Die Digitalbranche kommt zur Besinnung

Die Digitalkonferenz DLD gilt als buntes Festival für Gründer, Investoren und andere Vordenker – kurzum für die Revolutionäre des Tech-Zeitalters. Auch in diesem Jahr ist die Euphorie groß, aber viele sind nachdenklich.

Es hat Zeiten beim DLD gegeben, da mussten die Vertreter aus dem Silicon Valley nur die Bühne des Digitalkongresses betreten und schon war ihnen die Begeisterung und Huldigung des Publikums sicher. In ihren Vorträgen ging es darum, die Welt mithilfe von Plattformen und Algorithmen besser zu machen, grenzenlos, frei. Sie predigten die unvergleichlichen Vorzüge ihrer Technologien – feierten sich selbst und ließen sich feiern.

Doch das vergangene Jahr hat die Schattenseiten offenbart: Datenklau bei Uber, Fake News und Hasskommentare bei Facebook, Rekord-Wettbewerbsstrafe aus Brüssel für Google, Steuernachforderungen der EU-Kommission an Apple und Amazon. Der Widerstand der Gesellschaft, vor allem gegen die vier scheinbar übermächtigen US-Tech-Giganten, wächst. Ihre wirtschaftliche und politische Dominanz wird vielen unheimlich. Obendrein zeigte sich auch das Silicon Valley, nach wie vor für viele das Tech-Mekka schlechthin, von seiner schlechten Seite: hochmütig, ignorant und auch sexistisch. So verwundert es nicht, dass es bei der diesjährigen DLD – Digital Life Design – der Mediengruppe Hubert Burda Media grüblerischer zuging als sonst. Sprach man mit traditionellen Besuchern der Konferenz, die von Samstag bis Montag in München stattfand, fiel das Urteil fast einhellig aus: In diesem Jahr herrsche eine nachdenkliche Stimmung.

Das spiegelte sich auch im diesjährigen Motto wieder: Reconquer, also Wiedererobern, deutet an, dass bei dem rasanten Fortschreiten von Künstlicher Intelligenz und Automatisierung etwas verloren oder in Vergessenheit geraten ist. Auch DLD-Mitgründerin Steffi Czerny, kreativer Kopf hinter der Konferenz, merkte an, dass der digital getriebenen Wandel zwar viele Chancen und Perspektiven eröffnet, aber eben auch neue Herausforderungen und Fragen geschaffen habe: „Um diesen begegnen zu können, darf der Blick nicht immer nur nach vorne gerichtet sein“, so Czerny. Es ginge darum, Neues zu gestalten, ohne dabei alles, was einem lieb und teuer geworden sei, über Bord zu werfen. Das Motto beherzigten auch viele Redner: Während sich die Gründer und Manager aus dem Silicon Valley ungewöhnlich zurückhaltend gaben, fast reumütig, versprühte die europäische Tech- und Investorenszene Aufbruchstimmung und ein selten dagewesenes Selbstbewusstsein.


Das Rückbesinnen auf die Stärken und Werte Europas war ein zentrales Momentum der DLD. Als Vorkämpfer präsentierte sich zum Auftakt Außenminister Sigmar Gabriel, der die Eröffnungsrede am Samstagabend hielt: Er erinnerte daran, dass früher einmal europäische Entdecker ausschwärmten, um neue Seewege zu erobern. Gabriel plädierte dafür, auch heute die Grenzen zu überschreiten und sich in das „digitale Terra incognita“ zu wagen.

Gabriel forderte, Europa solle nicht dem Silicon Valley oder China nacheifern, sondern seinen eigenen Weg finden. „Ohne eine Vision von Europa als globaler Champion bei Tech-Innovation, können wir keine Balance finden zwischen Privatsphäre und Regulierung, Liberalismus und Sicherheitsbedenken, Dogma und Pragmatik.“

Auch in zahlreichen Panels und Diskussionen wurden die digitalen Chancen von Europa beschworen. Zwar bekannte Telekom-Chef Tim Höttges auf der Bühne, dass Europa bei den B2C-Plattformen – gemeint sind etwa Amazon, Google und Facebook – für immer den Anschluss verloren habe. Aber im Internet der Dinge, im Geschäft zwischen Unternehmen, liege Europas Stärke. Auch Mattias Ljungman, Mitgründer des Risikokapitalgebers Atomico sagte dem Handelsblatt: „Es gibt so viele Tech-Start-ups in Europa, die es wert sind betrachtet zu werden.“ In Deutschland gebe es zum Beispiel viele junge Unternehmer, die versuchten die Herstellung und Ingenieurskunst neu zu erfinden. Und er forderte: „Wir müssen endlich dieses Narrativ aufbrechen, dass jede Innovation aus dem Silicon Valley kommt. Ich kann nicht verstehen, dass selbst Europäer diese Geschichte glauben.“


„Viele glaube, dass Technologie die Spaltung vorantreibt“

Lakestar-Gründer Klaus Hommels, einer der führenden europäischen Tech-Investoren, findet ebenfalls, dass Europa viele Chancen und Möglichkeiten offenstehen. Aber: „Wir müssen unsere digitalen Unternehmen mehr unterstützen und schützen, sonst ist bald die nächste Branche verloren“, sagte er dem Handelsblatt. Wie viele andere – manche offen auf der DLD-Bühne, andere in den zahlreichen Gesprächen und Diskussionen am Rande – fordert er eine stärkere Regulierung von Google, Amazon, Facebook und Apple und setzt dabei auf eine Frau: EU-Kommissarin Margrethe Vestager, Europas höchste Wettbewerbshüterin, die sich schon mehrmals mit den US-Tech-Giganten angelegt hat, sei es beim Thema Steuergerechtigkeit oder Marktmissbrauch. Sie war nicht nach München zur DLD gereist, aber dennoch präsent während der Digitalkonferenz.

Zwar kritisierte Facebooks Marketing- und Politikchef Elliot Schrage, dass das seit kurzem in Deutschland gültige Netzwerkdurchsetzungsgesetz gegen Hass im Internet zu weit gehe. Es sei Understatement, zu sagen, dass das vergangene Jahr eine Herausforderung für Facebook gewesen sei. Und damit war der Reue nicht genug: Facebook müsse besser werden, denn es gäbe momentan ein Umfeld aus Skepsis und Angst, wie der Konzern operiere. „Das ist eine neue Realität und das ist meine, ja unsere Verantwortung, diese Sorge anzusprechen“, meinte Schrage. Heute sei die Welt dramatisch polarisiert – und viele Menschen glaubten, dass Technologie diese Spaltung vorantreibe. Er stehe auf der Bühne, damit der Tech-Sektor, und Facebook im Besonderen, einen besseren Job mache, die Brücke zwischen den Erwartungen der Menschen und der Realität schließe.


Scott Galloway, Marketing-Professor an der NYU Stern School of Business und Autor des Buchs „The Four – Die geheime DNA von Amazon, Apple, Facebook und Google “, will Facebook-Manager Schrage das breit angelegte Mea culpa in seiner Rede auf der DLD-Bühne nicht durchgehen lassen. Wenn es Medienunternehmen schaffen würden, nicht zur Plattform für russische Propaganda zu werden, dann müsste es ein multimilliardenschwerer Konzern wie Facebook wohl auch hinbekommen. Der Marketing-Fachmann liebt und nutzt nach eigener Aussage die vier US-Tech-Konzerne, aber er ist zu einem ihrer vehementesten Kritiker geworden. Er plädiert für eine Aufspaltung und glaubt sogar, dass es in Europa nicht mehr lange dauern werde, bis ein Land den ein oder anderen Dienst verbannen würde.

Nicht mit Fake-News, Hasskommentaren und Propaganda, dafür allerdings mit Sexismusvorwürfen, unlauterem Wettbewerb und einem vertuschten Datenklau muss sich der Fahrdienstvermittler Uber herumschlagen. Das von Gründer Travis Kalanick hinterlassene Erbe muss der neue Chef Dara Khosrowshahi aufarbeiten. Im Interview mit Bildchefredakteurin Tanit Koch während der DLD gab er zu, dass er Ubers rasantes Wachstum lange Zeit bewundert habe, dass das Unternehmen aber zu sehr an die Grenzen gegangen wäre: „Manchmal entschuldigt Gewinnen auch schlechtes Benehmen.“ So solle es allerdings nicht weitergehen, der Kalanick-Nachfolger will verantwortungsvolles Wachstum für Uber.

Auch in Deutschland, denn dort habe man in der Vergangenheit viel falsch gemacht, so Khosrowshahi. Das zeigten auch die laut pfeifenden Taxifahrer, die sich vor der dem Veranstaltungsort, der Alten Bayerischen Staatsbank in der Münchener Innenstadt, versammelt hatten, um gegen den Fahrdienstleister zu protestieren. „Wir brauchen einen vollständigen Neustart“, sagte der Uber-Chef. Deshalb setze man nun auf die Zusammenarbeit mit Städten, Behörden und Taxiunternehmen. Welche deutsche Stadt er als nächstes in den Fokus nehmen will, verriet er nicht. Und auch die für das Silicon Valley typische Hybris kann er dann doch nicht ganz verbergen auf die Frage, warum er sich entschlossen hätte, den Chefposten bei Expedia aufzugeben und bei Uber zu übernehmen: „Uber will die Welt zu einem besseren Ort machen“, meinte er.