Ich habe den Tech-Schlafring ausprobiert, auf den US-Gründer schwören

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Der Oura-Ring: Statussymbol oder überflüssiges Gadget?
Der Oura-Ring: Statussymbol oder überflüssiges Gadget?

Alles bis ins kleinste Detail tracken, das machen Gründerinnen und Gründern bekanntlich gerne – ihre Nutzerzahlen, ihre Conversions, wieviel Zeit sie für welche Aufgabe benötigen, die Performance ihrer Mitarbeitenden, ihre eigene Performance. Warum also nicht auch ihren Schlaf?

Twitter-Gründer Jack Dorsey sagt etwa, er gehe abends um neun oder zehn ins Bett und stehe um fünf Uhr morgens wieder auf. Das weiß er nicht nur durch den Blick auf seine Uhr, sondern auch durch seinen Oura-Ring. Der Schlaftracker des gleichnamigen, finnischen Startups erfreut sich großer Beliebtheit bei Unternehmern wie Dorsey. Die Northzone-Investorin Sarah Nöckel ist bekennende Trägerin des Wearables, genauso wie der Salesforce-Chef Marc Benioff. Sogar Prinz Harry wird oftmals mit dem Ring abgelichtet.

Vom Schlafrhythmus des Twitter-CEOs bin ich weit entfernt. Ich schaffe es meist nie vor Mitternacht ins Bett, dann scrolle ich mich in den Schlaf. Morgens fällt es mir schwer, aufzustehen, durch das Corona-bedingte Homeoffice ist das nicht leichter geworden. Vielleicht kann mir der Oura-Ring (Einstiegspreis: stolze 299 US-Dollar) dabei helfen, etwas mehr wie Jack Dorsey zu werden.

Das Milliardengeschäft mit dem Schlaf

Das Bestellprozedere ist umständlich: Zunächst bekomme ich ein Testkit mit Plastikringen in verschiedenen Größen. Die muss ich mindestens 24 Stunden tragen, um die richtige Größe herauszufinden. Denn meine Finger können über Nacht anschwellen, lerne ich.

Als der echte Ring, der mir zum Testen bereitgestellt wurde, schließlich ankommt, ist die erste Reaktion aus meinem Umfeld: „Sieht aus wie ein Teil, das an der Waschmaschine abgefallen ist.“ Filigran ist der Ring tatsächlich nicht, aber irgendwo müssen die ganzen Sensoren ja auch hin, die in dem Wearable eingebaut ist.

Wie wichtig guter Schlaf ist, um körperlich und geistig fit zu bleiben, das weiß ich spätestens seit dem Hype um „Why We Sleep“. Fragt man Gründer nach ihren Lieblingsbüchern, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass dieses Buch darunter ist. Der Autor dieses Bestsellers ist der Neurowissenschaftler Matt Walker, der zufälligerweise auch das Unternehmen hinter dem Oura-Ring als Chief Scientist berät.

Aus dem Hype ums Schlafen ist eine Milliarden-schwere Industrie entstanden – vom CBD-Öl über die Meditations-App bis hin zur extra schweren Bettdecke, die bei Angstgefühlen und Einschlafproblemen helfen sollen. Einer Auswertung zufolge soll der jährliche Umsatz mit Schlaf-Tools weltweit bis zu 102 Milliarden US-Dollar betragen. Davon profitiert auch Oura: Mehr als 500.000 Ringe hat das Startup nach eigenen Angaben seit Gründung bislang verkauft und fast 150 Millionen US-Dollar an Wagniskapital eingesammelt. Auch einer seiner prominentesten Testimonials, Twitter-Chef Jack Dorsey, ist mit seiner Investmentfirma beteiligt.

Prinz Harry trägt den Oura-Ring an seinem rechten Ringfinger
Prinz Harry trägt den Oura-Ring an seinem rechten Ringfinger

Der Ring braucht einige Tage, bis er sich kalibriert hat. Nach der ersten Nacht warnt er mich aufgeregt: „Du bist gestern später als sonst ins Bett gegangen.“ Nach den ersten zwei Wochen kann ich in der App einsehen, wann meine optimale Schlafenszeit ist (zwischen halb zwölf und halb eins). Ich lerne, wie lange ich gebraucht habe, um einzuschlafen (unter fünf Minuten ist ein Zeichen von Übermüdung), und wie lange ich in welcher Schlafphase war (leichter Schlaf, Traumphase oder Tiefschlaf).

Für diese Auswertung trackt Oura etwa meine Bewegungen und misst meinen Ruhepuls und meine Temperatur. Der Ring ist dabei erstaunlich genau: Als ich eines Abends zu viel Wein hatte, ließ das meinen Ruhepuls in die Höhe schnellen, die App alarmierte mich. Den Kater hätte ich aber vermutlich auch so erkannt. Einmal warnte mich der Ring auch, weil ich eine erhöhte Temperatur hatte – ich war zuvor in der Sauna.

Ring zur Corona-Früherkennung?

Das Feature der Temperaturmessung könnte dem Unternehmen nun sogar einen neuen Use Case bescheren: Ersten Studien zufolge könnte der Ring frühzeitig eine Infektion mit dem Coronavirus erkennen. Durch die Temperaturmessung sollen die Sensoren ausschlagen, noch bevor es die regulären Schnelltests tun. Im vergangenen Jahr brachte dieses Feature einige Firmen dazu, ihre Mitarbeitenden mit den Ringen auszustatten. Auch die amerikanische Basketballliga NBA besorgte die Tracker für ihre Spieler. Für Oura eine Möglichkeit, weiter ins Firmenkundengeschäft einzusteigen. Welchen Anteil die B2B-Verkäufe mittlerweile am Umsatz ausmachen, dazu wollte das Unternehmen keine Angaben machen.

Ich gewöhne mich relativ schnell daran, den Ring ständig zu tragen – beim Sport, unter der Dusche, beim Schlafen. Er kommt mir nicht mehr so klobig und schwer vor wie am Anfang. Anders etwa als eine Applewatch muss er relativ selten aufgeladen werden – bei mir nur etwa alle fünf Tage.

Ein Problem, das man vorher nicht hatte

Wie habe ich eigentlich geschlafen? Diese Frage beantworte ich mir bald gleich nach dem Aufwachen mit einem Blick auf die eigene App. Statt meinem eigenen Gefühl entscheidet nun der Ring. Einerseits kann es manchmal beruhigend sein, zu sehen, dass die gefühlten zwei Stunden, die man nachts wach lag, in Wirklichkeit nur eine Viertelstunde lang waren. Andererseits sehe ich nach einer schlechten Nacht schwarz auf weiß, wie schlecht es um meinen Schlaf bestellt war.

Ähnlich geht es Philipp Klöckner, Investor und Co-Host des Podcasts „Doppelgänger Tech Talk“, ebenfalls Oura-Träger. In der Berliner Startupszene werde er häufiger auf den Ring angesprochen, erzählt er, das sei ihm meist unangenehm. Ein „Healthjunkie oder Lebensverlängerer“, so wie viele andere der Oura-Träger aus der Techbranche, will er nicht sein. Den Ring habe er sich vor allem aus Neugier angeschafft, erzählt er mir: „Ich schlafe fünf bis sechs Stunden pro Nacht und wollte sehen, wie erholsam mein Schlaf ist.“ Dank Oura wisse er jetzt: Seine Tiefschlafphasen seien zu kurz, sein Ruhepuls relativ hoch. „Jetzt habe ich also ein Problem, das ich vorher nicht hatte.“

https://twitter.com/pip_net/status/1313316580617588736?s=20

Trotz angeblichem Tiefschlafdefizit fühle er sich ausgeschlafen, sagt er. Deshalb habe er bislang auch nichts an seiner Schlafroutine geändert. Nur am Anfang sei er dem Rat des Rings gefolgt und schon um 22 Uhr ins Bett gegangen. Die Konsequenz: Er wurde um drei Uhr morgens wach. „Erholter habe ich mich dadurch nicht gefühlt.“

Auch ich habe bislang noch nichts an meinem Schlafrhythmus verändert. Von Jack Dorseys Einschlaf- und Aufstehzeiten bin ich weiter entfernt denn je. Trotzdem, ich bin positiv überrascht von den Funktionen und der Genauigkeit des Rings. Es könnte das erste Tracking-Tool werden, das ich nutze.

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