewusst und setze auf Elektromobilität. „Wenn du ein Auto in Beijing oder Shanghai fahren möchtest, dann darfst du das nicht. Das heißt: Dein Nummernschild, dass du bekommen musst, da gibt’s ‘ne große Lotterie. Und du zahlst dafür etwa so viel wie für das Auto. Dann gibt es Tage, wenn die Luft Qualität schlecht ist: da musst du das Auto stehen lassen.“

Das kann auch Thomas Reichart bestätigen, der das ARD-Sportstudio Ostasien in Peking leitet. Er sehe morgens per App nach, wie die Luftverschmutzung in Peking ist und entscheide dann, ob die Kinder mit oder ohne Atemmaske an die frische Luft gehen müssen. Autos haben in Peking gerade oder ungerade Nummern – an Tagen mit hoher Luftverschmutzung dürfe abwechselnd eine der beiden Gruppen nicht fahren. „Der entscheidende Punkt ist: Elektroautos dürfen immer fahren. […] Deswegen ist es auch kein Zufall, dass die Chinesen in Sachen Elektromobilität so viel weiter sind als wir in Deutschland. Diesel übrigens war in Peking von Anfang an verboten“, so Reichart.

Deutschland müsse in Sachen Mobilität umdenken, urteilte Moderator Ranga Yogeshwar. (Bild: Screenshot ARD)

„Wir sind eine Auto-Nation“, attestiert Yogeshwar und erklärte, dass andere Länder mit Unverständnis auf Deutschland blicken würden und bereits viel weiter seien. London zum Beispiel habe eine City-Maut für Autos in der Innenstadt und für alte Dieselmotoren eine zusätzliche „Toxicity-Tax“ verlangt, auch andere Städte machen klar: „Wir wollen keine Autos in der Stadt, dort wo viele Menschen sind“. „Überall drum rum passiert was und in Deutschland haben wir festgehalten und so langsam geht das nicht mehr“, so der Moderator.

Der Verzicht auf Diesel ist nicht genug

Die Effekte eines Diesel-Verbots für die Umwelt erläuterte Yogeshwar anhand einer Studie. Ein Dieselverzicht sei umwelttechnisch zwar ein wichtiger Schritt, aber per se noch nicht genug: „Man muss mehr machen, als nur ein vielleicht sogar eingeschränktes Dieselverbot. Wir müssen anfangen, mehr über Mobilität nachzudenken”.

Besonders im Stadtwesen hinke Deutschland in der Verkehrspolitik hinterher: „Wir haben Städte, in denen bauen wir Häuser für Autos, während arme Menschen auf der Straße schlafen. Wir haben Städte, die sind zu mit Autos.“ Hier müsse man fortschrittlich denken und eine Zukunft mit Elektromobilität planen, in der man gar kein eigenes Fahrzeug mehr besitze, erklärte Yogeshwar: „Wir müssen umdenken. […] Wir merken es nicht nur bei uns, wir merken es bei allen anderen Ländern. Ein Land, das Autos exportiert, muss sich ja mal Gedanken drüber machen, dass die anderen Länder irgendwann mal keine Autos mehr wollen.“

„Sind wir in eine Sackgasse geraten?”, fragte Lanz. „Verkehrspolitisch ja“, meint Yogeshwar. Die Autoindustrie sei so mächtig, dass sie die Politik beeinflusst. „Man muss sich einfach mal das Bild vorstellen, da gab es den Diesel-Gipfel, da sitzt auf der einen Seite der aktuelle Verkehrsminister und auf der anderen Seite als Vertreter der Autoindustrie der ehemalige Verkehrsminister [Matthias Wissmann, Anm.]“. Auch wenn die deutsche Autoindustrie zur Zeit noch große Umsätze mache, sei hier mehr Weitblick gefragt: „Ich will einfach, dass dieses Land auch in Zukunft immer noch stark ist. Man muss umsatteln.”