Digitales statt Dosenbier


Festivals dürften für die meisten Menschen vor allem Dosenbier, Dixie-Toilette und Zeltlager bedeuten. Doch nicht immer und überall ist das so. Vor allem nicht ab heute in Berlin – da startet das diesjährige Tech Open Air Festival und da heißt es eher: Künstliche Intelligenz, Cloud und digitales Unternehmertum.

Über 20.000 Teilnehmer, 200 Sprecherinnen und Sprecher, Unternehmen wie KPMG, Amazon, SAP oder Bayer: Auch in diesem Jahr zieht das Tech Open Air, kurz TOA, wieder Aufmerksamkeit auf sich. Dabei will es mehr sein als nur eine weitere Innovationsmesse. Gründer Niklas Woischnik war bereits Berater für Unternehmen wie Eventbrite, Twitter oder Spotify und rief 2012 das Tech Open Air ins Leben: „Dahinter steckt die Idee, eine Plattform für Austausch und Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen mit der Schnittstelle Technologie aufzubauen“, sagt Woischnik dem Handelsblatt. Technologie habe schließlich in jeden Winkel der Gesellschaft Einzug genommen, so der Gründer: Von Kunst über Wissenschaft und Politik oder der Gesundheitsbranche.


Und so vernetzt Woischnik mit dem Tech Open Air die unterschiedlichsten Menschen: Von Soundclound-Gründer Alexander Ljung, über die Social-Media-Chefin der Nasa, Rebecca Roth, oder der ehemalige CIO von SpaceX, Brendan Spikes, bis hin zu Hector Ouilhet, Designer bei Google, der die Sprachsuche menschlicher machen will. Es ginge auch darum, denjenigen zu helfen, die die Veränderungen am eigenen Leib erleben, die Zukunft besser zu antizipieren und die Technologieenthusiasten der Welt, die sie verändern, besser zu verstehen, erklärt Gründer Woischnik.

Und so geht es auch nicht nur um Themen wie Maschine-Mensch-Interaktion, sondern auch um Ethik, Philosophie, Fintech oder Internet der Dinge. Das wiederkehrende Thema in diesem Jahr sei der sich rasant entwickelnde Artificial Intelligence und Robotics Sektor, so Woischnik: „Die Branche hat das Potenzial, die Welt auf den Kopf zu stellen; selbstdenkende Vehikel und Gadgets sind schon jetzt in aller Munde.“ Auf der TOA soll nun aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden, wie man diese Technologie in den Alltag integrieren könne.

Weitere Themen seien in diesem Jahr zum Beispiel Big Data oder die Frage wie sich Virtuelle Realität und Musik miteinander verbinden ließen. Auch das Thema der Gleichberechtigung in der Technologiebranche werde eine wichtige Rolle spielen. Beim TOA soll es eben nicht nur um den ökonomischen Nutzen von Innovation, sondern auch um ihre gesellschaftlichen Konsequenzen gehen: Wie wird die virtuelle Realität den Alltag verändern? Müssen wir alle coden lernen?


Zielgruppe sind technikaffine Menschen, Künstler, Kreative, Wissenschaftler, Gründer. Es wird nicht nur gepitcht, es soll auch Technik zum Anfassen und erleben geben. So zum Beispiel das Haus of Tech, eine knapp 3.500 Quadratmeter große Ausstellungsfläche in einer ehemaligen Industriehalle, in der Themenbereiche wie Augmented und Virtual Reality oder Cleantech und Mobilität erlebbar gemacht werden soll.

Insofern ist das Festival breiter aufgestellt als die meisten Start-Up-konferenzen, zu denen hauptsächlich Gründer und Investoren kommen. Eines aber ist gleich: Mit Konzernen wie Bayer und SAP ist die etablierte Wirtschaft auch beim TOA vertreten – um nach digitalen Trends und Talenten zu suchen. Die eigentliche Konferenz startet am Mittwoch, doch schon ab heute beginnen überall in Berlin die sogenannten Satellite Events. Auf dem Programm für die kommenden Tage stehen zum Beispiel „How to Design a digital product“ mit dem Gastgeber Deutsche Bank, zahlreiche Workshops oder eine Fuck-up-Night, in der Gründer von ihrem Scheitern berichten.

Zwischendurch bietet das Festival Yoga-Sessions. Und abends veranstalten viele Unternehmen Parties. Vielleicht sogar mit Dosenbier – für das Festivalgefühl.

KONTEXT

Lexikon der Künstlichen Intelligenz

Schwer definierbarer Begriff

Die wissenschaftliche Disziplin Künstliche Intelligenz (KI) begründete der Forscher John McCarthy. Er lud 1955 zu einer Konferenz an der Darthmouth-Universität in New Hampshire ein, um über Maschinen zu diskutieren, die "Ziele in der Welt erreichen können". Die Definition ist allerdings bis heute umstritten - schon weil Intelligenz an sich schwer abgrenzbar ist.

Starke KI

Unser Bild von Künstlicher Intelligenz wird geprägt von Filmen wie "Terminator" oder "Her", in denen Elektronenhirne ein Bewusstsein haben und selbständig agieren - Experten sprechen von starker KI. Die Technik ist bislang weit von solchen Visionen entfernt, verbreitet aber Angst und Schrecken. Was, wenn die Maschinen schlauer werden als die Menschen und sich über sie erheben?

Schwache KI

In der Realität zu finden ist derzeit lediglich schwache KI. Dabei handelt es sich um Systeme, die einzelne Fähigkeiten des Menschen abbilden, etwa die Spracherkennung oder Herstellung von inhaltlichen Zusammenhängen. Sie wären jedoch nicht in der Lage, die Ergebnisse zu verstehen oder inhaltlich zu diskutieren.

Maschinelles Lernen

Die derzeit erfolgreichste Spezialdisziplin der KI ist das maschinelle Lernen. Dabei leitet der Computer aus Daten weitgehend selbständig Muster und Erkenntnisse ab. Zum Einsatz kommt die Technologie etwa bei der Sprach- und Objekterkennung - und damit an vielen Stellen, von digitalen Assistenten auf dem Smartphone bis zum autonomen Fahrzeug.

Neuronale Netze

Beim maschinellen Lernen verwenden Forscher und Entwickler häufig künstliche neuronale Netze, die das Gehirn als Vorbild nehmen. Die Methode ist davon inspiriert, dass es im Denkorgan viele Verbindungen und Schichten gibt, die Informationen verarbeiten. Der Computer simuliert diese Struktur. Mit dem menschlichen Denken hat das nur entfernt zu tun: Es handelt sich um komplexe statistische Modelle.

Deep Learning

Als Deep Learning bezeichnen Experten eine Methode des maschinellen Lernens. Dabei kommen neuronale Netze mit vielen Schichten zum Einsatz - so entsteht die namensgebende Tiefe. Die Technologie ist vielversprechend und kommt bereits auf breiter Basis zum Einsatz. Damit sie funktioniert, sind jedoch große Datenmengen nötig, sie dienen als Trainingsmaterial fürs künstliche Gehirn.