Das erwartet Herbert Diess auf seiner ersten Hauptversammlung als VW-Chef

Für Herbert Diess ist es eine Premiere: An diesem Donnerstag tritt er auf der Hauptversammlung in Berlin zum ersten Mal als Vorstandsvorsitzender vor die Aktionäre von Volkswagen. Diess muss sich darauf vorbereiten, dass die Anteilseigner kritische Fragen stellen werden – denn an einigen grundsätzlichen Problemen hat sich durch den Wechsel von Matthias Müller auf Diess überhaupt nichts geändert.

An erster Stelle steht natürlich immer noch die Dieselaffäre, die noch lange nicht erledigt ist, auch wenn Volkswagen die größten Belastungen vermutlich bereits durchgestanden hat. Die rechtliche Aufarbeitung des Manipulationsskandals wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Gut 25 Milliarden Euro an Rückstellungen hat der VW-Konzern dafür bereits verbucht. Mit diesem Betrag hat der Autohersteller bislang vor allem die Risiken in den USA abgedeckt.

Völlig offen ist bis heute, wie die rechtliche Aufarbeitung in Europa weitergehen wird. Im Fokus stehen dabei besonders die Justizbehörden in Deutschland. Die Staatsanwaltschaften in Braunschweig, München und Stuttgart ermitteln gegen Mitarbeiter von Volkswagen sowie der beiden Konzerntöchter Audi und Porsche. Bisher haben sich die Staatsanwaltschaften sehr viel Zeit mit ihren Ermittlungen gelassen. Niemand kann ausschließen, dass es zu Anklagen kommen wird.


Die Aktionäre werden von Herbert Diess erwarten, dass er sich zu den verbliebenen rechtlichen Risiken äußert. Bedrohlich sind für den Volkswagen-Konzern mögliche Schadensersatzfahren von Aktionären und geschädigten Autofahrern. Diese Verfahren könnten für VW noch einmal sehr unangenehm werden – durch weitere Milliardenlasten. Dann würden die bislang zurückgelegten 25 Milliarden Euro nicht reichen, die 30-Milliarden-Schwelle würde sehr wahrscheinlich überschritten werden.

Eng verbunden mit der Dieselaffäre ist der Kulturwandel, den Volkswagen nach dem Bekanntwerden des Dieselskandals versprochen hatte. Der Konzern muss dafür sorgen, dass sich eine solche Affäre künftig nicht wiederholt und dass das Unternehmen durchgängig gesetzeskonform agiert. Darüber wacht seit einem Jahr der Larry Thompson, der Volkswagen im Auftrag des US-Justizministeriums kontrolliert.

Thompsons zu Ostern vorgelegte erste Zwischenbilanz war für Volkswagen ziemlich ernüchternd. Der US-Monitor hat Zweifel daran, dass das Topmanagement es mit dem versprochenen Kulturwandel wirklich ernst meint. Die VW-Aktionäre werden den neuen Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess danach fragen, wie der Wandel der Unternehmenskultur unter seiner Führung gelingen soll.

Die Anteilseigner werden solche Fragen aus purem Eigennutz stellen: Denn wenn Thompson auch in zwei Jahren zum Ende seiner Amtszeit unverändert meint, dass sich in Wolfsburg nicht viel getan hat, dann wird es für den VW-Konzern noch einmal teuer. Dann drohen milliardenschwere Nachforderungen der US-Justiz, weil sich Volkswagen nicht an vereinbarte Auflagen gehalten hat.


Herbert Diess hat diesen gesamten Themenblock von seinen Vorgängern geerbt. Als das Unheil in Wolfsburg seinen Lauf nahm, das war er noch BMW-Vorstand in München. Erst vor knapp drei Jahren ist der heute 59-jährige Automanager nach Wolfsburg zu Volkswagen gewechselt, zunächst als Chef der Marke VW. Dass er für vieles von dem, was in den vergangenen Jahren bei Volkswagen passiert ist, persönlich nicht die Verantwortung trägt, wird ihm in seiner neuen Position nicht helfen. Diess ist jetzt der neue Konzernchef – und damit per se für alles verantwortlich.

Wenig problematisch aus Sicht von Diess ist die Entwicklung des operativen Geschäfts. Denn trotz der Nachwirkungen der Dieselaffäre entwickeln sich die Verkaufszahlen bei Volkswagen und seinen Töchtern prächtig. Im vergangenen Jahr hat der Wolfsburger Konzern neue Rekordwerte bei Absatz, Umsatz und operativem Ertrag erreicht.

Die Dividende steigt auf fast vier Euro und erreicht damit fast Normalniveau wie aus der Zeit vor der Dieselaffäre. Allzu lautes Wehklagen der Aktionäre ist deshalb nicht zu erwarten. Erwartbar ist allenfalls nur, dass sie sich mit vier Euro nicht zufrieden geben und noch mehr verlangen.

Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht, auch im ersten Quartal dieses Jahres hat Volkswagen wieder recht ordentlich verkauft. Die Auswirkungen der Dieselaffäre sind allenfalls noch in Europa und vor allem unter deutschen Kunden spürbar. Im Rest der Welt haben die Autofahrer offenbar schneller vergessen und reagieren mit neuen Bestellungen bei VW und den Tochtermarken.


Trotzdem sind gewisse Abstriche bei der weiteren Entwicklung von Rendite und Dividende erwartbar. Denn das operative Geschäft steht bei Volkswagen und in der gesamten Automobilindustrie vor einem Umbruch. Die Bedeutung der Verbrennungsmotoren lässt nach, allen voran beim Diesel. Stattdessen gehen die rein batteriegetriebenen Pkw an den Start, wie die neue ID-Elektrobaureihe Ende kommenden Jahres bei Volkswagen.

Damit steigen allerdings wieder die Risiken. Nehmen die Kunden die neuen E-Autos an? Kann die unverzichtbare Ladeinfrastruktur rechtzeitig aufgebaut werden? Volkswagen hat schon jetzt angedeutet, dass die Rendite der neuen E-Modelle niedriger ausfallen wird. Niedriger als das, was Anleger bislang bei Volkswagen gewohnt sind.

Konkrete Zahlen hat VW bislang zwar noch nicht genannt. Eine operative Rendite von zwei bis drei Prozent dürfte bei den neuen Elektrofahrzeugen realistisch sein. Aktuell liegt der VW-Konzern bei gut sechs Prozent.

Herbert Diess wird Antworten dazu liefern müssen, wie er sich den weiteren Einstieg in das VW-Elektrozeitalter vorstellt. Die Anteilseigner dürften sich zu zeitlich befristeten Einbußen bei der Dividende bereiterklären – wenn die Pause höherer Ausschüttungen nicht allzu lange währt und die Dividenden später wieder ordentlich fließen.

Die Aktionäre dürften Diess allerdings erst einmal mit offenen Armen empfanden – der Chefwechsel verspricht eine neue Aufbruchstimmung im Konzern.