Die digitale Feministin

Von Tinder hat Whitney Wolfe-Herd eine Million Dollar wegen Diskriminierung und sexueller Belästigung eingeklagt. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht die Unternehmerin über ihre neue Dating-App Bumble.


Whitney Wolfe-Herd, 28, möchte beim Interview im feinen Ham Yard Hotel in London gar nicht speziell über den Sexismus in Hollywood reden. Die Frau, die einst eine Million Dollar von Tinder wegen Diskriminierung und sexueller Belästigung einklagte, ist sich sicher: einen Harvey Weinstein gibt es in jeder Industrie. Sie spricht lieber über ihren Neustart, die Dating App "Bumble". Die App soll die sexistischen Strukturen des Online-Datings aufbrechen.

Worum geht es bei Bumble?
Bumble ist eine Dating-App. Das Besondere ist, dass Frauen den ersten Schritt machen müssen. Nur die Frau darf innerhalb der ersten 24 Stunden nach einem Match den Mann anschreiben.

Warum gibt es Bumble wenn es Tinder gibt?
Warum wurde Facebook gegründet als es bereits Myspace gab? Warum entwickeln sich Dinge weiter? Bumble hat nichts mit den anderen sozialen Netzwerken zu tun. Es gibt bei Frauen diese seltsame Dynamik „hard to get“ zu spielen. Automatisch haben Sie dadurch beim Daten weniger Macht. Das wollen wir ändern. Frauen sollen sich in Liebesdingen endlich nehmen, was sie wollen. In meiner Dating-App sollen Frauen das Sagen haben.

Mögen Männer Bumble?
Das erste Mal in ihrem Leben wird eine Frau den ersten Schritt wagen und sie ansprechen. Das ist genauso gut für Männer, wie für Frauen. Männern wird von klein auf eingeredet: Sprich das Mädchen an. Männer stehen unter großem Druck. Und durch Bumble werden Sie merken, dass Frauen an ihnen interessiert sind.

Aber ist es schön für eine Frau den ersten Schritt machen zu müssen?
Natürlich ist es erst mal schwierig. Die Gesellschaft hat uns Frauen beigebracht niemals den ersten Schritt zu machen. Es ist so normal für uns wie der Kaffee am Morgen. Wir würden morgens auch keine Pizza essen. Es muss ein rigoroses Umdenken passieren.

Die Unternehmerin stellt viele Fragen. Dabei wirkt sie herzlich und interessiert. Ergreifen Frauen in Deutschland eigentlich oft die Initiative? Wie haben Sie ihren Freund kennengelernt? Sie möchte die deutsche Frau nicht nur verstehen, sondern erobern. Vielleicht ist das der Grund für ihren Erfolg: Empathie und Disziplin. Das Forbes Magazin hat Wolfe-Herd kürzlich zu den einflussreichsten Unternehmern unter 30 erklärt. Sie hat die letzten Jahre hart für ihren Erfolg gearbeitet. Es klingt nicht nach Koketterie, wenn sie sagt, dass sie nicht weiß, wann sie das letzte Mal aus war. Sie wirkt älter als 28. Dafür lebe sie ihren Traum. Und damit ist sie wieder bei ihrem Lieblingsthema: Bumble. Seit Anfang 2017 ist die App auf dem deutschen Markt verfügbar.


Nun gibt es auch Bumble Bizz zum Netzwerken.
Mit Bumble Bizz revolutionieren wir das Netzwerken. Die Menschen werden heutzutage nicht länger durch Computer, sondern durch Mobiltelefone miteinander verbunden. Es kann sein, dass du meine Nachricht auf LinkedIn zwei Monate nicht liest. Meine Einladung zum Kaffee bekommst du bei Bumble aber sofort. Aufs Handy. Und warum sollten nur Singles Zugang zu der innovativen Technik von Dating Apps haben?

Benutzen auch Firmen Bumble Bizz?
Absolut. Wir haben mit vielen Firmen eine Partnerschaft, beispielsweise Airbnb, oder Uber. Wenn Sie beispielsweise fünf Personen im Marketing suchen, kann die Marketing-Chefin über Bumble Bizz Leute rekrutieren.

Was magst du am Liebsten an Bumble?
Mein Team. Für Bumble arbeiten über 85 Prozent Frauen. Und Sie sind großartig. Das gibt es in keinem anderen Tech-Unternehmen weltweit.


„Ich wollte nie ein Star sein“


Arbeiten die 15 Prozent Männer nur im IT-Bereich?
Nein, wir haben auch Männer im Marketing.

Braucht Bumble keine Männerquote?
Nein, derzeit nicht. Wenn wir einmal Google sein sollten, dann würden wir eine Männerquote einführen.

Die Metoo-Kampagne ist in aller Munde. Gibt es auch Sexismus im Silicon Valley?
Frag eine Frau, die in Hollywood, im Silicon Valley, im Finanzsektor oder im Café gearbeitet hat. Jede einzelne Frau auf diesem Planeten hat ihre Geschichte zu erzählen. Es gibt einen Harvey Weinstein in jeder Industrie. Überall gibt es wohlhabende ältere Männer, welche ihre Macht missbrauchen. Im Tech Bereich gibt es strenge Hierarchien und viel Geld. Natürlich gibt es dort auch Sexismus.

Liegt die Zentrale von Bumble deswegen in Texas?
Ja, das war ein Grund. Aber ich habe auch in Texas studiert, meine Familie lebt dort. Texas ist mein Zuhause. Und das Beste: In Austin gibt es fast nichts. Wir haben einen Eisladen und einen kleinen Supermarkt. Keinerlei Ablenkung. Perfekt für mich zum arbeiten.

Was ist Bumbles Marketingstrategie?
Wir machen sehr viel über die sozialen Medien. Beispielsweise unsere Bumble-Dinner. Privat liebe ich es Freunde einzuladen und den Tisch aufwändig zu dekorieren. Das mache ich jetzt auch für Bumble und lade erfolgreiche Frauen ein. Das schätze ich sehr: Ich darf so viele wunderbare Frauen treffen.

Welche Frau inspiriert dich?
Ich schaue zu vielen Frauen auf. Als ich jünger war haben viele meiner Freundinnen Hollywoodschauspielern nachgeifert. Ich wollte nie ein Star sein. Ich war immer ehrgeizig, aber hatte nie ein wirkliches Vorbild. Ich wusste nur: Ich will Karriere machen. Und dann kam Sophia Amorusos Buch „Girlboss“ heraus. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Sie sah auf dem Cover hübsch und erfolgreich aus. Das hat mich inspiriert. Denn ich wollte immer eine Karrierefrau, aber auch feminin sein. Sie hat mir gezeigt: Das ist möglich.

Jetzt bist du sehr bekannt...
Das stimmt. Wir wachsen so schnell. Überall, wo ich hingehe, sprechen mich Menschen an: „Whitney, ich habe meinen Freund auf Bumble getroffen.“ „Meine Tochter hat ihren Ehemann auf Bumble getroffen.“ Das ist wirklich cool und bedeutet mir viel.

Welchen Ratschlag würdest du einer jungen Gründerin geben?
Ich würde sagen: Du bist wie ich. Glaub an dich und sei ambitioniert. Lass deine Ambitionen nicht von äußeren Einflüssen kaputt machen. Sei fokussiert. Wenn ich es kann, kann es jeder. Ich war nie die intelligenteste Person im Raum. Und wenn ihr eine Firma starten wollt: Löst ein Problem. Menschen halten immer Ausschau nach dem besseren Produkt. Deswegen funktioniert auch Bumble.