„Der Diesel wird eine wichtige Rolle spielen“

Vor der IAA überbieten sich die Autobauer mit Plänen für das Elektrozeitalter. Der Chef des Branchenverbandes, Wissmann, glaubt aber weiter an den Diesel. Wie stark sich die Industrie wandelt, zeigt die Ausstellerliste.


Es war ein konzentrierter und entschlossener Auftritt, den Matthias Wissmann, Chef des Branchenverbandes VDA, am Montag ablieferte: 200 Journalisten waren zu der traditionellen Auftakt-Pressekonferenz ins Frankfurter Messezentrum gekommen. Der Cheflobbyist wählte seine Worte mit Bedacht – wohl wissend wie viel Kritik die Autobranche mittlerweile auf sich zieht. „Diese IAA findet in besonderen Zeiten statt, die öffentliche und politische Stimmungslage ist extrem anspruchsvoll“, sagte Wissmann mit Blick auf die Diesel-Debatte.

Trotz Dieselskandal und drohenden Fahrverboten in Großstädten werde die Autoindustrie an der Dieseltechnologie festhalten, erwartet Wissmann: „Ich persönlich glaube, dass der Diesel in Europa, wenn wir die Baustelle Stickoxid (NOx) gelöst haben, eine erhebliche Rolle im Markt weiter spielen wird“, sagte er. „Der moderne Diesel ist für die Erreichung der CO2-Ziele in Europa unverzichtbar.“

So werde der Selbstzünder womöglich nicht im Stadtverkehr, aber bei Lkws im Fernverkehr noch sehr lange gebraucht. „Einen Abgesang auf den Diesel zu singen in einer Zeit, wo ich mittelfristig den Diesel zur CO2-Reduzierung brauche, wäre eine strategisch falsche Antwort.“


„Keiner sollte jedoch daraus den Schluss ziehen, wir würden den guten alten Zeiten nachhängen, wir würden die Zukunft nicht im Blick haben“, sagte Wissman weiter. Die deutsche Autoindustrie investiere bis zum Jahr 2020 16 bis 18 Milliarden Euro in die Digitalisierung und in das automatisierte Fahren. Parallel dazu investiert die Branche 40 Milliarden in alternative Antriebe. Bis 2020 werde die Zahl der Elektromodelle der deutschen Hersteller von heute 30 auf über 100 steigen.

Nach Ansicht der Branchenlobby ist das Problem zu hoher gesundheitsschädlicher NOx-Emissionen mit den Beschlüssen vom Diesel-Gipfel im August und der ab September geltenden strengeren Messverfahren für Schadstoffe gelöst. Die deutschen Autohersteller hatten sich verpflichtet, Millionen ältere Dieselautos per Software-Update sauberer zu machen.

Zudem bieten fast alle großen Marken Umtauschprämien Besitzern älterer Diesel an, die ihre Fahrzeuge verschrotten. Das alles werde den NOx-Ausstoß um zwölf bis 14 Prozent senken, prognostizierte der VDA.


Umweltlobbys und viele Politiker sind dagegen der Ansicht, es müsse auch noch einen nachträglichen Einbau von Katalysatoren und Reinigungstechnik in ältere Autos geben. Die Industrie lohnt das aus Kostengründen ab. Zur Dieseldebatte will sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel äußern, die zur Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag erwartet wird.

Manager von Facebook und Google auf der IAA

Eine Lehre aus dem VW-Dieselskandal, der während der letzten IAA 2015 aufflog, ist nach Worten Wissmanns, bei der Entwicklung von Software mehr Kontrolle und Rechtstreue sicherzustellen. „Aus Fehlern lernen heißt Zukunftsthemen massiv voranzutreiben“, sagte der VDA-Präsident. Neben dem Ausbau der Elektromobilität, den die deutschen Autobauer BMW, Daimler und Volkswagen auf der Messe herausstellen wollen, sei das die Vernetzung des Autos.


Mit Konzernen wie Facebook, Google und dem Chiphersteller Qualcomm wird die Liste der Teilnehmer aus der IT-Branche an der größten Automesse weltweit immer länger. Zum zweiten Mal wird auf der eine Sonderausstellung dazu für Fachbesucher angeboten. „Die Idee ist, die IT-Welt und die automobile Welt zu verknüpfen“, sagte Wissmann.

Aus der traditionellen Autoindustrie mehrten sich in diesem Jahr allerdings die Absagen - große Namen wie Fiat Chrysler, Peugeot oder Volvo meiden die Frankfurter Autoshow. Die Zahl der Aussteller schrumpfte um fast zehn Prozent auf knapp 1000. Der VW-Konzern fährt seinen Auftritt zurück.

So präsentiert sich die Premiumtochter Audi nicht länger in einer separaten Halle. An dieser Stelle wollen die deutschen Autobauer und die großen Zulieferer stattdessen dem Publikum ermöglichen, autonome Fahrfunktionen wie Notbrems- oder Abstandsassistent selbst auszuprobieren.