Von der Diktatur zur Start-up-Schmiede – wie ein Singapurer den Unternehmensgeist in Nordkorea wecken will

Kim Jong Un will von Singapurs wirtschaftlichem Erfolg lernen. Eine private Organisation versucht das Unternehmertum in Nordkorea zu stärken.


Vom 57. Stock des Luxushotels Marina Bay Sands blickt Kim Jong Un auf die Skyline Singapurs. Die Sonne ist bereits untergegangen, doch die Lichter der Wolkenkratzer erhellen die südostasiatische Metropole auch noch nachts.

Der Ausflug des nordkoreanischen Herrschers am Vorabend seines Treffens mit US-Präsident Donald Trump in der vergangenen Woche findet sich anschließend auch in den Staatsmedien des abgeschotteten Landes wieder: Kim habe auf der Tour mehr über Singapurs wirtschaftliche Entwicklung gelernt und sei beeindruckt gewesen, hieß es. Er habe seine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, davon für sein eigenes Land zu lernen. 

Der singapurische Unternehmer Geoffrey See würde dem Diktator gerne dabei helfen. See betreibt seit 2009 die private Organisation Choson Exchange, die sich ein nicht gerade einfaches Ziel gesetzt hat: Sie will privatem Unternehmertum in Nordkorea zum Durchbruch verhelfen.


In den vergangenen Jahren hat See mit der Organisation nach eigenen Angaben mehr als 2000 Nordkoreaner in Seminaren ausgebildet. Die meisten davon in der Hauptstadt Pjöngjang und in dem Handelszentrum Phyongsong. Rund 100 Nordkoreaner brachte See aber auch nach Singapur, um mit ihnen Ideen für Start-ups und neue Produkte voranzutreiben. Und ganz nebenbei bekommen sie dabei auch vorgeführt, wie eine offene Volkswirtschaft zu enormen Wohlstand führen kann.

Singapur könnte Nordkorea als Beispiel dienen

Ein besseres Beispiel als Singapur könnte es dafür kaum geben. In dem halben Jahrhundert seiner Unabhängigkeit wandelte sich der südostasiatische Stadtstaat von einer relativ unbedeutenden Hafenstadt zu einem der reichsten Länder der Welt.

Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in gerade einmal fünf Jahrzehnten mehr als verhundertfacht – von jährlich 500 US-Dollar im Jahr 1965 auf inzwischen mehr als 55.000 Dollar. Besonders die Offenheit für die internationale Finanzindustrie verhalf Singapur zu dem enormen Wohlstand.

Die Ausgangslage in Nordkoreas Volkswirtschaft, die von dem Regime in Pjöngjang gelenkt wird, könnte kaum unterschiedlicher sein. Geoffrey See ist aber überzeugt davon, dass es auch in dem kommunistischen Staat erheblichen Unternehmergeist gibt, den es sich zu fördern lohnt. Zum ersten Mal reiste See, der an der renommierten Wirtschaftshochschule Wharton in Pennsylvania studiert hatte, 2007 nach Nordkorea.


Er musste dabei eigene Vorurteile überdenken: „Ich dachte, dass die Menschen dort kein Interesse am Geschäftsleben haben, nachdem es sich um ein kommunistisches Land mit einer Staatswirtschaft handelt“, sagte See in einem Interview. „Aber als ich dort viele junge Koreaner traf, war ich überrascht von den großen Ambitionen.“

Eine nordkoreanische Studentin, die damals als Fremdenführerin arbeitete, löcherte See mit Fragen darüber, wie man ein Unternehmen führt. See inspirierte das zur Gründung des Programms Choson Exchange, das sich zunächst auf Gründerinnen in Nordkorea fokussierte. Nordkorea ist zwar eine Planwirtschaft, hat aber auch privatwirtschaftliche Elemente. Der Betrieb von Märkten wurde in den vergangenen Jahren liberalisiert. Kleine Unternehmen sind heute mit weniger Widerstand des Staates konfrontiert.

Erste Erfolgsgeschichten

Eine gute Geschäftsidee bietet See zufolge durchaus Möglichkeiten zum Erfolg. In seinem jüngsten Jahresbericht beschreibt er einen nordkoreanischen Workshop-Teilnehmer, der einen Überspannungsschutz entwickelte, mit dem sich elektrische Geräte vor den Fluktuationen im nordkoreanischen Stromnetz schützen lassen.

Zu dem Produkt des nordkoreanischen Gründers gebe es zwar auch Alternativen aus China, die ähnlich viel kosten. Der Unternehmer, der sich von See und anderen Freiwilligen beraten ließ, hofft jedoch, dass er mit lokaler Kundenbetreuung gegen die Konkurrenz punkten kann.

Ein anderer Gründer erhielt Tipps, um seinen Heiltee besser zu vermarkten. Er entwickelte eine hochwertigere Verpackung, um zahlungskräftige Kunden besser anzusprechen.

Ein Thema bei den Choson-Exchange-Seminaren ist auch die Frage, wie die Unternehmer ihren Geschäftsaufbau finanzieren können. In Zeiten strikter Sanktionen gegen Nordkorea sind Finanzierungsfragen auch für See ein Problem. In einem Blog-Eintrag berichtete er davon, das amerikanische Banken mit den Konten seiner Organisation nichts mehr zu tun haben wollten – aufgrund des Risikos, damit gegen Sanktionen zu verstoßen.


Sollte das Treffen von Trump und Kim und die versprochene nukleare Abrüstung auch zu einem Ende der Strafmaßnahmen führen, würde das auch Sees Arbeit vereinfachen. Für seine Überzeugungsarbeit in Sachen Marktwirtschaft bekam der Singapurer auch argumentative Unterstützung von Trump.

Bei seinem Treffen mit Kim führte der US-Präsident auf einem iPad einen Film im Stil eines Hollywood-Trailers vor, mit dem er zeigen wollte, welche Chancen Nordkorea durch eine wirtschaftliche Öffnung hätte. Zu sehen waren moderne Technologien wie Drohnen und High-Speed-Züge. „Ich glaube, den Nordkoreanern hat das wirklich gefallen“, sagte Trump.